Glück hat Greetsiel trotz dieses Schadens gehabt. Die Schleuse Leysiel, die seit 1991 den Hafen von der offenen Nordsee trennt, ist heil geblieben. Ebenso der Deich, der in den vergangenen Jahrzehnten laufend erhöht wurde, um den gestiegenen Wasserständen bei Stürmen zu trotzen. Das über hundert Jahre alte Sieltor im Ort selbst hat damit als Stop für den Blanken Hans ausgedient.

Weit über die Krummhörn hinaus bekannt, die Halbinsel auf der auch Greetsiel liegt, ist wohl der gelb-rote Pilsumer Leuchtturm von 1888. Er war mit seinen dreizehn Metern für Blödel-Otto (Waalkes) Filmkulisse und der Hauptdarsteller einer Kinderbuchreihe. Darüber hinaus ist er noch heute Trau(leucht)turm für rund 200 Paare im Jahr. Auch auf der Krummhörn und bei gutem Wetter vom Stellplatz in Greetsiel prima mit dem Fahrrad zu erfahren ist der Campener Leuchtturm. Mit 308 Stufen und 65 Metern Höhe der höchste Leuchtturm in Deutschland. „Eiffelturm Ostfrieslands", nennen ihn die Einheimischen.

Der ist nicht gestrandet
Der ist nicht gestrandet

Norddeich

In der Nacht fallen Regentropfen auf unser Womodach. Sollte das Wetter schlechter werden? Gegen Morgen ist es wieder trocken. Nebel zieht übers Land. Lichter Nebel mit einer Sicht von über 300 Metern. Über allem ein grauer Novemberhimmel und Windstille. Wir haben nach Frühstück und Entsorgen rund 20 Kilometer zurückzulegen, um nach Norddeich zu kommen. Sind gespannt, wie viele Mobile auf dem großen Parkplatz vor dem Ocean Wave und der Seehundstation stehen. Als wir ankommen, sehen wir nur vier, mit uns fünf. Das werden bis zum Abend sogar sieben. Auf einem Platz, der laut Flyer 44 Mobile beherbergen kann. 10,- Euro soll er kosten, zuzüglich 2,50 Euro pro Person Kurbeitrag (15.3.-31.10.). Macht zusammen 15,- Euro. Kurtaxe vom 1.11.-14.3. = 1,20 Euro. Jede weitere Person – also z.B. das Kind ab 4 Jahre – wird mit 3,- Euro zur Kasse gebeten (bis einschl. 15 Jahre kurtaxenfrei). Ehepaar mit zwei Kindern macht zusammen 21,- Euro pro Tag von Mitte März bis Ende Oktober. Das nenne ich „Kasse machen“. Immerhin, Hunde sind gebühren- und kurtaxenfrei. Einmal pro Tag 20 Minuten Duschen im Ocean Wave wird dann mit 1,- Euro pro Person berechnet.

Hochwassermarken am Deich
Hochwassermarken am Deich

Wir haben Glück – wieder einmal. Für uns wie für alle anderen Besucher kostet es nichts. Die Kassenautomaten sind kaputt und die Ausfahrschranke offen. „Das könnte mir öfters passieren“, sagt ein begeisterter Pkw-Fahrer. Für uns gibt’s aber auch kein WC, keine Müllbehälter, keine Duschen. Das Ocean Wave wird renoviert und ist geschlossen.

Nach dem Einparken geht’s auf Schusters Rappen Richtung Flaniermeile und Deich – diesmal ohne vorherigen Tee. Ich kenne Norddeich aus den Sommermonaten. Mit vielen Menschen auf den Straßen und am Strand. Heute, am 18. November, gähnende Leere. Verschlossene Geschäfte, bis auf die zwei, drei harten, die auch im November auf Kundschaft hoffen. Kein Bäcker, der Brot und Brötchen feilbietet. Alle haben Winterpause. Nur die Touristinformation und die Mitarbeiter der  Seehundstation sind in voller Besetzung „an Deck“.

Dünen schützen den Deich
Dünen schützen den Deich

Wir „erklettern“ den Deich. Gucken aus luftiger Höhe auf den Nationalpark Wattenmeer. Wandern erst eine Weile nach rechts, dann nach links auf dem Bollwerk gegen den Blanken Hans. Sehen ziehenden Gänsen nach, die in Keilform das Grau des Himmels „durchpflügen“ und nach einem geeignetem Nachtquartier Ausschau halten. Tausende von ihnen haben wir auf der heutigen Fahrt hinterm Deich auf den angrenzenden Wiesen und Feldern erlebt.

Treppen auf den und vom Deich
Treppen auf den und vom Deich

Unseren Plan, in Norden das Ostfriesische Teemuseum zu besuchen, den vollständig erhaltenen Gewölbekeller aus dem 13. Jahrhundert  im Alten Rathaus zu erkunden, scheitert, weil die Innenstadt gesperrt ist. Im Herzen der Stadt wird im Rahmen des Ludgeri-Weihnachtsmarktes die 500 Quadratmeter große Eisbahn aufgebaut. Keine Einfahrt für uns. Auch nicht zur Firma Doornkaat. Der Schnapsfabrikant spielt in der neueren Stadtgeschichte eine bedeutende Rolle und stellte hier beinahe 200 Jahre den heiß geliebten und kalt getrunkenen Klaren, den Doornkaat, her.

Von unserem Ausflug ans Wasser kehren wir zum Troll zurück. Calle freut sich, weil er seine kurzen Beine endlich ausruhen kann. Und ich freue mich, weil es jetzt endlich – na, Sie wissen schon – den heißen Tee gibt, mit Kluntjes natürlich aber ohne Sahne. Unterdessen, wir hätten es an diesem grauen Novembertag nicht mehr für möglich gehalten, traut sich die Sonne hervor. Präsentiert einen strahlend blauen Himmel und verzieht sich erst am Nachmittag wieder. Draußen ist es wieder kühl geworden . . . und stark dunstig. Ein stiller Novembertag eben, wie er im Buche steht.