Das Land zwischen den Meeren

Schleswig-Holstein hat zu allen Jahreszeiten viel zu bieten

Draußen regnet’s. Weihnachten ist vorbei und das neue Jahr ist erst ein paar Tage alt. Vor zwölf Monaten hatte ich jeden Morgen gut zu tun. Mit Schneeschippen. Was am Tag weggeräumt wurde, kam des Nachts wieder vom Himmel. Mit dem derzeitigen Regen komme ich besser zurecht. Schließlich läuft er von allein auf Nachbars Grundstück. Ich muss nicht nachhelfen. Daher habe ich jede Menge Zeit, die nächste Reise vorzubereiten. Das ist beinahe so schön wie die Reise selbst. Auf meinem Schreibtisch türmt sich die Lektüre. Stellplatzführer, Autoatlas, Baedeker und Michelin. Dazu kommen die verschiedenen Internetforen oder Wikipedia. Es macht einfach Spaß. Ab und zu „verirrt“ sich mein Ehegespons in mein Büro. Will wissen, warum der Angetraute ständig von der Bildfläche verschwindet. Abtaucht in sein Allerheiligstes, wo es doch in Wohnzimmer in dieser Jahreszeit viel zu gucken gibt. Noch steht der Tannenbaum vom Fest. An ihm vorbei geht der Blick durch die große Glastür auf die Terrasse und in den angrenzenden Garten mit Teich, Bäumen und Büschen, mit Vogelhaus und jede Menge Futter für die Gefiederten. Da herrscht Trubel, Gedränge, Gefiepe und der Kampf um die besten Brocken. Spatzen und Meisen, Grün- und Buntspecht, Dompfaff, Rotkehlchen und Elstern geben sich ein Stelldichein. Da gibt’s ‘was zu sehen.

Doch ich lasse mich nicht ablenken. Bin beim Suchen auf „inzumi“ gestoßen, mit dem man im Internet seinen eigenen Reiseführer zusammenstellen und anschließend auch drucken lassen kann. Zwar ganz nett, doch für unseren geplanten Törn nach Schleswig-Holstein bringt er mir nicht genug. Also zurück zum Stellplatzführer, zu Beadeker und Info Guide. Was für den einen beim Lesen langweilig und einschläfernd wirkt, löst bei mir Vorfreude auf kommende Tage und Wochen aus. Sie alle - die im Internet und die auf Papier - helfen beim Planen. Und sie vermitteln mir Wissen, das ich dann vor Ort von mir geben kann. Oft genug allerdings kommt von meiner Ingrid dann das Echo zurück: „Das weiß ich, oder glaubst du, alle Frauen sind doof?“ Doch zurück zum Wesentlichen. „Gott schuf das Meer, die Friesen schufen die Küste“, heißt es. Vom 5. Jahrhundert an wurde die Dünenkette, die sich von der Schelde bis zur Weser hinzog, durch gewaltige Stürme aufgesplittert. Es entstanden die friesischen Inseln und Halligen. Jede Menge Festland ging damals „den Bach runter“.

Zeitsprung - zehn Wochen später

Endlich liegt der Winter - der im Grunde keiner war - in seinen letzten Zügen. Der Frühling klopfte schon vor Wochen an die Tür. Nun ist er da. Wir haben Mitte März. Die Krokusse und die Schneeglöckchen in unserem Garten sind bereits am Verblühen. Endlich kommt zum Tragen, was ich Anfang Januar zusammengetragen, zusammengestellt, zusammengeschrieben habe.

Krabbenkutter im Büsumer Hafen
Krabbenkutter im Büsumer Hafen

Büsum

Erste Station ist Büsum. Der Stellplatz an der Dr.-Martin-Bahr-Straße. Mit Stromanschluss. Ganz wichtig im März. Schließlich steht die Sonne noch tief am Horizont und hält sich mit der „Bestrahlung“ der Solarplatten zurück. Unser Troll wird aus dem Winterschlaf geweckt. Damit er die erste Tour des Jahres nicht mit halboffenen Scheinwerfern beginnt, bekommt er eine Wäsche vom Feinsten. Wasser, Reinigungsmittel und Wachs. Alles in einem Arbeitsgang. Da strahle am Ende nicht nur ich, sondern auch unser Mobil. Einen halben Tag lang eingeräumt, staubgesaugt und geputzt, dann kann’s losgehen. Gen Norden. Ins Dithmarsche und nach Nordfriesland. Für die, die sich im Norden nicht so gut auskennen: Wir wollen nach Schleswig-Holstein.

Der Stellplatz
Der Stellplatz

Die Sonne meint es gut mit uns. Spendiert blauen Himmel und jede Menge Strahlen. Versucht sich, gegen den kalten Wind durchzusetzen, der uns von Osten kommend, den Kragen höher schlagen und die Mütze tiefer ins Gesicht ziehen lässt. Ohne Stau geht’s bis an die Elbe nach Wischhafen. Ohne Halt sogar auf die wartende Fähre. Keine fünf Minuten später machen wir eine „Seefahrt“. Die kostet uns zwanzig Euro und endet am jenseitigen Ufer in Glückstadt. Auch auf der schleswig-holsteinischen Seite freie Fahrt. Freie Bahn für uns und alle anderen Reisenden. 168 Kilometer und Elbquerung in dreieinhalb Stunden. Leicht ist der Wohnmobilhafen Büsum zu finden. Zentrale Lage und ganzjährig geöffnet. Mit Stromanschluss und Sanitäranlagen. Macht mit Kurtaxe zusammen 15 Euro. Schlüssel für Toilette und Dusche am Kiosk. Verschwiegen wird allerdings, dass der Kiosk erst ab 1. April geöffnet ist. Dann beginnt die Saison. Doch wir schreiben noch März. Also kein Toiletten- und Duschschlüssel. Und auch kein Gasverkauf, keine Brötchen, keine Zeitungen und keine lecker Fischbrötchen. Die gibt’s auch erst ab Saisonbeginn. Aber der Preis bleibt bei 15 Euro. Laut vierfarbiger Eigenbroschüre liegt der Platz „mitten im Hafengebiet“. Stimmt ebenfalls nicht. Der Hafen ist zehn Gehminuten entfernt, 15 Gehminuten das Stadtzentrum. Und die „geschützte und begrünte Anlage“ besteht aus großzügig bemessenen Plätzen auf grüner Wiese mit Splituntergrund.

Schnitzel und Krabben, lecker
Schnitzel und Krabben, lecker

Nach Stromanschluss und Kühlschrankumstellen geht’s ab ins Dorf, ab ins Zentrum von Büsum. Auf Schusters Rappen Richtung Häfen. Meine Uhr hat just die 12 angezeigt. Meiner Ingrid gelüstet’s nach Krabbenbrötchen. Kein Problem. Linker Hand, unweit des ersten Hafenbeckens, grüßt uns die „Barkasse“. Eine urig eingerichtete Gaststätte. Dort gibt’s auch echte Nordseekrabben. Aber nicht zwischen zwei Brötchenhälften. Statt dessen als Tellergericht zusammen mit einem Wiener XXL-Schnitzel, frisch und fantasievoll angerichtetem Salat samt Tomaten-, frischen Pilz- und Passionsfruchtscheiben, mit Bratkartoffeln wie von Muttern und einem Töpfchen Soße Hollandaise. Super lecker. Ein Essen der gehobenen Klasse.

Der Museumshafen
Der Museumshafen

Danach geht’s weiter. Auftakt gelungen. Nun kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Wir bummeln an Museumshafen entlang. Riskieren einen Blick über den Deich Richtung Nordsee. Und wie meistens, wenn wir ans Meer kommen, hat es sich gerade zurückgezogen. Vor uns glänzt das Watt in der Sonne. Im großen Bogen geht’s durch die Flaniermeile mit zahllosen Geschäften zurück zum Stellplatz. Mit einem Zwischenstopp in der St.-Clemens-Kirche. Als einige der wenigen evangelischen Gotteshäuser sogar geöffnet und zum stillen Gebet einladend. Dann sind wir mit runden Füßen am Troll und freuen uns auf die traditionelle Tasse Tee. In der Ferne sehen wir den Deich, die höchste Erhebung in dieser Landschaft. Und weil wir leider nicht am Ufer der Nordsee stehen, entgeht uns an diesem ersten Reisetag der Saison der fantastische Sonnenuntergang im Westen.

Der Krabbenexpress für Fußkranke
Der Krabbenexpress für Fußkranke

Der Blick zurück: „Es war einmal eine kleine Insel vor der Küste Dithmarschens. Wilde Wasser kamen und Wolken aus Sand. Männer kämpften mit Wellen und errichteten Wände aus Wiesen. So entstand im Laufe der Jahrtausende Büsum.“ 1140 erstmals urkundlich erwähnt, im 16. Jahrhundert durch Eindeichung mit dem Festland verbunden. Wie Prosa liest sich die Geschichte des drittgrößten Urlaubsortes an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste. Familien mit Kindern, Naturfreunde, Sportler, Wanderer und Senioren - so wie wir - geben sich hier ein Stelldichein. Seit über hundert Jahren.

Seit 1837 ist die Kommune offiziell Nordseebad. Bietet Bummeln in maritimer Atmosphäre, Rad fahren vor der Kulisse des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, Naturwissenschaft kindgerecht und auch für Große spannend aufbereitet, eine riesige Auswahl an Sportmöglichkeiten. Dazu spannende Attraktion in der Sturmflutenwelt „Blanker Hans“ unweit des Wohnmobilstellplatzes. Heiraten auf einem Krabbenkutter. Kein Problem auf der „Hauke“. Wattwanderung mit Fackeln oder mit Musik der Kurkapelle und vorneweg der „Wattenpräsident“. Einmal im Jahr tummeln sich Pferde und Reiter auf dem Watt. Das Spring-Reitturnier auf Büsums Meeresboden hat Seltenheitswert.

Uns begrüßt am nächsten Tag ein grauer, kalter Morgen. „Im Dezember war’s wärmer“, lästert meine bessere Hälfte. Und sie hat recht. Mal sehen, ob sich die Sonne heute noch blicken lässt. Dann heißt es „Leinen los“.