Deutsche Fachwerkstraße (1)

Mit dem Wohnmobil im November von der Weser über den Harz zur Elbe

Das Jahr neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu. Vier Wochen vor Sylvester muss der Troll seine Winterpause antreten. Doch bevor es soweit ist, wollen wir noch einmal durchstarten. In der ungemütlichen Jahreszeit – und das ist oft im November der Fall – zieht’s mich nicht auf Stellplätze im Grünen mit viel Natur drumherum. Wenn die Nebel durchs Land ziehen, die Sonne tief am Himmel steht, sich an manchen Tagen erst gar nicht blicken lässt, dann sind Städtetouren angesagt. Dabei kann’s ruhig einmal feucht von oben kommen, ein trockenes Fleckchen findet sich meistens. Die Arbeitsgemeinschaft Deutsche Fachwerkstädte soll mir bei der Entscheidung helfen. Inzwischen haben sich 130 Städte zu einer Werbegemeinschaft zusammengeschlossen. Natürlich gibt’s noch viel mehr Fachwerkstädte zwischen Nordsee und Alpen. Spontan fällt mir Lüneburg, Höxter und Quedlinburg ein. Die haben aber keine Arbeitsgemeinschaft zur überregionalen Werbung. Die will ich deshalb mal außen vor lassen.

Leider reagieren die Damen oder Herren im „Fachwerk-Werbebüro“ nicht auf meine höfliche Bitte nach einem bunten Flyer. Aber auf meine zweite Mail kommt endlich Antwort. Mit zahlreichen und guten Unterlagen samt Straßenplänen. Und mit der Bitte um eine Spende. Da will ich mich nicht lumpen lassen.  Doch wesentliche Teile der Tour sind da bereits fertig. Ich habe mir im Internet Informationen besorgt. Schließlich wollen wir auf der längsten deutschen Themenstraße (über 2.800 Kilometer) mit internationaler Bedeutung unsere diesjährige Saison abschließen. Beileibe nicht alles auf einmal. Das ist nicht in zwei Wochen zu schaffen. Aber ein erstes Stückchen davon wollen wir uns ansehen. Zwei von sieben Routenvorschlägen. Die Region Nord: „Von der Elbe zum Weserbergland“ und „Von der Elbtalaue zum Harz“. Im kommenden Jahr können wir die Tour, eine Reise durch eine bis zu 1000-jährige Geschichte, fortsetzen – wenn uns der erste Teil gefällt.

Uns erwartet dabei eine Fahrt durch die unterschiedlichsten Landschaften Niedersachsens, lese ich im Internet. In der norddeutschen Tiefebene mit der Mittelweserregion, dem Leinetal bis ins Weserbergland werden wir Städte kennen lernen, die alle einen eigenständigen Fachwerkcharakter aufweisen, heißt es. In den Gebäuden spiegelten sich die unterschiedlichen Kulturen der Küstenbewohner, der Menschen am Fluss und der Mittelgebirgler wider. Die Städte seien durch jahrhundertealtes Handwerk geprägt und durch ihre Handels- und Bierbrautraditionen über die deutschen Grenzen hinaus bekannt geworden. Viele Orte seien die Schauplätze alter Bräuche, Sagen und Mythen. Eine Erkundung mit dem Fahrrad – so steht’s dort -, am besten von Süden nach Norden, böte sich an. Wir wollen aber nicht als Pedalritter die Landschaft und Städte erkunden, sondern mit unserem Troll. Außerdem können wir auch Calle – unserem Zwergteckel – eine solche Tour im Fahrradkörbchen auf dem Stahlross meiner Angetrauten nicht zumuten. In der Internetstreckenführung geht’s in der Region Nord von Stade gen Süden, macht in Duderstadt die Kehrtwende nach Norden und endet in Bleckede an der Elbe. Bei uns liegt Stade aber nicht an erster, sondern an letzter Stelle. Das ist natürlich als Reihenfolge gemeint, nicht als Wertung.

Niederdeutsches Fachwerk wird von Zwei- und Vierständerkonstruktionen für große Hallenhäuser, mit einer direkt von der Straße zugänglichen zentralen Halle, der Diele geprägt. Der Grundriss dieser Häuser ist dreischiffig. Ursprünglich waren bei diesem Haustyp in den beiden Seitenschiffen die Ställe angeordnet und im Mittelschiff die Diele, während zur Gartenseite hin die Schlafräume untergebracht waren. Insbesondere in den Städten wurde der Basisgrundriss schon früh geändert. Dabei entstanden die typischen "Utluchten". Basis für den Fachwerkbau war Holz. Seine Eigenschaften, die klimatischen Bedingungen und die Fertigkeit der Zimmerleute sind ausschlaggebend für die Dimensionen und Formen der Häuser. Fachwerkgefüge sind eine holzsparende Skelettbauweise mit tragenden Hölzern und nicht tragenden Ausfachungen aus Lehm oder Ziegeln. Die Ausführungen sind Zeitzeugen mit unendlichem Reichtum an Formen, Schmuck und Symbolik. Zwischen Nordsee und Alpen gibt’s übrigens noch heute mehr als 2,5 Millionen Fachwerkgebäude, die mit viel Liebe und Geld über Jahrhunderte erhalten wurden.

Nienburg Los geht’s für uns in Nienburg („Neue Burg“). Erstmals 1025 urkundlich erwähnt und jede Menge Fachwerk. Im Mittelalter wichtige Festungsstadt an der Weser. Ackerbürger- und Patrizierhäuser, Burgmannshöfe, Posthof und Fresenhof legen Zeugnis von der Geschichte ab. Wir folgen der Bärenspur durch die 33.000-Einwohner-Stadt mit den Tatzen im Wappen. Folgen den weißen Abdrücken auf dem Pflaster (lassen dabei allerdings einige aus) und lernen die Sehenswürdigkeiten kennen.

Rund um den Marktplatz gibt’s zahlreiche Fachwerkbauten aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Wir spazieren an der St.-Martins-Kirche (13./15. Jahrh.) mit zwölf Apostelfiguren und wertvollen Grabmälern vorbei. Passieren das Rathaus mit einer Fassade im Stil der frühen Weserrenaissance. Das Gebäude (14. Jahrhundert) ist übrigens eines der ältesten der Stadt. Als Besonderheit gilt die Uhr: Sie kann von jeder Stelle der Langen Straße aus gesehen werden. Vorbei geht’s am Stockturm, eines der Wahrzeichen der Stadt. Nach dem 30-jährigen Krieg wurden Schloss und Nebengebäude abgebrochen. Nur der Schlossturm blieb erhalten. Hier lagen die Gefangenen „im Stock“. Als letztes zum Quaet-Faslem-Haus von 1821. Erbaut im klassizistischen Stil. Sitz des Nienburger Museums mit Ausstellungen zur historischen Wohnkultur. Im Museumsgarten das Rauchhaus von 1633. Heute als Spargelmuseum genutzt. Das dritte dieser Art in Deutschland überhaupt. Hier könnten wir – wenn offen wäre – alles über das Edelgemüse erfahren. Vom Anbau über das Stechen bis zum Vertrieb. Mit Originalmaschinen und sogar dem Nachbau einer kleinen Spargelbude.

Leider ist das Häuslings- oder Kleinbauernhaus nur von Mai bis August geöffnet. Schade, dass wir schon November haben, denn Nienburg ist Spargelhochburg. Das Edelgemüse hat jetzt natürlich keine Saison. Wie weichen deshalb auf gebackenen Seehecht und Kartoffelsalat aus. Nehmen fürs Abendbrot noch zwei Matjesfilets mit. Und natürlich besuchen wir auch die kleine Nienburgerin auf ihrem Sockel. Die Bronze-Skulptur wurde anlässlich der 950-Jahr-Feier in einem Wettbewerb um das Lied "Ich bin die kleine Nienburgerin" von der Bildhauerin Marianne Bleeke erschaffen. Die Melodie des Wechselgesangs von der "Kleinen Nienburgerin" mit dem "Calenberger Buern" erklingt dreimal täglich als Glockenspiel am Posthof (9.15, 12.15 und 18.15 Uhr), wenige Meter vom Standort der Skulptur entfernt. Gehen an der Weser entlang, vorbei an der Fischerei und Räucherei Dobberschütz, die seit 1742 ihren Sitz hier hat. Umrunden das 3,35 Meter hohe "Wiehernde Pferd", die Bronzeskulptur des Bremer Bildhauers Gerhard Marcks. 1989 aufgestellt anlässlich des Theaters auf dem Hornwerk.

Obwohl wir bereits den 10. November schreiben, ist das Wetter auf unserer Seite. In der Nacht vor dem Start kommt’s dann allerdings nass von oben. Am Morgen zeigt sich der Himmel komplett zugezogen. Schickt eine Armee von Tropfen zur Erde, dann geht’s in Nieselregen über. Nach achtzig Kilometern wird es trocken. Einziger Wermutstropfen an diesem herrlichen Herbsttag: Die direkte Zufahrt in die Oyler Straße ist gesperrt. Nur über eine viele Kilometer lange Umleitung erreichen wir unser „Etappenziel“. Unser Troll hat für fünf Euro den Tag Pause. Inzwischen kennt er den Platz an der Weser bestens. Und – ganz wichtig in dieser Jahreszeit – es gibt hier Strom.

Kaum zu glauben: Als wir uns nach dem Einparken auf dem Platz an der Weser auf den Weg in die Stadt machen, reißt der Himmel auf. Sogar die Sonne traut sich hervor. Die Temperatur liegt bei rund 15 Grad plus. Und wie beim Nienburgbesuch vor einigen Monaten stehen Angler am Fluss und holen Rotfeder auf Rotfeder an Land. Nur rund 500 Meter sind’s über die Wesertorbrücke, den alten Flussübergang von 1512, in die Altstadt mit ihren historischen Bauten. Schon zur Zeit des Grafen von Hoya stand dort eine hölzerne Sommerbrücke. Sie musste im Winter wegen Eisgangs abgebaut werden. 1723 gibt’s die erste Steinbrücke. Im Jahr 2000 wird die im Krieg zerstörte Fußgängerbrücke von 1906 durch eine Stahlkonstruktion ersetzt. Als wir beim Einsetzen der Dämmerung wieder beim Troll ankommen, stehen zehn Mobile auf dem Platz. Und weil bei uns das „Wohn“ an zweiter, das „Mobil“ an erster Stelle steht, soll’s morgen auf der Deutschen Fachwerkstraße weitergehen.

Wer mehr über Nienburg wissen möchte, findet es unter „Zum Nienburger Spargel und Hermann dem Cherusker“