Ziegen in Bronze mit Hütejunge in Bronze.
Ziegen in Bronze mit Hütejunge in Bronze.

Bei schönstem Sommerwetter machen wir den Stadtbummel. Gönnen uns im Restaurant „Drei König“ am Marktplatz ein leckeres Essen. Begutachten die Auslagen in  den Geschäften und trotten am Nachmittag wieder zum Troll zurück. Dort sind inzwischen zwei Männer dabei, mit Maßband und Sprühdose den Platz zu vermessen. Zwischendurch malen sie rote Punkte auf den Split. Ich suche wie meistens den Kontakt zu den Einheimischen. Und, obwohl ich ein Saupreiß bin, verraten sie mir, was sie da machen. Sie messen den Platz für den „Viehscheid“ aus, Preußisch: den Almabtrieb. „Und morgen früh müssen Sie um acht den Platz räumen, dann wird hier aufgebaut.“ Es dauert eine geschlagene Viertelstunde, bis ich ihnen klargemacht habe, dass kein „normaler“ Womofahrer schon um acht reisefertig ist. „Dann wird erst gefrühstückt.“ Wir einigen uns dann auf die Abfahrt um neun. Nun bin ich gespannt, wie’s morgen früh abläuft. Für uns geht’s dann ohnehin weiter. Für die Immenstädter geht zwei Tage später die „Post ab“. Mit dem „Alpabtrieb“, mit Weißwurst und mindestens ein paar Mass Bier (kurz und knapp ausgesprochen) und jede Menge Gaudi. Ganze drei Tage (und Nächte) lang. Immenstadt ist übrigens die einzige Stadt Deutschlands, die einen Almabtrieb veranstaltet. Aber in den Dörfern des Allgäus gibt’s Alpabtriebe „jede Menge“.

Am nächsten Morgen beginnt gegen halb acht die Rumpelei auf dem Platz. Lärmen schwere Lkw-Motoren. Klappert’s hier und klappert’s da. An Schlaf ist nun nicht mehr zu denken. Arbeiter haben mit dem Aufbau für die Viehscheid begonnen. Unsanft werden wir den Armen Orpheus entrissen. Zeit, den Platz zu verlassen.

Eingang zum Ort.
Eingang zum Ort.

Bad Hindelang

Wir fahren weiter auf der B 19 in Richtung Sonthofen/Füssen. Gott sei Dank nicht so hart bergwärts wie nach Lindau. Aber wenn es mal abwärts geht, geht’s auch schon wieder aufwärts. Nach Bad Hindelang. Mit barockem Rathaus, historischer Kirche und Kapellen, Kutschen- und Heimatmuseum und vielen Aussichtsplätzen zum Seele-baumeln-lassen. In der Eigenwerbung heißt es: Hier ist die Welt noch in Ordnung. Für uns ist die Welt in Ordnung, als wir ohne Suchen den Platz „Wiesengrund“ erreichen. Zwischen hohen Bergen im Tal, mit einem kleinen Bach samt glasklarem Wasser. Einchecken im nahen Hotel, einstecken des Schlüssels zu Sanitärhäuschen und Stromanschluss, einschenken der obligatorischen Tasse Tee. Und dann ab ins Dorf. Wenn jetzt Schnee läge, könnten wir direkt am Stellplatz in das Loipennetz einsteigen. Doch der liegt noch nicht. Der Sommer hat sich zwar kalendermäßig verabschiedet, beschert uns aber wieder einen Tag mit blauem Himmel, Augusttemperaturen und lachendem Tagesgestirn.

Solar auf dem alten Dach.
Solar auf dem alten Dach.

Wie auf der Fahrt geht’s auch im Ort mal bergauf und mal bergab. Mit schmalen aber bestens gepflegten Straßen. Mit Pflaster vom Feinsten. Mit netten Geschäften und einer Bäckerei, bei der der Kaffee und Cappucino unser ungeteiltes Lob erhält. Einziger Wermutstropfen: die zahlreichen Pkw und schweren Lkw, die sich durch die engen Straßen zwängen. Eine fußgängerfreundliche Bummelmeile sieht anders aus.

Wenn alles gut ging, gibt's Buntes.
Wenn alles gut ging, gibt's Buntes.

Am vergangenen Wochenende war hier der „Hindelongar Schaid“, der örtliche Alpabtrieb. Er ist der erste große Abtrieb des Jahres im Allgäu und markiert das Ende des Alpsommers. Zahlreiche Einheimische und Tausende von Gästen waren dabei, als 900 Rindviecher der fünf Galt-Alpen mit lautem Schellen- und Glockengeläut zu Tal getrieben und an ihre Besitzer ausgehändigt wurden. Bei zünftiger Musik und heimischen Schmankerln wurde ausgelassen gefeiert. Mit Krämermarkt und über 100 Ständen. Für die Meisterhirten gab’s Ehrengaben und für die Gäste etwas auf die Ohren. Von der Harmoniemusik Hindelang und den Oberallgäu-Musikanten.

Für uns gibt’s nichts auf die Ohren. Weil wir zu spät kommen. Dafür machen wir es uns für den Rest des Tages im Troll gemütlich. Sie wissen es schon? Bei mehreren Tassen Tee. Für den Abend haben wir uns im „Wiesengrund“ einen Tisch reservieren lassen. Hier gibt’s endlich die gegrillte Schweinshaxe, die ich in Lindau und auch in Immenstadt auf keiner Speisenkarte fand. Der erste Abend „auf bayerische Art“. In einem urigen Lokal, von dem sich manche Gaststätte eine Scheibe abschneiden könnte. Selbst der Wetterbericht ist an diesem Abend wieder zu sehen. Der TV-Empfang funktioniert blendend.

Am nächsten Vormittag bringt uns die wohl schönste und kurvenreichste Passstraße Deutschlands auf das Hochplateau in 1136 Metern Höhe nach Oberjoch und Unterjoch. 170 Kehren müssen Troll und ich bewältigen. Der Oberjochpass bringt es auf 1178 Meter. Wir kommen am Gipfel an einen kleinen Parkplatz. Nur ein paar Schritte entfernt, die Möglichkeit zur schönsten Aussicht weit und breit. Das nehmen wir natürlich wahr. Wir genießen, und meine Canon muss arbeiten. Eine runde Viertelstunde lang. Danach geht’s wieder abwärts nach Wertach. Prima wer gut zu Fuß ist, der kann die Wertacher Bergkäserei besuchen. Hier wurde der erste königlich patentierte Käse der Welt, der „Weißlacker“ erfunden. Von Wertach kommend erreichen wir den Grüntensee. Kurze Zeit später Nesselwang.