Die St.-Andreas-Kirche.
Die St.-Andreas-Kirche.

Nesselwang

In der Eigenwerbung heißt es: Von hier aus erschließt sich die ganze Vielfalt des Allgäus: die Königsschlösser bei Füssen, Oberstdorf und der Bodensee, Kempten als Allgäu-Metropole sowie das Wanderparadies der Nordalpen. Nesselwang ist im Sommer eine Hochburg für Wanderer und im Winter das Mekka der Skiläufer und Rodler. Nun gut, Papier ist geduldig. Denn was Nesselwang bietet, bieten andere Orte gleichermaßen. Und mit einer Dorfidylle kann Nesselwang nicht punkten. Hier fließt der Verkehr durch die Hauptstraße des Ortes, dass einem Fußgänger angst und bange werden kann, will er die Straße überqueren. Sehenswert allein die St.-Andreas-Kirche. Eine Pracht in Gold mit mehreren Seitenaltären und einem Hauptaltar, vor dem ich als Besucher andächtig inne halte. Anschließend gibt’s noch eine Brezel samt Weißwurst. Schließlich sind wir ja in Bayern und es ist Mittagszeit. Dann geht’s zurück zum Troll und vor allem in den Schatten. Mitte September ist zwar überschritten, aber die Sonne heizt ein, als wollte sie alle schlechten Augusttage ausgleichen. Im Troll zeigt das Thermometer 28 Grad. Nur draußen im Schatten lässt es sich gut aushalten. Ein paar Meter weiter liegen Sonnenanbeter barbusig in ihren Liegestühlen und warten offensichtlich darauf, dass der Hautkrebs endlich zuschlägt.

Uns führt der Weg am nächsten Vormittag weiter in Richtung Pfronten mit den 13 Ortsteilen. Kappel ist für uns der erste. Mit markantem Wahrzeichen, der alten Dorfkirche. Idealer Ausgangspunkt für Wanderungen zum Edelsberg. Doch lassen wir das. Mit Wandern haben wir auf dieser Tour nicht allzu viel am Hut. Meistens geht’s bergauf, dann bleibt mir die Luft weg. Geht’s aber mal bergab, dann schmerzen meiner Angetrauten die kaputten Knie.

Unübersehbar: das Hohe Schloss.
Unübersehbar: das Hohe Schloss.

Füssen

Wir fahren über Weißbach nach Füssen. Die Stadt gehört neben Kempten zu den ältesten Siedlungen im Allgäu: Hier kreuzt sich übrigens die „Deutsche Alpenstraße“ mit der „Romantischen Straße“ und der „Via Claudia Augusta“. Die Letztere ein alter Kultur- und Handelsweg des römischen Reiches. In Füssen, in königlicher Traumlandschaft gelegen, eingebettet in sanfte Hügel und geschützt durch steinerne Wächter, erwächst weithin sichtbar das Hohe Schloss. Darunter erstreckt sich malerisch die Altstadt. Übrigens mit 800 und 1200 Metern die höchstgelegene Stadt in Bayern. Hier vereinen sich unterschiedliche Epochen zu einer Kulisse, die einen Romantikurlaub unvergessen machen: Die kleinen, verwinkelten Gassen sind Zeugen einer florierenden, mittelalterlichen Stadt. Über ihnen recken sich hohe, gotische Häusergiebel in den Himmel. Neben den reich dekorierten Kirchen aus der Zeit des Barock und Rokoko finden sich Überreste der alten Stadtmauer. Nicht von ungefähr wird Füssen als die nördlichste Stadt Italiens bezeichnet: Das Treiben auf dem Schrannenplatz oder rund um den Stadtbrunnen erinnert an eine italienische Piazza, die Straßencafés bieten neben den Torten, die schon Königin Marie genoss, auch einen wunderbaren Blick die Fußgängerzone entlang auf das Hohe Schloss. Mit uns blicken Hunderte, ja Tausende von Touristen aus aller Herren Länder in den engen Straßen in die Auslagen der Geschäfte und zum Hohen Schloss.

Nicht zu vergessen König Ludwig II. Im Füssener Land wuchs er auf. Hier verwirklichte er seinen Traum: das der mittelalterlichen Wartburg nachempfundene Schloss Neuschwanstein. Mit Zinnen und Türmen, hoch über der Pöllatschlucht. Am 11. Juni 1886 wurde der Märchenkönig aus seiner Traumwelt in einer Kutsche nach Berg am Starnberger See gebracht. Kurz zuvor war er durch ein ärztliches Gutachten entmündigt worden. Ein König, der schon mit knapp 40 Jahren dick und aufgeschwemmt war, dem die Zähne ausfielen, der einsam in seinen Schlössern saß und der nächstens mit dem elektrisch beleuchteten Schlitten durch die Wälder raste. Ein schlichtes, schwarzes Holzkreuz etwa 15 Meter vom Ufer des Starnberger Sees entfernt, markiert die Stelle, an der „der König der Künste“ am 13. Juni 1886 unter ungeklärten Umständen starb.