Beim Eintreffen am Troll, genauer: Nach dem Aufschließen und Entern sehen wir die Bescherung. Wasserschaden! Inzwischen der zweite in unserem rollenden Ferienhaus. Unterm Kühlschrank tritt ein Rinnsal aus. Ein echtes, kleines Bächlein. Windet sich – die Fußmatten durchnässend – in Richtung Sitzbank vorm Tisch und verschwindet damit unter unserem großen Tank. Schon gestern ließ ein wenig Feuchtigkeit meine Frau aktiv werden. „Der Kühlschrank leckt wieder“, meinte sie. Doch die Menge Wasser kann nicht aus dem Kühlschrank kommen. Ich entferne die Schubläden unter dem Spülbecken. Dann kommt es knüppeldick. Die Zuleitung zum Wasserhahn leckt. Und wie! Ein strammer Strahl, der an den beiden Leitungen – Warm- und Kaltwasser – zutage tritt. Also: Druck aus der Leitung. Trockenlegen mit Handtüchern. Dann folgt ein Telefonat mit unserer Werkstatt in Heiligenfelde. „Kein Problem“, kommt es vom anderen Ende der Leitung. „Ich arbeite morgen für Sie.“ Morgen ist Sonnabend. Für uns heißt das: Tour unterbrechen und ab nach Heiligenfelde. Das sind gut zweihundertsiebzig Kilometer. Ist der Schaden behoben, sehen wir weiter. Doch auf der Autobahn gibt’s nach Passieren des Elbtunnels die Nervenzerreißprobe. Ein viele Kilometer langer Stau. Nach rund vier Stunden ist Heiligenfelde südlich von Syke erreicht. Wir übernachten abgeschlafft vor der Werkstatt.

Am nächsten Morgen kommt Mehmet auf den Platz. „Kein Problem. In einer Stunde ist das erledigt.“ Für seine Kunden tut er wirklich alles. Egal ob in der Woche oder am Wochenende. Nachdem er die Dichtungen ausgewechselt, fünf Halogenleuchten gegen LED ausgetauscht hat, sind wir wieder auf der Straße . . . . und im nächsten Stau vor dem Elbtunnel.

Der Stellplatz
Der Stellplatz

St. Peter-Ording

Wir steuern mit unserem Troll St. Peter-Ording an. Nach dem gestrigen trüben Tag lacht uns die Sonne von azurblauem Himmel. Bis in die Abendstunden. Uns empfängt ein wirklich gepflegter Platz für 75 Mobile. Gut geschnittene und abgegrenzte Parzellen. Was mir nicht gefällt ist die Preisgestaltung. Vor langer Zeit besserten die Küstenbewohner ihr Einkommen mit Strandräuberei auf. Gerieten nur wenige Schiffe in Seenot, halfen sie mit falschen Leuchtfeuern nach. Das war natürlich illegal. Legal sind die heutigen Beutezüge: Da kostet der Stellplatz 15 Euro. Dazu kommen Strom (60 Cent/1 kWh), 50 Liter Wasser 1 Euro, 5 Liter 20 Cent, Kassette entleeren 2 Euro, WC benutzen 20 Cent, Zugang zur Dusche 1 Euro, 1 Minute duschen 50 Cent, W-Lan Hotspot 1 Euro/Std. und Gästekarte/Kurtaxe für St.-Peter-Ording (O-Ton: für einen unbeschwerten Aufenthalt). Ersteres mit der Sep-Card zu zahlen, die vor dem Einfahren mit 20 Euro gelöst werden muss, die Gästekarte/Kurtaxe im Stellplatzbüro in bar zu entrichten. Reicht der Betrag nicht aus (das ist meist der Fall), kann „nachgeladen“ werden. Für jede weitere Übernachtung muss eine neue Plastikkarte erworben und die „alte“ zurückgegeben werden. Eventuelles Guthaben wird ausgezahlt.

Urgemütlich: Reetdachhäuser.
Urgemütlich: Reetdachhäuser.

Leider sehen wir auch heute keinen Sonnenuntergang im Meer. Das ist zwei Kilometer vom Stellplatz entfernt. Nahe dabei aber ist der Ortsteil „Dorf“. Den erkunden wir. Kommen uns dabei vor wie in Timmendorf, dem Treffpunkt der Schönen und Reichen. Sonnenhungrige an den Tischen vor den Restaurants, Sehleute vor den Schaufenstern der Geschäfte. Wir leisten uns einen exquisiten Tee und Brüsseler Pralinen. Meine Ingrid ersteht Brötchen fürs Abendbrot. Ich kann nicht widerstehen und trete den Rückweg zum Troll mit einer neuen Fleecejacke an. Echt mollig so ein Stück. Nun kann der Abend kommen. Bei Brüsseler Pralinen und einem Glas Rotem (es könnten auch zwei gewesen sein). Einen Kilometer bis Ortsmitte, zwei Kilometer bis zur Küste, schreibt Wicko im Stellplatzführer. O-Ton: „Und ist man endlich da, ist das Wasser weg“. Recht hat er. Auch wir stellen fest: „Eigentlich kommen wir immer, wenn das Wasser gerade weg ist.“ Da heißt es dann warten, rund sechseinviertel Stunden lang. Oder über den Meeresboden spazieren. Man nennt das „Wattwandern“. Da lässt sich vieles beobachten. Es krabbelt und kribbelt auf und im Schlick. Oder noch besser: Bauland an Bayern verkaufen. Die wundern sich dann, wenn ihr Grundstück bei aufkommender Flut im Wasser verschwindet. Das gibt es zweimal am Tag. Der Grund ist, dass sich die Erde innerhalb von 24 Stunden einmal um die eigene Achse dreht.

Hier noch eins davon.
Hier noch eins davon.

Häuser auf Pfählen, kilometerweiter Strand, einzigartige Dünenlandschaften, sausende Strandsegler, das ist das Bild, das man vom größten Ort der Halbinsel Eiderstedt an der Nordseeküste im Kopf hat. Entstanden ist es durch etliche Vorabendserien und Spielfilme im Fernsehen. Die Naturkulisse inspirierte unzählige Künstler, gab Geschichtenerzählern Stoff und zieht alljährlich eine in die zigtausend gehende Zahl von Urlaubern an. Da kommen wir vor den ersten warmen Tagen genau richtig. Der Trubel läuft erst an, wenn der Frosch im Wetterglas höher klettert. Das ist jedoch noch nicht der Fall.

Uns fällt die gefühlte Weite der Landschaft auf. Die sind wir zwar aus heimatlichen Gefilden mit Marsch und mit Kühen auf scheinbar endlosen Weiden in der Weserniederung gewöhnt. Doch hier bekommt der Begriff an dem sagenhaften Strand mit zwölf Kilometern Länge und zwei Kilometern Breite eine ganz neue Bedeutung. Ein El Dorado für sportlich Aktive, stille Wanderer, Naturbegeisterte. Hier trifft sich die Elite der Kitesurfer, der Windsurfer, der Strandsegler und der Beachvolleyballspieler.

Meiner Ingrid und mir gefällt’s hier. Also hängen wir noch einen Tag dran. Gucken nach dem Aufwachen durchs Womofenster in echten Küstennebel. Erleben, wie die Sonne ganz langsam die Oberhand gewinnt. Und machen uns in der Mittagszeit erneut auf den Weg in Richtung Zentrum Dorf. Dorthin, wo die reetgedeckten, kuscheligen Friesenhäuser stehen. Bunkern in den auch Sonntags geöffneten Geschäften Tee für die Lieben daheim. Legen Rast bei einem Kaffee Crema ein. Als wir am Nachmittag zum Troll zurückkommen, hat sich auch das Tagesgestirn endlich gegen den Dunstschleier durchgesetzt.