Ich finde anschließend in einem Fotoladen ein gebrauchtes Teleobjektiv für meine Canon . . . und probiere es auf dem Rückweg zum Platz bei der Schiffmühle auf der Weser – Entfernung rund 100 m - gleich aus (siehe Foto Schiffmühle). Diese Mühlen gab es bis ins 19. Jahrhundert. Erste urkundliche Erwähnung gibt es aus dem Jahr 1326. Damit gehört Minden zu den ältesten Schiffmühlen-Standorten Deutschlands. Der Antrieb der sogenannten Kamm- und Korbräder aus Holz und letztendlich des rund 800 Kilo schweren Mahlsteins im frei stehendem Mühlenbett erfolgt durch die Wasserkraft der Weser. Die treibt die zehn jeweils fünf Meter breiten Schaufeln des eichenen Wasserrades mit seinen fünf Metern Durchmesser an. Besichtigungen: von April bis Oktober, dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr.

Inzwischen haben sich die Wolken verzogen, der Himmel ist blau, und im lichten Sonnenschein macht mein „bestes Stück“ das Mittagessen. Kotelett gibt’s heute, mit Kartoffeln und Sauerkraut. Meine Aufgabe besteht darin, die aufgeladene Sparkassenkarte als Stromlieferant einzusetzen. Und siehe da, es klappt auf Anhieb. Ich lasse dreimal fünfzig Cent abbuchen. Damit haben wir drei kWh für den Verbrauch von Kühlschrank und Laptop. Mal sehe, wie lange das reicht.

Zur Geschichte

798 gibt es die erste schriftliche Aufzeichnung vom Minden in den Fränkischen Reichsannalen. Um 800 gründet Karl der Große das Bistum Minden. Kaiser Otto II. verleiht der Stadt 977 das Markt-, Münz- und Zollrecht. Auch interessant: 1627 wird von Kaiser Ferdinand II. das Stapelrecht verliehen. Ab da muss jeder Transport von Holz und Getreide auf der Weser in Minden unterbrochen und die Ware zum Verkauf angeboten werden.1634 besetzen schwedische Truppen die Stadt, 1648 wird sie dem brandenburgischen Kurfürsten zugesprochen. 1723 gehört sie zu Preußen, wird 1806 dem Königreich Westfalen zugeschlagen und ist ab 1810 französisch. 1813 rücken die Preußen wieder ein. Minden wird Festung. 1998 gibt’s die Feier zum Stadtjubiläum „1200 Jahre Minden“.

Seit 1896 grüßt der Kaiser "sein" Volk
Seit 1896 grüßt der Kaiser "sein" Volk

Kaiser-Wilhelm-Denkmal

Da es nach dem Fernsehabend nur noch 46 Cent sind, die auf dem Display der Stromsäule sichtbar werden, lege ich noch einen Euro von meiner Geldkarte dazu. Das muss für die Nacht ausreichen und fürs Kaffeekochen am nächsten Morgen auch. Dann geht’s in die Koje. Bis gegen halb acht ist Matratzenhorchdienst angesagt. Aufstehen, anziehen, Hund ausführen, Kaffee kochen, Tisch decken. Was eben so am Morgen abgeht. Danach frühstücken. Ich möchte – weil inzwischen über 50 Jahre vergangen sind – wieder einmal zum Willem. Zu Wilhelm I., einstmals König von Preußen, deutscher Kaiser von 1871 bis 1888. Am 22. März 1797 geboren, stirbt der Monarch fast 91-jährig am 9. März 1888. Das Denkmal oberhalb der Porta Westfalica - dem „Tor Westfalens“ - hat mich in meiner Jugend genauso fasziniert wie das vom Hermann. Von Hermann dem Cherusker, der ja auch in der deutschen Geschichte eine bedeutende Rolle spielt.

Das Denkmal in voller Größe
Das Denkmal in voller Größe

Also machen wir uns nach Kaffeetrinken und herzhaftem Frühstück auf den Weg in Richtung Porta Westfalica. Dort steht er hoch über der Stadt mit erhobenem rechten Arm auf seinem Sockel. Seit 1896. Mit einer Gesamthöhe von 88 Metern. Der Baldachin samt Kaiserkrone auf der Spitze misst 51 Meter, sein Standbild immerhin 7 Meter. Für 833.000 Goldmark setzt der Berliner Architekt Bruno Schmitz die Pläne des Provinziallandtages der ehemaligen Provinz Westfalen um. Das Standbild des Kaisers gestaltet der aus Herzebrock/Westfalen gebürtige und in Wien tätige Bildhauer Caspar von Zumbusch.

Das Denkmal an der Weser gehört zu einer Vielzahl von Denkmalen (rund 400), die nach der Vereinigung der deutschen Staaten mit der Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 in Versailles errichtet wurden. Von Wilhelm I. stammt allerdings auch der heute undenkbare Satz „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“. Bei der Märzrevolution von 1848 in Berlin lässt er die Anführer mit Kartätschen zusammenschießen. Von ihm stammt ebenfalls der Satz „Es ist dem Untertanen untersagt, den Maßstab seiner beschränkten Einsicht an die Handlungen der Obrigkeit anzulegen“. Sätze, die mir „quer im Hals stecken bleiben“.

Das Wetter meint es gut mit uns, als wir die Serpentinen zum „ollen Willem“ mit unserem Troll emporklettern. Es ist trocken, wenn auch wolkenverhangen. Das trübt naturgemäß die Fernsicht über die Landschaft und Orte unter uns. Im Dunstschleier blicken wir aus „kaiserlicher Höhe“ über Wiesen, Wälder, Dörfer und Stadt am Fuße des Monuments. Danach geht es zurück. Zurück zum auf dem fast leeren Parkplatz wartenden Troll, vorbei am geschlossenen Würstchenstand und einer im Winterschlaf dösenden Gaststätte. Lediglich der Herr über die trotz fehlender Besucherscharen offenen WC-Anlagen hält einsame Wacht.

Das Rathaus
Das Rathaus

Stadthagen

Es sind nur wenige Kilometer, die wir bis Stadthagen – unserem nächsten Ziel – fahren müssen. Es bleibt beinahe trocken. Hin und wieder ein paar feine Tröpfchen. Zu wenig, um richtig nass zu werden. Kommen auf dem kleinen Stellplatz am Tropicana an. Dann geht’s in die Stadt mit ihrem historischen Zentrum. Doch zuvor hole ich mir an der Kasse des Erlebnisbades Infos über Bad und Stadt. Die überaus freundliche Dame hinter dem Tresen übergibt mir einen ganzen Briefumschlag voll. Das muss reichen. Laut Flyer sollen wir in wenigen Minuten Fußmarsch das Zentrum erreichen. Doch in Stadthagen scheinen die Uhren anders zu gehen, die Minuten länger zu sein. Wir benötigen immerhin eine gute halbe Stunde, bis wir den Marktplatz erreichen (genau auf meinem eigenen Zeitmesser abgelesen). Was wir dort sehen, lässt das Herz eines Touristen höher schlagen. Weserrenaissance in reinster Form. Fassaden, an denen der Wohlstand der ehemaligen Besitzer abzulesen ist. Und die Liebe, mit denen sie ihre Besitztümer gestalteten. Um 1220 gegründet vom Schaumburger Grafen Adolf III. von Holstein-Schaumburg. Als Residenzstadt im 16. und 17. Jahrhundert, also in der Epoche der Renaissance, erlebte Stadthagen eine besondere Blütezeit.