Wir hatten auf unserem Platz an der Hauptdurchgangsstraße mit einer unruhigen Nacht gerechnet. Doch früher als gedacht, lässt der Verkehr nach. Wir schlafen durch, ohne vom Motorenlärm vorbeirasender Kfz geweckt zu werden. Auch dieser Morgen neblig, sehr neblig sogar. Und so kalt, dass die Temperatur für Handschuhe locker erreicht wird. Der Wind bläst heftig aus Ost, bringt jede Menge sibirische Kälte mit. Richtig ungemütlich ist’s draußen. Ich beeile mich, kurz vor neun in die öffentliche Toilette auf der anderen Straßenseite zu kommen. Die soll ab 1. April von 8 bis 18 Uhr geöffnet haben. Und heute ist der 1. April. Doch der Gang ist vergebens. Alles ist fest verschlossen. So früh sind Angestellte im öffentlichen Dienst offensichtlich nicht am arbeiten. Dann also nicht. Auf Wiedersehen Friedrichstadt.

So geht in Husum die Sonne unter.
So geht in Husum die Sonne unter.

Husum

Nach so vielen Holland-Eindrücken zieht’s uns weiter nach Husum. Durchs flache Land. 16 Kilometer weit. Vorbei an Schafherden mit kleinen Lämmern. Theodor Storm beschrieb Husum als „graue Stadt am Meer“. Weltweit bekannt durch seinen „Schimmelreiter“. Sein Geburtshaus steht an der Nordseite des Marktplatzes und ist neben dem Rathaus das älteste Gebäude der Stadt. Er muss damals vom „Grauen Star“ befallen gewesen sein. Von Grau ist wirklich nichts zu sehen und zu spüren. Trotz fehlendem Sonnenschein und kaltem Wind. Lufttemperatur am ersten Dienstag im April rund siebeneinhalb Grad.

Ist das Wasser weg, liegen die Schiffe trocken.
Ist das Wasser weg, liegen die Schiffe trocken.

Wir waren schon des öfteren in der Kreisstadt in Nordfriesland. Wundern uns jedes Mal, dass Loof’s Wohnmobilhafen (warum eigentlich mit Apostroph?) immer mehr an Glanz verliert. Er scheint in die Jahre gekommen. Nicht nur die Sanitäranlage verbreitet inzwischen den Charme des vergangenen Jahrhunderts. Der Preis liegt noch bei 12 Euro. Wie „moinmoin“ im Stellplatzführer anmerkt: „Leider der einzige stadtnahe Stellplatz, aber auf Dauer kann das auch die schönste Stadt nicht aufwiegen.“  Da sind wir schon beim Thema „schöne Stadt“. Kaum angekommen, Strom angeschlossen und unseren Kleinen an die Leine genommen, sind wir auf dem Weg ins Zentrum. 500 Meter sind’s. Passieren in winddichter Jacke und wollenem Pullover den Hafen mit seiner Geschäftszeile. Und wie immer: das Wasser ist weg. Wir haben Ebbe im gezeitenoffenen Hafen. Die wenigen Schiffe liegen auf einer dicken Schlickschicht und „ruhen sich aus“. Warten auf wiederkehrendes Wasser, auf wärmeres Wetter und auf Touristenströme, die Geld in die Kassen der Unternehmer spülen.

Trotz Ebbe läuft das Geschäft auf dem Restaurantdampfer.
Trotz Ebbe läuft das Geschäft auf dem Restaurantdampfer.

Danach tauchen wir ein, tummeln uns (bildlich gesprochen) in maritimer Geschichte auf  dem Kulturpfad. Wandern zum „lila Wunder des Nordens“, der Krokusblüte in Husum (Farbenpracht zu einem Zeitpunkt, zu dem die restliche Vegetation bis auf ganz wenige Ausnahmen noch weitgehend kahl ist). Pech für uns. Weil der Winter seinen Namen nicht verdiente und der Frühling schon im Februar Einzug hielt, ist von der Blütenpracht Ende März/Anfang April nicht mehr viel geblieben. Die Proklamation der Krokuskönigin am vergangenen Wochenende musste sich mit letzten verbliebenen Krokussen begnügen.

Durch den Schimmelreiter weltbekannt.
Durch den Schimmelreiter weltbekannt.

Mehr als vier Millionen dieser Zwiebelblume haben ihr Zuhause im Schlosspark. Tausende Menschen kommen alljährlich, um die lila Pracht zu sehen. Ende März/Anfang April, je nach Witterung, ist normalerweise die gesamte Rasenfläche mit den violettfarbigen Blüten bedeckt. Das Rätsel der Herkunft dieser Pflanzen ist bis heute ungeklärt. Es gibt zwei Versionen: So sollen Mönche im 15. Jahrhundert die aus Südeuropa stammenden Pflanzen in ihrem Klostergarten angesiedelt haben, um Safran aus den getrockneten Narben der Blume zu gewinnen. Sie wollten ihre liturgischen Gewänder damit färben. Die zweite Deutung: Herzogin Marie Elisabeth pflanzte sie Mitte des 17. Jahrhunderts, um aus den Krokussen Safran als Gewürz für ihre Zuckerbäckerein zu erhalten.

Das Krokusblütenfest wird mit einem Kunsthandwerkermarkt im Schlosshof und verkaufsoffenen Sonntagen gefeiert. In den Schlosspark gelangt man durch ein aus dem frühen 17. Jahrhundert stammendes Portal aus Sandstein. Hier steht auch das Storm-Denkmal. Überall lila Deko in der Stadt, bis hin zu den Angestellten in den Geschäften in lila Blusen und Hemden. Als Höhepunkt (heuer am 29. und 30. März) wird die Krokusblütenkönigin gekürt. Auf der Rathaustreppe erfolgt die Übergabe der Krone von der scheidenden an die neue Majestät. Und das Volk applaudiert.

Die Silotürme beherrschen die Hafenansicht.
Die Silotürme beherrschen die Hafenansicht.

Wer ins Zentrum will, kommt am Hafen nicht vorbei. Hier gibt’s nicht nur Nordseekrabben direkt vom Kutter (wenn man Glück hat), sondern auch die Krabbentage im Herbst. Da fällt mir der Kommentar meiner hessischen Cousine anlässlich eines Besuchs in Greetsiel/Ostfriesland ein: „Solche ekligen Würmer ess ich nicht. Igitt, igitt.“ Mit dem ältesten Teil des Hafens, dem Binnenhafen,  reicht die Nordsee fast bis an den Marktplatz. Während der Binnenhafen heute einen eher verträumten Eindruck macht, wird das Bild des Außenhafens durch die hohen Silos und durch die Fischkutterflotte geprägt.

Uns entgeht um diese Jahreszeit natürlich das Faulenzen im Strandkorb am Dockkoog. Einen echten Strand gibt’s in Husum allerdings nicht. Als Ersatz dafür gibt’s die Promenade im Stadtteil Schobüll. Die „Seebrücke“ dort führt uns bis in die Nordseefluten oder bis zum Meeresgrund, je nachdem ob gerade Ebbe oder Flut ist (Gezeitenkalender nicht vergessen).

Das Tinedenkmal am Marktplatz.
Das Tinedenkmal am Marktplatz.

Und auf jeden Fall statten wir auch der jungen Fischersfrau „Tine“ auf dem Sockel des Marktbrunnens einen Besuch ab. Das ist ein Muss, wenn wir in Husum sind. Dort steht ihr Standbild seit 1902. Der Bildhauer Adolf Brütt verwirklichte das Abbild der „Stadtgöttin“ in Holzschuhen. Ihr Konterfei klebt als Scherenschnitt seit ein paar Jahren an der Rückwand unseres Troll. Sie ist Husums heimliches Wahrzeichen. Die bronzene Tine soll an einen Wohltäter und eine Wohltäterin der "grauen Stadt am Meer" (Theodor Strom) erinnern: An August-Friedrich Woldsen und Catharina Asmussen, von deren Namen auch die Kurzform Tine abgeleitet ist. Rund um den Tine-Brunnen, unmittelbar vor der imposanten Kirche St. Marien (1827-1832), umgeben von ebenso imposanten Giebelfronten alter Kaufmannshäuser, steht in der Adventszeit der Weihnachtsmarkt. Doch das ist im April leider - oder Gott sei Dank - noch lange hin. Den werden wir daher nie zu Gesicht bekommen, weil unser Troll dann Winterpause hat.