Liegt für immer auf dem Trockenen.
Liegt für immer auf dem Trockenen.

Erst als wir längst zu unserem fahrenden Zuhause zurückgekehrt sind, uns die neuesten Nachrichten im Fernsehen zu Gemüte geführt haben, als das mitgebrachte Fischbrötchen von Loof den Weg alles Essbaren gegangen und auch die dritte Tasse Tee getrunken ist, da wagt sich doch tatsächlich noch die Sonne zwischen dem ganztägigen Grau am Himmel hervor. Es ist Glockenschlag halb acht. Geblieben ist uns allerdings der eiskalte Wind aus Ost und die Temperatur von inzwischen fünf Grad (plus). In der Nacht brist es mächtig auf. Beinahe Windstille dann am nächsten Morgen. Und . . . gegen halb elf kommt tatsächlich die Sonne aus dem grauen Einerlei des Himmels hervor. Nur die Temperatur liegt noch weit unter unserer Wohlfühlgrenze. Weil’s in Husum viel zu sehen gibt, hängen wir einen Tag dran. Bummeln noch einmal durch die Gassen. Erkunden noch einmal die engen Straßen, genießen das Flair einer geschichtsträchtigen Stadt. Am Spätnachmittag ist auch der Frühling temperaturmäßig zurück. Mit sage und schreibe um die 20 Grad. Und mit einer Windgeschwindigkeit von null. Alle Flügel der Stromerzeuger in den Wiesen hinterm Deich stehen still. So könnte das Wetter bleiben. Morgen soll es weitergehen, Richtung Nordstrand.

Sei zum Schluss noch erwähnt, dass sich Husum 1362 durch die große Sturmflut (Grote Mandränke), die eine schiffbare Verbindung mit dem Meer schuf, zur Küstenstadt und bedeutendem Umschlaghafen entwickelte. Husum ist also „ein Kind der Sturmflut“ und wurde quasi über Nacht zur Hafenstadt. Es waren hauptsächlich die Niederländer, die für ihren Handel den kurzen Weg zwischen den Städten Husum und Flensburg als Verbindung zwischen Nord- und Ostsee wählten. Dazu kam der Handel mit Getreide und der Schiffbau als bedeutende Wirtschaftszweige.

Das Wattenmeer

Laut Wikipedia ist das Wattenmeer der Nordsee ist eine im Wirkungsbereich der Gezeiten liegende, etwa 10.000 Quadratkilometer große, 450 Kilometer lange und bis zu 40 Kilometer breite Landschaft zwischen Blåvandshuk, Dänemark, im Nordosten und Den Helder, Niederlande, im Südwesten. Den bei Niedrigwasser freiliegenden Grund der Nordsee bezeichnet man als Watt. Es handelt sich dabei um das größte Wattenmeer der Erde. Es ist geologisch betrachtet eine sehr junge Landschaft. Erst 10.000 Jahre alt, ständig neu geformt von Wind und Gezeiten. Bietet ein Zuhause für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, die anderenorts selten geworden sind. Zweimal am Tag wird es während des Hochwassers überflutet und fällt bei Niedrigwasser wieder trocken, wobei das Wasser oft durch tiefe Ströme (Priele) abfließt. Der zeitliche Abstand zwischen einem Hochwasser und einem Niedrigwasser beträgt durchschnittlich sechs Stunden und zwölf Minuten. Über dem weiten Horizont ändern gewaltige Vogelschwärme wolkengleich ihre Form, Watvögel laufen auf der Suche nach Würmern und Muscheln über den trocken fallenden Meeresgrund. Herzmuscheln schießen kleine Wasserfontänen aus dem Boden, Wattwürmer garnieren ihn mit Sandkringeln. In den Pfützen tummeln sich Garnelen und kleine Plattfische. Das sich zurückziehende Meer lässt Strandkrabben, Muscheln, Seesterne und Einsiedlerkrebse zurück. Auf Sandbänken lassen sich Seehunde beobachten, bei Hochwasser sogar Schweinswale, deren Rückenflossen das Wasser durchpflügen. Fast das gesamte Wattenmeer steht unter Naturschutz. Der deutsche Teil ist – außer den großen, als Schifffahrtsrouten wichtigen Flussmündungen – als Nationalpark geschützt. Der dänische Teil folgte 2009, der niederländische unterliegt einem komplexen Geflecht aus verschiedenen Schutzmaßnahmen. Der schleswig-holsteinische, niedersächsische und niederländische Wattenmeerbereich gehört seit 2009 zum UNESCO-Weltnaturerbe, 2011 wurde auch das Hamburgische Wattenmeer in die Welterbeliste aufgenommen. Die Wattenmeerküste der Nordsee wurde 2006 in die Liste der 77 ausgezeichneten Nationalen Geotope aufgenommen. (Es steht damit auf einer Stufe mit Naturwundern wie dem Grand Canyon oder dem Great Barrier Riff.)

Der Stellplatz.
Der Stellplatz.

Nordstrand

Der Morgenhimmel zeigt sich wieder einmal Grau in Grau. Und vom Osten hat wieder der kalte Wind eingesetzt. Lufttemperatur gegen 10 Uhr 5,6 Grad. Ich gebe in Loofs Fischladen meine beiden Schlüssel ab, kassiere die 40 Euro Pfand. Danach wird entsorgt. Wundere mich, wie viele Liter Grauwasser innerhalb weniger Tage zusammenkommen. Dann geht’s auf die Straße. Nur zwölf Kilometer sind’s von Husum zur Insel Nordstrand. 1906/1907 durch einen 2,6 Kilometer langen, aber niedrigen Damm mit dem Festland verbunden. Damals diente er ausschließlich dem Küstenschutz. Nur Fußgänger konnten ihn bei Ebbe überqueren. 1933/1935 erfolgte dann der hochwasserfreie Ausbau. Eine rund 4,3 Kilometer lange Trasse (einschließlich der Auffahrrampen) verbindet seitdem Nordstrand mit dem Festland. Nun waren die Insulaner unabhängig von den Gezeiten. Nun nahm auch der Tourismus seinen Aufschwung.

Unterzeile erübrigt sich.
Unterzeile erübrigt sich.

Wir wollen zum Womoland Nordstrand. 14 Euro Stellplatzgebühr (sieben für den Troll und je 3,50 Euro für zwei Personen, unser Hund ist frei), Strom 0,60/kWh Euro. Bei einer Zehnerkarte wird’s billiger. Dann kostet die Gebühr fürs Wohnmobil noch sechs Euro. Aber so lange wollen wir nicht bleiben. „Fahrräder unbedingt mitnehmen“ schreibt „db643“ als Kommentar im Stellplatzführer. Aber die haben wir ja immer dabei. Wir finden großzügige Stellplätze vor, einen freundlichen Empfang im Büro und alle Serviceeinrichtungen, die sich ein Wohnmobilfahrer wünscht. Dazu einen Minishop und einen Aufenthaltsraum.

Blick über  den Stellplatz.
Blick über den Stellplatz.

Auf uns wartet in Nordstrand ein 28 Kilometer langer Seedeich, der uns vor den Fluten des Blanken Hans schützen soll, Halligen und Inseln, die wir per Schiff besuchen können (wenn wir wollen), Pellworm, Amrum, Föhr und Sylt zum Beispiel. Hier kann man über Kilometer schnurgerade Straßen finden. In dicker Jacke, meine Ingrid mit wollenen Handschuhen, machen wir uns auf den Weg. Kehren schon nach wenigen hundert Metern um. Der kalte Ostwind schneidet wie Messer ins Gesicht, meine Finger – ungeschützt halten sie die Kamera – sind so steif, dass das Halten der Canon schwerfällt. An Fahrradfahren gar nicht zu denken. Kurze Stippvisite auf dem Deich. Dort ist es noch schlimmer. Nur die Schafe mit ihrem dicken Wollkleid scheinen sich pudelwohl zu fühlen. Kein Wunder, dass wir bei diesen Temperaturen nur mit vier Mobilen auf dem Platz stehen. Das Umrunden der Insel per Pedal können wir uns abschminken. Wir machen es uns im Troll gemütlich. Dort wird es richtig kuschelig, als sich das Tagesgestirn gegen 14 Uhr endlich entschließt, volle Breitseiten Strahlen auf die kalte Erde zu schicken. Dadurch wird’s im Troll richtig warm. Doch kaum die Nase aus der Tür gesteckt, ziehe ich sie schnell wieder zurück. Im Freien ist es nach wie vor saukalt und die kräftigen Böen sind besonders unangenehm.