Der nie vollendete Dom
Der nie vollendete Dom

Die Entwicklung der optischen Industrie ist eng mit der Geschichte der Stadt verbunden. Ihre Präzisionsprodukte verschafften Wetzlar Weltruf. 1849 gründete Karl Keller in der Altstadt sein „optisches Institut“, 1852 kam Moritz Hensold mit einer Werkstatt für Fernrohre, astronomische Geräte und Mikroskope hinzu. Heute gehört die Firma zur Carl-Zeiss-Gruppe in Jena. Oskar Barnack erfand 1914 die erste Kleinbildkamera der Welt, seit 1924 als „Leica“ auf dem Markt.

Ach ja. Da wäre noch Goethe zu erwähnen. Sein Aufenthalt in Wetzlar galt juristischen Studien am Reichskammergericht, dem damals obersten Gerichts des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Und Charlotte Buff. Fast täglich besuchte er die Familie. Seine Eindrücke und Erinnerungen finden sich im Roman „Die Leiden des jungen Werther“ wieder.

Alte Lahnbrücke
Alte Lahnbrücke

Dass wir ausgerechnet zum großen Weinfest die Stadt an der Lahn besuchen, merken wir erst am späten Nachmittag. Nicht alle Besucher mit Pkw finden einen Platz auf der Lahninsel. Drehen eine Runde und suchen den nächsten Parkplatz. An allen möglichen und unmöglichen Ecken werden die Wagen abgestellt. „Das wird keine ruhige Nacht“, mutmaßt ein belgischer Womofahrer vor uns. Er hat recht. Es wird keine ruhige Nacht. Und weil das Weinfest auch am kommenden Tag und am darauffolgenden Sonntag weitergeht, sieht uns der nächste Morgen wieder auf Achse.

Der Graue Turm
Der Graue Turm

Fritzlar

Rund hundert Kilometer über Bundesstraßen und Autobahnen führt unser Weg. Dann haben wir Fritzlar erreicht. Laut Wegweiser „Zwischen den Krämen 5“. Unser Navi führt uns durch die Innenstadt. Durch enge Straßen. Bis zur Fußgängerzone am Markt. Dort haben wir nun überhaupt nichts zu suchen. Eine Taxifahrerin hilft uns weiter: „Sie müssen zurück. Geradeaus. Dann kommen Sie durch ein Stadttor. Dort ist der Wohnmobilstellplatz.“ „Zwischen den Krämen 5“ erweist sich als die Adresse der Touristeninformation. Und die liegt mitten in der Altstadt, unweit des Domplatzes. Langsam kommen wir voran. Erreichen wenige Minuten später tatsächlich den Platz am Grauen Turm. Noch sind viele Flächen frei. Platz zum Aussuchen. Mit 38 Metern Höhe ist der Graue Turm der größte erhalten gebliebene städtische Wehrturm Deutschlands. Von oben bietet sich ein herrlicher Blick über die Dächer der Altstadt.

Bonifatius-Denkmal
Bonifatius-Denkmal

Nach dem Einparken ist die übliche Verschnaufpause fällig. Dann geht’s ab auf Schusters Rappen zur Stadtbesichtigung. Bei inzwischen 40 Grad im Schatten. Da kommt nun wirklich keine Freude auf. Also Eindampfen der geplanten „Exkursion“ auf das Wichtigste, ein paar Straßenzüge, den Marktplatz, den Wochenmarkt (wir benötigen etwas zum Abendbrot) und die Basilika. Erst 2004 durch Papst Johannes Paul II. mit dem Ehrentitel ausgezeichnet.

Die Dom- und Kaiserstadt hat allerdings noch viel mehr zu bieten. Vor etwa 1300 Jahren wurde sie gegründet. Damals fällte Bonifatius, der Apostel der Deutschen, das Heiligtum der Chatten, die Donareiche. Aus ihrem Holz baute er seine erste Kirche. Die Siedlung Fritzlar entstand. Übrigens schlugen ihm die Einheimischen ein paar Jahre später für seinen Frevel an ihrem heiligen Baum der Götter den Schädel ein. Er fand sein Grab unter dem Dom zu Fulda. Dort liegt er noch heute. Sein Denkmal – mit der Axt in der Faust – steht in Fritzlar.

Der Dom
Der Dom

Fritzlar, das sei noch erwähnt, ist eine der wenigen kulturhistorischen Städte, die sich noch einen großen Teil ihrer mittelalterlichen Grundstruktur und Bausubstanz erhalten haben. Am Schnittpunkt wichtiger Straßen gelegen und durch Karl den Großen mit einer Pfalzanlage versehen, wird die Stadt zu einem bevorzugten Aufenthaltsort der deutschen Könige und Kaiser in Hessen. Im 11. Jahrhundert steht sie im Blickfeld der Reichspolitik. 919 wird der Sachsenherzog Heinrich in Fritzlar zum König erhoben. Ein entscheidender Meilenstein für die Entstehung des mittelalterlichen deutschen Reiches.

Nach und nach trudeln am Abend weitere Mobile ein. Letztendlich bleibt dann nur noch ein freier Platz übrig. Die Nacht beschert uns bei tropischen Temperaturen ein heftiges Gewitter mit Starkregen.