Barbara und Wilfried Stümp beim Fähnchenaufhängen
Barbara und Wilfried Stümp beim Fähnchenaufhängen

Unterwegs sehen wir zwei Einheimische, die Dreiecksfähnchen an Schnüren am Wegesrand aufhängen. Von Baum zu Baum, von Pfahl zu Pfahl. Barbara und Wilfried Stümp sind zwei von vielen Helfern, die im Rahmen des 850. Geburtstages von Poel einen Weltrekord zum Eintrag in das Guiness-Buch aufstellen wollen. Am Ende sollen 15,2 Kilometer weit die 112.000 Fähnchen im Ostseewind flattern. Alle 16 Inseldörfer sollen mit den bunten Wimpeln verbunden werden. Ob’s gelingt, wird zum Schluss ein Notar feststellen. Die 18 Gaststätten von Poel bieten daher nicht nur während der Festtage vom 6. bis zum 8. August Poeler Teller für 850 Cent an, sondern bis Silvester.

Der Nachmittag sieht uns auf dem Platz mit Blick aufs Wasser. Und mit Blick auf den Schirm des Laptop. Schließlich sollen die neuen Bilder und der Text für diesen Bericht eingegeben werden. Morgen soll’s dann weitergehen.

Die Geschichte Poels und seiner 2600 Einwohner: Ihren Namen verdankt die Insel – so die Literatur – dem Lichtgott „Phol“ namens Baldur. Es soll das Eiland in ein unvergessliches Licht gehüllt haben. Ob’s stimmt, lässt sich leider nicht nachprüfen. Sei’s drum. Sicher ist aber, dass die Kirche 1258 gebaut wurde. Der sie umgebende Schlosswall samt Kirche gehört zu den Überresten der Wallanlage. 1612 wird auf Poel wegen der guten strategischen Lage von Adolf Friedrich I. eine Festung mit breitem Graben und Zugbrücken gebaut. Sie fällt später an die Schweden. Nach ihrem Verfall wird sie im 19. Jahrhundert von den Einwohnern als „Steinbruch“ genutzt. Erst 1903 erfolgt die Rückgabe der Insel Poel an Mecklenburg. So entstand das Schwedenfest in Poel, Wismar und Neukloster.

1997 wurde in der Wismarbucht vor Timmendorf das bislang größte Schiffswrack aus der Hansezeit entdeckt. Kielkonstruktion, Bodenwrangen und Planken waren gut erhalten. 1999/2000 erfolgte die Bergung der um 1354 aus Kiefernholz gebauten Kogge. Bei einer Länge von 31 Metern hatte sie eine Tragfähigkeit von rund 230 Tonnen. 2006 lief ein Nachbau vom Stapel. Er segelt heute unter dem Namen „Wissemara“ vor der Insel Poel.

Der Hafen in Barth
Der Hafen in Barth

Barth

Barth haben wir uns für den nächsten Tag als Ziel vorgenommen. Poel hätte zwar einen zweiten Tag verdient, aber wir haben vor Jahren das Eiland schon einmal mit dem Fahrrad umrundet. Ein zweites Mal muss das nicht sein. Also geht’s am Sonnabendmorgen erneut „in die Eisen“. 125 Kilometer sind es bis Barth zum Seglerverein am Westhafen. Auf holprigen Landstraßen und auf Pisten, als seien sie gestern erst dem Verkehr übergeben worden. Glatt wie der berühmte Kinderpopo. Da macht es Freude, aufs Gaspedal zu treten. Wenn nur nicht die vielen Bäume links und rechts am Fahrbandrand stünden. Mecklenburg ist berühmt für seine Alleen. Die sehen gut aus und sind prima fürs Klima, stehen aber sehr oft sehr dicht am Fahrbahnrand. Kein Wunder. Schließlich sind viele von ihnen in einer Zeit gepflanzt worden, als noch Pferdefuhrwerke als Transporter ihren Dienst taten. Oft, sehr oft ragen die Stämme schräg in die Fahrbahn hinein. Nur wenige Dezimeter aber immerhin so weit, um unsanfte Berührungen hervorzurufen, wenn man nicht aufpasst. Das ist dann nicht nur ärgerlich, kostet eine Reparatur, sondern kann sogar eine ganze Womoseite aufreißen. Weiße Farbe an den Baumstämmen soll auf die Gefahr aufmerksam machen. Dass dies nicht immer gelingt, zeigen die immer wieder auftauchenden Stammbeschädigungen.

Gegen zehn Uhr erreichen wir die Stadt am Bodden, die sich 1998 den Beinamen „Vineta“ gegeben hat. Die sagenhafte Stadt, die wegen ihres Hochmuts und moralischen Verfalls ihrer Bürger im Sturm von den Ostseewellen verschlungen worden sein soll. Historiker vermuten Vineta auf Koordinaten vor dem heutigen Barth. Eine kleine, beschauliche Kommune, die am südlichen Ufer der Boddenkette vor der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst liegen.

In der Eigenwerbung heißt es, dass sich seit 1998 einiges getan hat. Liebevoll restaurierte Häuser an den schmalen Straßen. Beschauliche Gassen und ein Marktplatz mit Blick auf die Marienkirche, die noch heute als Seezeichen fungiert. Mit einer gepflegten Promenade am Hafen, die jeden Besuchers Herz höher schlagen lässt.

Unser Herz schlägt allerdings nicht höher, als wir dem Womosymbol folgen. Ausgerechnet an der letzten Abbiege ist der unter dem Symbol stehende Platz mit rotem Klebestreifen „ausgehebelt“. Wir müssen dem zweiten Wegweiser  folgen. Der führt uns statt zum Seglerhafen auf den Parkplatz Ost. Einer großen, gepflasterten Abstellfläche für Pkw und Mobile. Sogar mit Stromanschlussmöglichkeit. Zwei „Kollegen“ haben dort bereits Stellung bezogen. Unweit der Mobile haben Unbekannte schwarze Kreise auf die glatten Betonsteine gezogen. Kreise, wie sie bei privatem und normalerweise verbotenen Rennen mit durchdrehenden Autoreifen verursacht werden. Ich zahle trotzdem die sieben Euro Parkgebühr. Dann geht’s mit gemischten Gefühlen zur Stadtbesichtigung. Am Hafen „tanzt der Bär“. Dort hat der Sport das Sagen. Neben Wettkämpfen gibt’s fürs leibliche Wohl Speis und Trank an etlichen Ständen.