Steinerne Fassade
Steinerne Fassade

Beim Durchblättern meines Umschlages vom Tropicana finde ich jede Menge über das Erlebnisbad aber wenig über die Stadt selbst. Unterstützung finde ich im Tourismusbüro im Rathaus. Dort hilft mir eine ebenfalls nette Dame mit Infos über ihre Stadt. Für sie ist danach Mittagspause, für uns der Stadtbummel angesagt. Los geht’s mit dem Rundblick über die Fassaden am Marktplatz. Sie scheinen sich an Pracht überbieten zu wollen. Dann wandern wir wenige Schritte weiter zur St.-Martini-Kirche.1318 erbaut, sind heute noch der 42,3 Meter hohe Turm und ein Teil der Ummauerung vorhanden. Aus verschiedenen Bauperioden des Mittelalters stammt die dreischiffige gotische Hallenkirche mit drei Anbauten. Kostbar ist die Ausstattung, allen voran der ursprünglich 1460 in Flandern geschnitzte Altar. 1585 wurde er im Stil des Bückeburger Barock umgestaltet. Sehenswert das Mausoleum an der Kirche. Grablege für Fürst Ernst von Schaumburg und seine Familie. Keinesfalls versäumen wollen wir den Blick aufs 1222 als Wasserburg erbaute Schloss. Seit Anfang des 16. Jahrhundert auch Wohnschloss. Bis 1607 Sitz der Grafen zu Schaumburg. Auch heute noch ist dort die Obrigkeit Zuhause: in Form des Finanzamtes.

Innenhof des Schlosses
Innenhof des Schlosses

Es gibt außerdem viel zu sehen. Den Turm am Viehmarkt zum Beispiel. Ein Rest der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Die alte Wallanlage umgibt noch heute die Altstadt. Das Haus Am Markt 4 ist das einzige aus der Renaissance erhaltene Bürgerhaus mit steinerner Schmuckfassade (von 1610), in dem auch Wilhelm Busch (Max und Moritz) verkehrte. Das Eckhaus am Markt, „Haus zum Wolf“, 1573, zeigt noch heute die ganze Fülle zeitgenössischer Ornamente wie Knaggen, Rosetten oder Taubänder. Das historische Rathaus wurde Anfang des 17. Jahrhunderts gebaut. Ganz im Stil der Weserrenaissance. Ursprünglich als Zeughaus geplant. Als für den Weiterbau das Geld ausging, wurde eine Rathausbausteuer erhoben. Es ist übrigens das zweite der Stadt. Das erste befand sich an der Ostseite des Marktplatzes. An der Rückseite befinden sich Reliefplatten aus gotischer Zeit. Die Aufführung historischer Bauten ließe sich noch eine ganze Weile fortsetzen. Sei nur noch erwähnt das Haus Am Markt 21 von 1647. Der Fassadenschmuck ist für Stadthagen das schönste Beispiel für die Verwendung von „Beschlagwerk“ an Balken und Brüstungsplatten.

Ältestes Haus am Platz
Ältestes Haus am Platz

Trockenen Fußes treten wir am Nachmittag die Rückkehr zum Stellplatz an. Freuen uns, dass wir solch ein tolles, weil trockenes Wetter haben. Ingrid setzt Wasser für die schon traditionelle Tasse Tee auf. Zwar nicht wie bei Ostfriesens mit Sahne, Kluntjes und kleinem Speziallöffelchen, sondern ohne Zucker und ohne Milch. Uns schmeckt’s so am besten. Kaum haben wir es uns gemütlich gemacht, wird der Himmel dunkel. Mit der Steigerung dunkel, dunkler, am dunkelsten. Dann beginnt es zu regnen, besser zu gießen. Wenn das so weitergeht, denke ich bei mir, dann ist morgen „empti“. Dann treten wir auf direktem Weg den Heimweg an. Dann gibt’s bei dieser Tour kein Steinhuder Meer und auch kein Kloster Loccum. Da wollen wir eigentlich morgen planmäßig hin. Noch vor dem Einschlafen denke ich, dass es doch eigentlich schade wäre, von der geplanten Route abzuweichen. Mir kommt die Tour vom vergangenem November in den Sinn. Damals brachen wir am Nord-Ostsee-Kanal unsere Reise ab, weil das Schietwetter einfach kein Ende nehmen wollte. Da hatten wir November. Jetzt, im Oktober, denke ich, müsste es doch eigentlich mit dem Teufel zugehen, wenn es so bleiben sollte. Dann fallen mir die Augen zu.

Kloster Loccum

In der Nacht werde ich wach. Keine Ahnung, wie viel Uhr es ist. Ein lautes Geräusch hat mich geweckt. Es ist Regen, der wie die Sintflut vor Tausenden von Jahren vom Himmel kommt. Damals hat sich Noah mit seiner Arche in Sicherheit gebracht. Der Rest der Menschheit, so sagt die Bibel, ist abgesoffen. Nur habe ich keine Arche und auch keine Zeit mehr, eine zu bauen. Mir bleibt nur die Hoffnung, dass alles ein gutes Ende findet. Dann schlafe ich wieder ein. Stetes Rauschen macht eben müde.

Marienaltar in der Stiftskirche
Marienaltar in der Stiftskirche

Gegen acht wache ich auf. Ich liege Gott sei Dank immer noch in meinem Bett im Troll. Und der steht ganz offensichtlich noch auf festem Boden. Wäre er nach der nächtlichen Sintflut ein Schiff, müsste er sich auf den Wellen wiegen. Und genau das tut er nicht. Ich klettere aus meiner warmen Schlafstatt. Mag gar nicht aus dem Fenster, geschweige denn aus der Tür sehen. Doch die Neugier treibt mich. Das ist der Beruf, denke ich so bei mir. 30 Jahre Zeitungsredaktion lassen sich auch als Rentner nicht abschütteln. Also: Tür auf und hinausgelugt. Nein, wir schwimmen nicht, stehen aber mitten im Wasser. In einer riesengroßen Pfütze. So tief, dass unsere grüne Fußabtretematte völlig darin verschwindet. Auch den holländischen Nachbarn scheint es erwischt zu haben. Ich riskiere einen Blick zur anderen Seite, zu einem Integrierten aus Steinheim. Dort ist alles trocken. Wir aber stehen in der einzigen Senke des kleinen Platzes, dort wo sich alles Wasser sammelt . . . und hätten gestern bei der Anfahrt noch die Wahl gehabt, uns auf einer kaum sichtbaren „Erhöhung“ niederzulassen. Was ich dabei denke, will ich jetzt mal nicht formulieren. Meine Frau, tapfer wie sie nun mal ist, wagt sich als erste mit unserem Calle ins Freie. Gassi gehen ist angesagt. Ich gucke dabei erst mal zu und warte ab. Doch nach dem anschließenden Frühstück ist die Reihe auch an mir. Strom abklemmen, Fußmatte retten, Toilettenkassette leeren. Dann kann’s losgehen. Richtung Kloster Loccum.

Das Eingangstor
Das Eingangstor

Keine zwanzig Kilometer später finden wir in Loccum einen Parkstreifen an der Hauptstraße. Wenige Minuten später passieren wir zu Fuß das Tor in der Mauer zum Kloster. Vor uns wächst die mächtige Stiftskirche in den Himmel. Dahinter folgen Wirtschafts- und Wohngebäude. Das Kloster bietet dem Besucher das Bild eines mittelalterlichen Zisterzienserklosters, wie es nördlich der Alpen nur noch im Kloster Maulbronn in Württemberg zu finden ist. Die heute noch vorhandenen Gebäude wurden nach 1200 gebaut. Die ältesten davon sind die mächtige Stiftskirche, der Kreuzgang, das Slaphus und das Laienrefektorium. Das Refektorium wurde 1599 fertiggestellt, das Konventhaus um 1750. Aus dem 13. und 14. Jahrhundert stammen die Zehntscheune, die Pilgerscheune, die Walkmühle und weitere Wirtschaftsgebäude.