Ostseeküste und Backsteingotik Teil 1

Endlich, die Tropenhitze scheint vorbei zu sein. Ab und zu gibt’s sogar einen Regenschauer. Mal mit Blitz und Donner, mal ohne. Unsere Wassertonnen am Schuppen und an der Garage füllen sich wieder. Laufen an einigen Tagen sogar über. Die Temperaturen bewegen sich zwischen 20 und 25 Grad. Nun ist wieder Angeln an heimischen Teichen angesagt. Und jetzt kann auch die nächste Tour mit unserem Troll geplant werden. Es ist Mitte August. Die Tage werden bereits merklich kürzer. Nach Norden soll es gehen. An die Ostsee. Für uns ein beliebtes Ziel. Auch wenn viele der Stellplätze dort nicht gerade zum „Schnäppchenpreis“ zu haben sind. Da reicht die Palette von sieben bis über 30 Euro. Mit und ohne Kurtaxe und plus Nebenkosten als da sind Strom, Wasser, WC, Entsorgung, Dusche bis hin zur Müll- und Umweltabgabe, Energiepauschale und Citytax. Dem Einfallsreichtum der Betreiber sind offensichtlich keine Grenzen gesetzt, wenn’s um Geld geht, das Besuchern abgenommen werden kann. Egal. Morgen geht es los.

Grömitz

Der Sonntag sieht uns schon früh auf den Beinen. Am Sonnabend wurde alles vorbereitet. Unser Troll reisefertig gemacht. Klamotten für warmes und kühles Wetter eingepackt, der Kühlschrank aufgefüllt, Frischwasser gebunkert, die Fünf-Liter-Kanister fürs Kaffee- und Teekochen mit H2O befüllt. Nicht zu vergessen das Futter für unseren Lütten, unseren kleinen Zwergdackel. Schließlich soll es Calle unterwegs an nichts mangeln.

Der Start soll um 8.30 Uhr erfolgen. Doch wir sind zu schnell gewesen. Der Zeiger der Küchenuhr steht erst auf 8. „Macht nix“, sagt meine Angetraute. „Dann fahren wir eben eine halbe Stunde früher los und sind auch eine halbe Stunde früher da.“ Gesagt, getan. Kein Stau auf der Autobahn trotz einiger Baustellen. Zügig geht’s an Hamburg vorbei und rein nach Schleswig-Holstein. Beinahe „ruck-zuck“ erreichen wir unser Ziel. Sind bereits um 11.30 Uhr am Großparkplatz unweit der Strandpromenade. Und sehen, dass andere Womofahrer entweder noch früher aufstehen als wir oder schon eine Nacht dort stehen. Es ist schon ziemlich voll. Aber es stehen noch ausreichend Flächen zur Verfügung, die nicht nur uns, sondern auch etlichen nachfolgenden Mobilen einen Standort für den Tag und die kommende Nacht bieten.

Wir finden ein Loch, parken ein und stehen vor einem Strom-anschlusskasten, in dem alle Steckdosen besetzt sind. „Nimm den letzten, die Nummer sechs“, sagt just in diesem Augenblick eine Stimme hinter mir. Sie gehört einem 82-jährigen Hamburger. „Den Platz hatte ich für meinen Freund reserviert. Der will morgen Früh kommen. Jetzt kannst du ihn haben.“

Wir haben also Strom, einen wolkenverhangenen aber trockenen Himmel, was will man mehr. Auf zum Strand. Es sind nur wenige Minuten Fußweg zur Promenade. „Du“, sagt meine Frau, „kann es sein, dass es hier mal wieder etwas umsonst gibt?“ Vielleicht hat sie recht, vielleicht aber auch nicht. Auf jeden Fall marschieren Hunderte von Menschen, ach was sage ich, Tausende von Menschen, Große und Kleine, Alte und Junge auf der Promeniermeile. Auf der einen Seite die Ostsee mit einer unüberschaubaren Anzahl von Strandkörben, auf der anderen Seite die Geschäftszeile. Jeder zweite Laden scheint ein Textilist zu sein, jeder vierte ein Imbiss oder ein Restaurant. Also machen auch wir uns auf die Socken. Erst nach links, bis kein Geschäft mehr am Wege steht, dann zurück in die andere Richtung. Vorbei am kleinen Festplatz zum Jubiläum des Ostseebades. In diesem Jahr feiert Grömitz 200. Geburtstag. Nach eigener Aussage eines der größten und beliebtesten Seebäder Deutschlands. Mit einem acht Kilometer langem Perlenketten-Sandstrand, mit romantischer Steilküste und wilden Dünen. Und Sonne – so jedenfalls die Eigenwerbung – Sonne gibt’s mehr als in den meisten Regionen Deutschlands.

Die Bahn für Fußkranke
Die Bahn für Fußkranke

Von mehr Sonne als anderswo spüren wir an diesem Sonntag Nachmittag allerdings wenig. Der Himmel lässt nur ab und zu ein paar spärliche Strahlen durch. Der Wind hat ziemlich aufgefrischt. Es weht eine steife Brise. Ab und zu wehen uns auch Regentropfen ins Gesicht. Noch ein paar Schritte auf der 400 Meter langen Seebrücke. Ein Blick zur Tauchgondel an ihrem seeseitigem Ende. Hier lässt sich die Unterwasserwelt beobachten. Über Wasser legen Seebäderschiffe an. Die „Seelöwe“ zum Beispiel bringt die Gäste nach Boltenhagen, Wismar oder Travemünde. Doch wir wollen weder nach Boltenhagen noch nach Wismar oder Travemünde. Wir wollen zurück zum Troll, um ins Trockene zu kommen. Bevor wir jedoch zum Parkplatz umkehren, gucken wir uns noch den Yachthafen an. „Ziemlich voll für die Jahreszeit und das Wochenende“, sagt meine Ingrid, „die meisten müssten doch jetzt draußen sein. Bei frischer Brise und nur leichtem Seegang lässt es sich doch hervorragend segeln.“ Recht hat sie. Als wir noch mit dem eigenem Boot auf dem Wasser waren, hätten wir uns solch ein Wetter nicht entgehen lassen. Den späten Nachmittag verbringen wir unter dem schützenden Dach auf dem Parkplatz. Dann hört es auf zu regnen. Gelegenheit für einen Abendspaziergang an die Küste. Dann senkt sich die Nacht über Grömitz und die vielen Wohnmobile.