Rheda-Wiedenbrück

Zwar nicht „vor Tau und Tag“, aber in den frühen Morgenstunden machen wir uns noch einmal auf den Weg in die „belebte Stadt“. Mit „belebt“ meint mein Ehegespons natürlich offene Geschäfte und die Möglichkeit, ein schmuckes Mitbringsel für den heimischen Kleiderschrank zu ergattern. Es dauert auch nicht lange, bis sie zwei kleine chinesische „Winkekätzchen“ im Einkaufsbeutel hat. Damit erhält unsere große China-Goldkatze Zuhause endlich Gesellschaft und muss nicht mehr allein Gäste begrüßen. Die beiden Kleinen darf ich nun tragen. Meine bessere Hälfte hat noch zu tun. Muss ein paar Geschäfte in der Fußgängerzone weiter eine neue, gefütterte Weste anprobieren. Dazu gehört auch ein passender Seidenschal. Ach, was sage ich: Zwei neue Schals müssen her. Dann reicht’s. Wir kehren um und zum Stellplatz zurück. Zeit für die Abfahrt Richtung Rheda-Wiedenbrück. Dort soll es – so habe ich gelesen – eine schmucke Altstadt geben. Fast wie aus dem Mittelalter.

Die gut 25 Kilometer sind schnell hinter uns gebracht. Dann stehen wir auf dem Großparkplatz. In der 10-er-Reihe für Womos steht ein Kleinmobil. Wir stellen uns mit gehörigem Abstand daneben. Dann geht’s nach einer Tasse Tee in die Stadt. Die bietet gleich zwei schöne Altstädte. Reich verzierte Fachwerkhäuser aus dem 16. bis ins 18. Jahrhundert und ein westfälisches Wasserschloss. Die alten Häuser sind nicht nur schöne Kulisse. Hinter den Fassaden mit den rund 47.000 Einwohnern pulsiert das Leben. Und die Stadt besitzt mit der Flora Westfalica, dem Gelände der ehemaligen Landesgartenschau entlang der Ems, ein innerstädtisches Erholungsgebiet, eine grüne Lunge mitten im Ort.

Das Schloss
Das Schloss

Schade, dass just bei unserem Aufenthalt in Wiedenbrück die Herbstkirmes „tobt“. Da gibt’s keinen Parkplatz für unser Mobil. Wir müssen uns auf Rheda beschränken. Die Altstadt ist ein intaktes und außerordentlich gut erhaltenes Ensemble kleiner Handwerker- und Bauernhäuser. Zwischen Wall und Doktorplatz prägt schwarz-weißes Fachwerk den Stadtteil. Mit zum Teil außerordentlich schönen Eingängen. Schöne Schnitzarbeiten und ansprechende Farbgestaltung fallen ins Auge. Die Häuser dokumentieren die wechselvolle Geschichte der ehemaligen Residenzstadt bis ins 20. Jahrhundert. Leider hat ein Großteil der früheren Bebauung der Abrissbirne nicht standgehalten. So ist viel der damals gut gemeinten Modernisierung zum Opfer gefallen. Jeder Rundgang führt zum Doktorplatz. Der Volksmund prägte den Namen, weil die Klienten eines Tierarztes den Platz zumindest zeitweise für ihre Tiere in Anspruch nahmen. Ein Blick in die große Kirche mitten in der Stadt bleibt mir verwehrt. Wie alle evangelischen Gotteshäuser ist auch sie außerhalb der Gottesdienste verschlossen.

Über die Emsaue gehen wir zur Schlossanlage. Erstmals 1170 urkundlich erwähnt und heute noch bewohnt. Besonders interessant, ein Kapellenturm aus dem 13. Jahrhundert, ein Renaissancetrakt mit Galerie, ein Barockflügel und auch das Graffiti eines Gefangenen in der kleinen Schlosskapelle. Mit einem letzten Blick ins ehemalige Landesgartenschaugelände mit seinen wunderschönen Anlagen und Blumenbeeten geht’s zurück zum Platz.

Mühle am Schloss
Mühle am Schloss

Dann wird es Zeit, eimerweise den Grauwassertank zu leeren. Und wenn ich schon einmal dabei bin, wird auch die Kassette „trockengelegt“. Gar lustig wird’s nach dem Dunkelwerden. Taucht doch vor der Entsorgungsstation ein Pkw auf, hält an und eine junge Frau steigt aus. Im Scheinwerferlicht beginnt sie zu tanzen. Hin und her, auf und nieder. Die nackten Füße patschen auf das Schmuddelpflaster und leichte Beinkleider lassen die Umrisse ihrer Füße und Waden erkennen. Obenrum ist alles im Dunkel der Nacht. Nach zehn Minuten verschwindet der Wagen und mit ihm Tänzerin in Richtung Stadt.

Blick aufs Rathaus
Blick aufs Rathaus

Minden

Es sind nur 75 Kilometer bis zur Stadt an der Weser. Wir haben Glück und finden – Gott ist mit den Dummen – eine freie Steckdose. Doch es gibt eine kleine Hürde: Strom gibt es nur per Geldkarte. Die habe ich natürlich nicht. Nur meine normale Bankcard, ohne Aufladung. Also müssen die Bordbatterien fürs erste weiter den Kühlschrank in Schwung halten. Zehn Minuten später sind wir „landfein“. Ab geht’s erst über die Fußgängerbrücke in unmittelbarer Nähe des Stellplatzes, dann in Richtung Innenstadt. Vorbei – bei jedem Aufenthalt bot sich bisher das Bild – an ungepflegten Männern, die sich an der Weser und im angrenzenden Park die Zeit vertreiben und dem Alkohol zusprechen. An der ersten Ampelkreuzung kommt uns ein Polizist entgegen. Genau die richtige Person, um den Weg zur Sparkasse zu erfragen. Nur rund zweihundert Meter weiter finden wir sie auch. Dort lade ich meine Karte mit 25 Euro auf, genug, um die nächsten vier Wochen an der Weser zu stehen und Strom abzuzapfen.

Wir machen einen Schlenker zum und in den über 1200 Jahre alten Dom. Die Bistumsgründung durch Karl den Großen geht auf das Jahr 799 zurück. Nach archäologischen Erkenntnissen wurde die erste Kirche auf dem Domhügel um 800 gebaut. Hier folgte auch die Schenkung des Grafen Wilbrand von Hallermund an die Zisterzienser, die daraufhin unweit der Weser das Kloster Loccum gründeten.

Schiffmühle
Schiffmühle

Bei unserem Bummel durch die Einkaufsmeile versuchen wir, unser Besteck durch zwei Kuchengabeln zu ergänzen. Wir suchen im selben Geschäft wie vor vier Jahren. Das Besteck haben sie zwar noch. Aber Kuchengabeln? Dass weiß die Verkäuferin nicht und rät zum Suchen im Internet – wenn wir wieder Zuhause sind. Doch ihre Kollegin weiß es besser: „Nein, die gibt es nicht. Das weiß ich bestimmt.“ War also nichts mit Kuchengabeln. Müssen wir halt weiter die kleinen Löffel nehmen, wenn Schwarzwälder Kirschtorte oder Apfelkuchen den Weg allen Essbarem gehen sollen.