Wir pilgern zum Seglerhafen, den wir leider nicht anlaufen konnten. Gehen durch die schmalen Straßen. Werfen einen Blick in die St.-Marien-Kirche. Wie viele Gotteshäuser an der Ostsee ein Prachtstück der Backsteingotik. Danach geht’s zurück zum Platz. Die schwarzen Reifenspuren lassen eine unruhige Nacht vermuten, falls es eine Neuauflage der Rennen geben sollte. Ich habe ungute Erinnerungen an Wernigerode im Harz. Dort ist mir vor Jahren Ähnliches passiert. Das muss ich mir nicht noch einmal antun. Daher Verzicht auf die sieben Euro und Durchstart zum nächsten Ziel. Das soll Stralsund sein.

Die neue Rügenbrücke
Die neue Rügenbrücke

Stralsund

Es sind nur 36 Kilometer und wieder einige Alleen. Dann sind wir beim Caravan-Center Dahnke. Vom Stellplatz hinter dem Betriebsgelände mit Campershop kann man die neue Hochbrücke nach Rügen sehen. Viele Wohnmobile sind vor uns eingetroffen. Aber es sind noch ausreichend Plätze für Nachzügler frei. Wir können uns wieder einmal einen aussuchen. Zwölf Euro einschließlich Strom. Da kann man nicht meckern. Leichtes Gepäck – schließlich lacht uns immer noch die Sonne – und ab geht’s in die Stadt. Am Hafen entlang bis zum „Steuermann“. Das ist eine Kneipe mit Blick aufs Wasser. Trotz fortgeschrittener Stunde – Mittag ist lange vorbei – gönnen wir uns einen Imbiss, weil der Magen sein Recht fordert. Danach ist Bildung angesagt. Erkundung der Altstadt. Schon weithin sichtbar sind die drei großen Backsteinkirchen. Sie prägen die unverwechselbare Silhouette der Stadt. Alles überragend die Marienkirche mit ihrem 100 Meter hohem Turm. Früher waren es sogar noch 50 Meter mehr. Das einst höchste Gebäude der Erde zeugt heute noch vom Bürgerstolz vergangener Zeiten.

Das Rathaus
Das Rathaus

Dazu die farbenfrohen Bürgerhäuser, die aufwändige Gestaltung ihrer Giebel. So zeigten die Kaufleute ihren Reichtum und ihre Macht. In diesen Rahmen passt auch die Schaufassade des Rathauses aus dem 13. Jahrhundert, das Wahrzeichen der Stadt. Der bedeutendste Profanbau an der deutschen Osteseeküste lässt noch heute Ruhm und Reichtum der Hansezeit erahnen.

Überall in der Stadt finden sich die Spuren der Backsteingotik. Sei es in den Kirchen, dem imposanten Rathaus, in prächtigen Bürgerhäusern. Anerkennung fand die Stadt 2002 mit der Aufnahme in die Welterbeliste der UNESCO.

St. Nikolai
St. Nikolai

Wir gönnen uns den Besuch von St. Nikolai, der Rats- und Pfarrkirche aus dem 14. Jahrhundert. Sie ist zwar nicht die größte, aber die älteste Kirche. 1234 begann der Bau mit der Verleihung der Stadtrechte. 1350 wurde er abgeschlossen. 56 Altäre befanden sich im Innern. Die meisten von ihnen gingen während der Reformation verloren. Sieben gotische gibt es noch heute und einen Barock-Altar. Seit 1971 wird restauriert. Wieder vollendet ist der Sakralbau aber noch lange nicht.

Die Gorch Fock
Die Gorch Fock

„Eine Stadt ist reich, wenn sie einen einzigen schönen Platz besitzt“, sagte einmal der Publizist Heinz-Joachim Fischer. Dann ist Stralsund wohl der reichste Ort der Erde. Reich an Eindrücken, reich an Erlebnissen. Allein das Flair im Hafen erfreuen Augen und Sinne. Da tanzen Masten im Takt der Wellen, leuchtet das Weiß der „Gorch Fock“. Es duftet nach Räucherfisch. Und die Möwen singen „La Paloma“. Alles nur einen Katzensprung vom Rathaus entfernt. Nicht zu vergessen das Meeresaquarium und Ozeaneum mit atemberaubenden Aquarien und einem 26 Meter langem Wal-Modell im Originalmaßstab. Es lockt das kulturhistorische Museum mit seinem Hiddenseer Goldschatz, es erzählt die kleine Insel Dänholm von großen Abenteuern.

Kurz: In Stralsund „steppt der Bär“. Und das schon seit 1234. Das Gründungsdatum kann ich mir leicht merken. Meine Angetraute und ich merken auch, dass ein Tag Stralsund einfach nicht ausreicht, um alles zu erkunden.

Einkaufsmeile in der Innenstadt
Einkaufsmeile in der Innenstadt

So machen wir uns am zweiten Tag per Stahlross erneut auf den Weg. Die Altstadt lassen wir links liegen. Vorbei geht’s am Hafen Richtung Anlegestelle Seebäderschiffe und Ausflugsdampfer. Linker Hand die hohen Speicher für Handelswaren aller Art. Heute in lukrative Hotel umgewandelt. Mit Zimmerpreisen, die für unseren Geldbeutel einfach nicht gemacht sind. Aber angucken kostet ja nichts. Im Erdgeschoss sind Gaststätten etabliert, deren Angebote auch für uns erschwinglich sind. Sitzgruppen unter Sonnenschirmen laden zum Verweilen ein. Wir verweilen also und genießen den Tag. Mit Blick auf den Hafen und das Treiben dort inbegriffen.