Am Morgen zeigt sich: Der April macht, was er will. Gestern Sintflut, heute morgen ist es trocken aber bedeckt. Damit ist klar, heute steht der Stadtbesuch an. Einmal am Vormittag, einmal am Nachmittag. Zweimal durch die Fußgängerzone, zum Markt, zum Altmarkt und zum Schiffbrückenplatz. Dazu scheint anfangs die Sonne, später ziehen blauschwarze Wolken auf, sie schicken ein paar Tropfen zur Erde. Aber nicht soviel, um richtig nass zu werden. Die Quecksilbersäule zeigt um die 19 Grad. Das kommt mir wie ein Wärmeschock gegenüber den vergangenen Tagen vor. Leichte Kleidung ist angesagt. Mit runden Füßen kehren wir in den späten Nachmittagsstunden zum Troll zurück. Lassen es uns gut gehen. Sie wissen es schon: Bei einer Tasse Tee.

Die Highlights haben wir gesehen. Als da wären das Alte Rathaus am Altstädter Markt. Grundsteinlegung im Jahre 1566 und in allen Teilen im Laufe der Jahrhunderte verändert. Vorderfront und Treppengiebel kamen 1901 dazu, in neuerer Zeit das Glockenspiel. Im ersten Stock wurde 1542 auf einem Landtag die Reformation für Schleswig und Holstein beschlossen.

Die St.-Marien-Kirche von 1287 ist das älteste Gebäude der Stadt. Fertiggestellt erst Ende des 16. Jahrhunderts. Die dreischiffige Hallenkirche im gotischen Stil hat einen Altar von Henning Clausen aus dem Jahre 1649.

Was wäre Rendsburg ohne den Nord-Ostsee-Kanal? Durch ihn wurde die einstmals dänische Festung zum wichtigen Seehafen im Binnenland. Und ihm verdankt die Stadt ihr Wahrzeichen, die zweieinhalb Kilometer lange Eisenbahnhochbrücke mit der weltbekannten Schwebefähre. Eines der bedeutendsten, noch erhaltenen Stahlbauwerke der Erde. 1913 fertiggestellt, mit den Zufahrtsviadukten genau 2487 Meter lang mit einer Durchfahrtshöhe von 42 Metern. Unter der Brücke hängt an zwölf Stahlseilen eine Schwebefähre, 14 Meter lang, 6 Meter breit. Vier Autos und 60 Fußgänger kann sie gleichzeitig über den Schifffahrtsweg tragen. Sie ist übrigens eine von acht, die noch weltweit erhalten sind. Der Kanal machte es auch möglich, dass in Rendsburg die härteste Ruderregatta der Welt ausgetragen werden kann, der EON-Hanse-Cup. Klar, dass wir auch den Schiffbrückenplatz besuchen. Er war bis 1893 Rendburgs Hafen. Der Brunnen mitten auf dem Platz erinnert daran.

Die „blue line“ - der etwas andere Weg durch Rendsburg, mit blauer Farbe aufs Pflaster gepinselt - lädt zur Entdeckungsreise ab Stellplatz ein und führt auf 3,2 Kilometer Länge durch die historische Stadt. Über 4.700 verschiedene Whiskyflaschen wollen betrachtet werden, seitdem im Jahre 1994 in Rendsburg Deutschlands erste Whiskygalerie, in der man besichtigen und kaufen und vielleicht auch ein Schlückchen probieren kann, eröffnet wurde. Wir verpassen also einiges, weil wir nach soviel Pflaster treten, unserem Troll wieder die Sporen geben wollen. Ich will endlich ein Foto von der in Deutschland einmaligen Eisenbahnhochbrücke. Das soll morgen früh geschossen werden. Wir wollen nach Wilster. Da bietet sich der Stopp auf einem Parkplatz unweit der Brücke förmlich an.

Der Stellplatz.
Der Stellplatz.

Wilster

Dass es schwer wird, kann ich an diesem Abend noch nicht wissen. Nachts schüttet es wie aus Eimern. Setzt sich am Morgen fort. Als der Guss von oben etwas weniger wird, nutze ich die Gelegenheit, um das Stromkabel einzuholen und unsere Fußmatte auszuschütteln. Los geht’s in Richtung Wilster. Es hört nicht zu schütten. Rund 56 Kilometer in Schauern. Kaum sind wir auf dem großen P+R-Platz an der Etatsrätin-Doos-Straße angekommen, ist es trocken. Doch auch hier hat die vergangene Nacht ihre Spuren hinterlassen. Aufgeweichter Untergrund, Wasserlachen und Matsch so weit das Auge reicht. Im vorderen Bereich mit Schotter befestigt. Doch auch dort stehen Wasserlachen, hat sich der Matsch an die Oberfläche gedrängt. Im hinteren Bereich des Platzes Wiese. Tiefe Spuren im aufgeweichten Rasen zeigen von der Gefahr sich festzufahren.

Hier gibt es (fast) alles.
Hier gibt es (fast) alles.

Jetzt scheint die Sonne. Alles wird gut. Wir bummeln durch die Stadt an Deutschlands tiefster Landstelle. Sie liegt 3,45 Meter unter dem Meeresspiegel. 1282 wurde dem Dorf Wilster das Lübische Stadtrecht verliehen. Die Geschichte geht aber noch weiter zurück. Bis 1163. Die günstige Lage an der Wilster Au, gute Verbindungen zur Stör und Niederelbe, legten den Grundstein für wirtschaftlichen Aufschwung. Noch heute wird Wilster als „Venedig des Nordens“ bezeichnet. Wir betrachten das alte Rathaus von 1829 samt seinem historischen Speicher, bestaunen die Schwan-Apotheke von 1660 und die St.-Bartholomäus-Kirche von 1775. Besichtigung möglich, wenn man sich den Schlüssel abholt. Neben dem Stellplatz, der bei Veranstaltungen zur Festwiese wird, steht das Colosseum. Ein Tanzsaal von 1908. Nicht weit davon das Gartenhaus „Trichter“. Angeblich gebaut aus Materialresten des Kirchenbaus. Im Stil des Rokoko als Gartenhaus. Durchqueren den Stadtpark mit seinem imposanten Kriegerdenkmal. Wie in Husum ist hier die weiträumige Rasenfläche voller Krokusse. Betreten der Flächen verständlicherweise verboten.

Als die nächste blaue Wand am Himmel aufzieht, geht’s zurück zum Troll. Heftige Regenschauer mit starken Böen wechseln sich ab. Der Tag ist gelaufen. Am Tiefpunkt angekommen ist unsere Stimmung, als wir an Bord kommen. Wieder ein Wasserschaden. Wie im vergangenen Herbst tritt H2O unter der Duschwanne hervor. Ein kleines Rinnsal. Aber immerhin. Was mir dabei durch den Kopf geht, will ich jetzt mal nicht aufschreiben. Etwas Nettes war es jedenfalls nicht. Dann folgt der Griff zum Telefon und der Anruf in unserer Werkstatt in Heiligenfelde. Morgen früh geht’s nach Hause. Und am Morgen danach zu Mehmet, um das leidige Ärgernis endlich in den Griff zu bekommen. Dort stellt sich dann heraus, dass der Filter an der Pumpe undicht geworden ist. Eine Stunde Arbeit, und der Schaden ist behoben. Und weil wir nun ohnehin in der Werkstatt sind, werden auch gleich die beiden sechs Jahre alten Bordbatterien ausgewechselt. Dann geht’s wieder nach Hause. Unser Troll hat für einige Tage Ruhe, bevor es wieder auf die Piste geht.