Uns steht eine unruhige Nacht ins Haus. Das Wummern von Bässen lässt auf eine Diskothek in der Nähe oder auf Jugendliche mit leistungsfähigen Lautsprechern in ihren Autos schließen. Auszumachen ist es nicht. Erst gegen sechs Uhr Morgens verstummt der Krach. Vor einigen Jahren standen wir ebenfalls hier, als junge Männer mit nächtlichen Autorennen rund um den Großparkplatz „Leben in die Bude“ brachten. Als es endlich Tag wird - von hell kann man an diesem Morgen nicht reden - ist der Himmel Grau in Grau. Leichter Nieselregen kommt von oben. Ein echter Novembertag. Buß-und-Bettag-Wetter. Die Ansage gestern Abend im Ersten war richtig. Trübe Aussichten für heute.

Ich lasse auch Osterwieck sausen. Gebe statt dessen Hornburg im Navi ein. Dort gibt’s Strom. Kein Abstecher zu den über 400 Häusern im unterschiedlichen Fachwerkstil. Das älteste von 1450 – 1494, viele aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Wir rauschen an dem Mittelalterstädtchen vorbei. Klettern über schmale Straßen in Hornburg – wehe, wenn jetzt Gegenverkehr käme – auf den Iberg, zur Schützenstraße 1. Zwei Euro soll die Übernachtung vor der Ausflugsgaststätte an der Schießsportanlage kosten, ein Euro pauschal für den Strom. Und das Zentrum ist fußläufig nur zehn Minuten entfernt. Als wir eintrudeln, steht dort steht  ein Mobil aus Hannover. Eine Viertelstunde später sind wir allein.

Hornburg Die kleine Hopfen- und Fachwerkstadt Hornburg an der Ilse, entstand vor rund 1010 Jahren unterhalb der Burg. Sie gilt als eine der schönsten Kleinstädte Norddeutschlands und stellt in ihrer Altstadt mit rund 400 Fachwerkhäusern ein echtes mittelalterliches Kleinod dar, heißt es in der Eigenwerbung. Die Bemühungen um die Erhaltung der alten Gebäude wurden 1978 belohnt, als Hornburg Bundessieger im Wettbewerb „Stadtgestaltung und Denkmalschutz im Städtebau“ wurde. Seit 1988 steht die Altstadt unter Denkmalschutz. Zu den herausragenden Bauwerken der Stadt zählen die katholische Papst-Clemens-Gedächtniskirche, das Neidhammelhaus (1563), der Hopfenspeicher (1672), das Wasserrad der 400 Jahre alten Hagenmühle. Hervorzuheben ist der Pilgerweg Via Romea auch „Romweg“ genannt, einer der wichtigen Pilgerwege Europas, der von Stade und Celle kommend über den Harz hinweg bis nach Rom führt.

Beim Anmelden in der gemütlichen Gaststätte treffe ich auf eine überaus freundliche, ja richtig nette Gastwirtin. Der „Formularkram“ ist bei Frau Mielke im Nu erledigt. Mit dem Schlüssel zum Stromkasten in der Hand, kann ich jetzt auch unseren Troll mit Energie „von außen“ versorgen. Die Bordbatterien würden ohne diese Hilfe und bei diesem Wetter bald den Geist aufgeben. Das Nass von oben tröpfelt noch immer. Trotzdem machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Erst steil bergab, mit und ohne Treppenstufen und mit und ohne Geländer am Fußweg. Runter kann ich gut. Meine Ingrid weniger. Sie hat dann Schwierigkeiten mit ihren kaputten Knien. Der (gerechte) Ausgleich kommt dann auf dem Rückweg. Rauf kann ich weniger gut. Dann bleibt mir die Luft weg. Dafür geht es meiner Angetrauten besser. Ich muss den Berg rauf etliche Verschnaufpausen einlegen. Sie marschiert Schritt für Schritt nach oben. Zum Stellplatz von Troll. Irgendwann komme ich dann auch an.

Zwischen Abmarsch und Wiederankunft liegt der Gang durch die Stadt. Ich bin begeistert. Das ist Mittelalter, ist Fachwerk, ist Straßenführung wie vor Hunderten von Jahren. Allererste Sahne, würde mein Filius dazu sagen. Hornburg kann Einbeck wirklich das Wasser reichen. Hornburg übertrifft Einbeck. Ausnahmeweise gebe ich hier der Selbstdarstellung der Stadt recht: Eine der schönsten Kleinstädte Norddeutschlands und ein echtes mittelalterliches Kleinod.

Gern wäre ich noch länger – noch viel länger – durch die schmalen Straßen und Gassen getrottet. Was mich davon abhält, ist der kurz nach dem Aufbruch einsetzende Regen. Das ist kein Nieseln mehr, das ist echter Novemberregen. Calle, der uns ja immer begleitet, drückt seinen Unmut über kalte Füße und nasses Fell durch anhaltendes Winseln aus. Erst als wir den Rückwärtsgang einlegen, geht’s ihm besser. Doch da sind wir drei inzwischen klitschnass. Als Trost gibt’s nach dem Aufhängen der feuchten Klamotten Frikadellen mit Nudeln und Schweinebratensoße. Die mussten weg, weil alles über Nacht aufgetaut ist. Danach ist die Welt wieder in Ordnung. Es spielt keine Rolle mehr, dass es auch in den nächsten Stunden nass von oben kommt und dass gegen halb vier bereits die Dämmerung einsetzt. Laut Wetterfrosch von gestern soll’s ja morgen wieder besser werden. Als nächstes Ziel steht dann Königslutter auf dem Fahrplan. Nicht mehr in diesem Jahr, aber im kommenden, werden wir Hornburg erneut anlaufen. Das ist sicher. Bei besserem Wetter und Temperaturen, die sich weit oberhalb der Null-Grad-Marke bewegen. Dann werden wir auch der Burg oberhalb der Stadt einen Besuch abstatten.

Königslutter Schon am frühen Morgen begrüßt uns die Sonne. Lacht vom fast wolkenlosen Himmel.  Keine Spur mehr vom gestrigen Novemberwetter. Keine Spur mehr von Novembergrau und Novemberregen. Ein Tag, wie geschaffen, um noch einmal durch Hornburg zu schlendern. In aller Ruhe, ohne klitschnass zu werden. „Das holen wir im kommenden Jahr nach“, vertröste ich meine ehemalige Verlobte, „jetzt geht’s weiter nach Königslutter.“ Es sind knapp vierzig Kilometer, die wir über Land- und Bundesstraßen zurücklegen müssen.  Das ist bald geschafft. Dann ist die Domstadt am Nordrand des Elm erreicht. Hier können wir den Troll auf dem Zentrums-Parkplatz 1, Amtsgarten, abstellen. Zum Zentrum sind es 250 Meter. Bis zu zwei Nächten gilt hier der Nulltarif. Strom ist vorhanden. Die noch vor wenigen Tagen angenehmen Temperaturen sind der November“kälte“ gewichen. Die Heizung muss nun auch am Tag arbeiten, um im Troll ein angenehmes Raumklima zu schaffen.

Die Stadt ist das Tor zum Naturpark „Elm-Lappwald“. Königslutter entwickelte sich aus dem Dorf Lutter am Lutterbach, das 1150 in Urkunden auftaucht, aber sicherlich wesentlich älter ist. 1318 wurde das Dorf Marktflecken unter der Bezeichnung forum Luttere und erhielt um 1400 die Stadtrechte. Die günstige Verkehrslage an der Handelsstraße BraunschweigMagdeburg (der heutigen B 1), der Elmkalksteinhandel, die Wallfahrten zum Kaiserdom und das Duckstein-Bier haben die Entwicklung Königslutters begünstigt. 73 Brauhäuser waren berechtigt, das obergärige Weizenbier mit dem kalkhaltigen Bachwasser der Lutter zu brauen. Viele der alten Fachwerkhäuser sind heute aufgrund ihrer geräumigen Diele und großen Gewölbekeller als frühere Brauhäuser zu erkennen. Duckstein-Bier wurde in großen Mengen in die Städte Magdeburg, Halle, Leipzig, Berlin, Hamburg und Kassel sowie bis in die Niederlande exportiert.

Auch in Königslutter findet sich typisches niedersächsisches Fachwerk. Schmuckformen vorwiegend aus dem 16. und 17. Jahrhundert an Balkenköpfen, Konsolen, Schwell- und Füllhölzern. Ins Auge fallen auch die Fächer- und Rosettenfriese, Perlschnüre, Flechtbänder, Schuppenmuster, Schiffskehlen und barocker Figurenschmuck.