Mittwoch Nachmittags alles dicht. Nur gut, dass der Wirt vom Autohof/Hotel Sauer in der Allensteiner Straße da auch nicht mitmacht. Bei dem stehen wir für die kommende Nacht: Bei dem ist alles geöffnet. Sogar die Stromdose. Wenn ich will sogar eine Dusche. Auf dem Platz hinter dem Haus stehen wir für null Euro. Dafür kehren wir gern vorn in der gemütlichen Gaststätte ein und genießen Schnitzel „mit allem drum und dran“. Meine Ingrid schafft die reichlich bemessene Portion nicht. Ich muss den Rest übernehmen. Am Ende ist das sogar für mich zu viel.

Der Tag klingt vor dem Fernseher aus. Hier gibt’s Signal. Heute müssen wir nicht auf die Serien und auch nicht auf den Wetterbericht verzichten. Apropos Wetter: Im Norden soll’s heute geregnet haben. Auf unserer Fahrt war’s trocken. Nebelverhangen zwar und dunstig, aber trocken. Das ist auch schon etwas.

Einbeck Wer Einbeck hört, denkt entweder an Bier oder an die vielen Fachwerkhäuser in der Stadt nahe Harz und Weser am Rande des Solling. Beides hat seine Berechtigung. Beides kennzeichnet die ehemalige Hansestadt. Da ist zum einen das malerische, bestens erhaltene mittelalterliche Zentrum mit den zum Teil ganze Straßenzüge einnehmenden 400 farbenprächtig restaurierten, reich verzierten Fachwerkbauten. Sie stammen alle aus der Zeit nach dem großen Brand von 1540 und zeugen von dem ehemaligen Reichtum Einbecks. Die markantesten Bauwerke sind das Rathaus (1550), das Brodhaus (1552), einst das Gildehaus der Bäcker, die Rats-Apotheke (1590) und die alte Marktkirche St. Jakobi. Ihr Glockenturm steht genau 1,53 Meter aus dem Lot. Dem Nacheifern des schiefen Turms von Pisa wurde im 18. Jahrhundert Einhalt geboten. Die Kosten fürs standfeste Fundament bestritt Einbeck mit dem Verkauf der letzten städtischen Kanonen. Das um 1600 erbaute Eickesche Haus (Ecke Marktstraße/Knochenhauerstraße) ist eines der schönsten Fachwerkbauten der Stadt. Nicht zu vergessen die Tiedexer Straße. Eine 250 Meter lange und geschlossene Zeile von Fachwerkbauten. In den Hausinschriften haben sich die ehemaligen Erbauer verewigt.

Bier- und Fahrradgeschichte kann im Stadtmuseum nachempfunden werden, Blaudruck am Möncheplatz mit über 800 Model aus fast allen Stilepochen seit seiner Erfindung. Wer’s scharf haben will, der besucht in der Altstadt die Einbecker Senfmühle. Dort wird die „Wucht in Gläsern“ im traditionellen Steinmahlverfahren  hergestellt. Als scharfer Küchensenf, mit Agavendicksaft, gesüßt mit Kräutern, Chili, Trauben oder Honig.

In der Eigenwerbung heißt es: Schon vor 600 Jahren feierte in Einbeck die Braukunst Triumphe. Die Einbecker Brauer erfanden im 13. Jahrhundert die Methode, das süffige, aber schnell verderbende Getränk durch Hopfung geschmacklich anzureichern und haltbarer zu machen. Das „Ainpöckisch Bier“ wurde transportfähig und sogar bis nach Bayern exportiert. Wenig später war das in Einbeck erfundene „Bockbier“ in aller Munde, der wirtschaftliche Aufstieg begann. 1600 gab es mehr als 700 brauberechtigte Häuser. Doch Einbeck bietet noch mehr: Zum Beispiel den historischen Braumeister oder die Braumagd, die uns auf Wunsch im Alten Rathaus empfängt, das Stadtmuseum mit der Sammlung historischer Zweiräder oder die Blaudruckerei Wittram, wo man etwas über die bis heute bewahrte alte Stoffdrucktechnik und über die Herkunft des Sprichwortes „blaues Wunder erleben“ erfährt.

Wir starten am fortgeschrittenen Vormittag in Bockenem. Haben rund 50 Kilometer zu bewältigen. Der Himmel ist grau. Über Wiesen, Wäldern und Feldern liegt ein Dunstschleier. Aber es ist trocken. Bleibt auch trocken, als wir am Ochsenhof eintreffen. Von den 30 Plätzen sind vier besetzt. Wir parken den Troll im vorderen Bereich. Mit Strom (0,50 Euro/kWh), Ver- und Entsorgung für einen Euro. Der Reisemobil-Stellplatz in Einbeck - so die Eigenwerbung - zeichnet sich durch seine Nähe zur historischen Altstadt (2oo Meter), aber auch durch seine ruhige Lage aus. Die 200 Meter sind (wieder einmal) von „Fach“leuten gemessen, die mindestens die Körperlänge von Rübezahl im Erzgebirge haben - wenn nicht noch größer. Wir benötigen eine Viertelstunde, um ins Zentrum zu kommen. Legen dabei etwa 1300 Meter zurück. Was wir dann zu sehen bekommen, stellt alle bisherigen Fachwerkstädte in den Schatten. Schauen und bummeln ist angesagt. Meine Canon muss arbeiten. Einmal durch und einmal rund um die Altstadt, über den Marktplatz und noch einmal zurück. Am späten Nachmittag geht’s zurück zum Troll. Bei der obligatorischen Teepause lassen wir das Gesehene sacken. Wie steht’s so treffend im Flyer der Arbeitsgemeinschaft: Die Urheimat des Bockbieres ist als eine der schönsten Fachwerkstädte Deutschlands ein Kleinod der mittelalterlichen Stadtbaukunst. Dem kann ich nur zustimmen.

Morgen soll es weitergehen. Eigentlich war Northeim die nächste Station. Die lasse ich sausen. Auf den Parkplätzen in Zentrumsnähe gibt’s keinen Strom. Eigentlich gar keinen Service. Und da  kein Sonnenstrahl vom Himmel kommt, liefern lediglich die beiden Aufbaubatterien den „Saft“, der Licht, Laptop, Fernseher, Kühlschrank und Heizung am Leben hält. Haushalten ist angesagt. Duderstadt ist unser nächstes Ziel und zugleich der südlichste Punkt dieser Reise. Dort soll’s auch Strom geben. Ab dann geht’s wieder nach Norden.