Ostseeküste und Backsteingotik Teil 2

Wir lieben alte Städte, nicht um in den kleinen, oft winkligen Gassen und Häusern zu wohnen, sondern um uns am Anblick zu erfreuen. Dazu zählen auch Burgen, Schlösser, Profanbauten wie Wehrtürme und Speicher und die historischen Sakralbauten. Die Kirchen, die im Süden Deutschlands mit ihren schlanken, hohen und spitzen Türmen gen Himmel ragen, findet man im Norden selten, wenn überhaupt. Im Norden der Republik – vor allem an Nord- und Ostseeküste – sind diese Bauwerke „behäbiger“, oft aus Backsteinen. Die Entstehung des Baustils „Backsteingotik“  ist untrennbar mit der Geschichte der Hanse (ab Mitte 12. Jahrhundert) und deren Mitgliedsstädten verbunden und gilt als prägendes Merkmal. Der wirtschaftliche Aufschwung in dieser Zeit führte zu einer regen Bautätigkeit, für die vor allem im Bereich der Ostseeküste in erster Linie Backstein als Baumaterial genutzt wurde. Doch diese Backsteinbauten sind nicht nur auf die Küstenlinie beschränkt, sie reichen weit ins Binnenland hinein. Das wollen wir auf dieser Sommertour in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern mit eigenen Augen sehen.

Stellplatz in Greifswald
Stellplatz in Greifswald

Greifswald

Nach der Entsorgung von Müll und Toilettenkassette geht es am nächsten Morgen weiter. Richtung Greifswald. Es sind nur 36 Kilometer. Aber es sind auch nur 20 Plätze, die für die Landyachten am Museumshafen zur Verfügung stehen. Wir hoffen wieder einmal auf unser Glück. Kommen an und sehen den Platz halbleer. Also war uns Fortuna wieder einmal hold. Wir checken ein, warten ab, weil erst um elf die Anmeldung besetzt sein soll. Als das dann eine Viertelstunde später noch nicht der Fall ist, brechen wir in Richtung Innenstadt auf. Immer schön im Schatten der Häuser. Denn wie in den Tagen zuvor, meint es die Augustsonne gut mit uns.

Traditionsschiffe im Hafen
Traditionsschiffe im Hafen

Am Hafen geht’s entlang. Schon nach wenigen Minuten sind wir in der Fußgängerzone. Tauchen ein in die Menschenmassen auf der Piste der Ladengeschäfte. Gönnen uns etwas Leckeres aus einer der Bäckereien, machen Kaffeepause bei Tchibo. Dazwischen fröne ich meiner Leidenschaft zur Backsteingotik. Bewundere die stolzen Bürgerhäuser im Stil der Hansezeit, besuche St. Marien. Sie ist eine der bedeutendsten Hallenkirchen der norddeutschen Backsteingotik. Hier wird um Spenden zu Renovierung der Orgel und des Daches gebeten. Möglichst mit viereckigem Geld. Doch weil unser Calle – wie immer bei solchen Besuchen auf dem Arm meiner Frau – wieder einmal nicht hinein darf, bleibt mein Portemonnaie verschlossen. Wenn vierbeinige Geschöpfe Gottes draußen bleiben müssen, gebe ich grundsätzlich auch keine Spende für zweibeinige. Die älteste und größte Kirche Greifswalds aber ist St. Nikolai von 1262/1263. Der Dom in der Stadtmitte hat einen Turm von fast hundert Metern Höhe. Diese Kirche ist das Wahrzeichen der Stadt.

Am frühen Nachmittag treffen wir wieder auf dem Platz ein. Ich mache es mir bequem und meine Angetraute macht ein „Mittag“essen. So hat jeder von uns seine Aufgabe. Morgen, das haben wir uns vorgenommen, fahren wir mit unseren Drahteseln nach Wieck. So wie es aussieht, ist uns das Sommerwetter auch weiterhin treu.

Greifswald zählt zu den jüngsten Städten in Ostdeutschland. Ein Viertel der 60.000 Einwohner ist zwischen 18 und 30 Jahre alt. Das findet seinen Niederschlag in innovativen Firmengründungen. Die Universitäts- und Hansestadt liegt außerdem in unmittelbarer Nachbarschaft der Inseln Usedom und Rügen. Damit auch in der Nähe eines der besten Segelreviere der Republik. 40 historische Schiffe warten im Museumshafen auf Sehleute, die Altstadt wartet mit drei gotischen Kirchen und zahlreichen, sehenswerten Bürgerhäusern auf. Der berühmteste Sohn der Stadt, Caspar David Friedrich, verewigte die gewaltigen Backsteinbauten in vielen seiner Gemälde. Zahlreiche universitäre Einrichtungen kann man besichtigen, ohne selbst Student zu sein. Davon gibt es übrigens rund 12.000. Greifswald liegt zudem an der „Europäischen Route der Backsteingotik“ und der „Schwedenstraße“. Der „Jakobsweg“, eine bekannte Pilgerroute, führt ebenfalls durch die Stadt. Dazu der „Ostseeküsten-Radweg“ und der „Östliche Backstein-Rundweg“.