Salzwedel Salzwedel, die Hanse- und Baumkuchenstadt. Seit 2008 darf sie den Titel „Hansestadt“ wieder führen. Sie bietet den Eindruck einer Kommune, die ihre Geschichte „greifbar“ darbietet. In der Beschreibung liest sich das so: „Es sind vor allem die städtebaulichen Reize einer mittelalterlichen Fachwerk-Architektur, die in der Altstadt als geschlossenes Ensemble erhalten ist. Hier, wo sich ,Deutsche Fachwerkstraße’ und ,Straße der Romanik’ berühren, hat auch Salzwedels Mitgliedschaft im Hansebund (1263-1518) im Stadtbild eindrucksvolle Zeugen frühbürgerlichen Selbstbewusstseins hinterlassen. Die sakralen Monumentalbauten von St. Marien, St. Katharinen und St. Lorenz, die verbliebenen, unübersehbaren Tor- und Wallanlagen markieren ebenso wie reich ausgestattete Bürgerhäuser wechselvolle Entwicklungsphasen der alten Hansestadt. Ihre erste urkundliche Erwähnung als ,civitas’ datiert aus dem Jahr 1233. Die Namensgebung („soltwidele“) gilt als eindeutiger Hinweis auf Handel und Gewerbe – der Ort, an dem u. a. ,Salz’ über eine ,Furt’ durch das Niederungsgebiet der Jeetze – entlang der bedeutsamen Salzstraße Lüneburg-Magdeburg befördert wurde.“

Ein „liebenswerter Ort“, so nannte ihn Johann Joachim Winckelmann, Altertumsforscher und von 1736-1738 Schüler der Altstädtischen Schule in Salzwedel. Liebenswert dank seiner abwechslungsreichen alten Architektur, der einladenden urbanen Atmosphäre und typischer Spezialitäten wie Tiegelbraten, Altmärkische Hochzeitsuppe und Zungenragout. An erster Stelle natürlich der Salzwedeler Baumkuchen, der nach wie vor über offenem Feuer – in Handarbeit – gebacken, mit Zucker oder Schokolade glasiert, ein echter Gaumenkitzler ist. Den wollen wir auf jeden Fall in einem der Cafés probieren.

Meine Ingrid kauft im traditionsreichen Café Kruse in der Altstadt, im Stammhaus des Original Salzwedeler Baumkuchens, einen Ring des hochgelobten Gebäcks. Aus feinsten Zutaten auf einer Walze aufgetragen, langsam über dem Feuer gedreht und Schicht für Schicht aufgebaut. Am Ende gibt’s das Spitzenerzeugnis in seiner unregelmäßigen Form. Eben alles Handarbeit. Sonntags und immer am ersten Mittwoch im Monat lässt sich der Konditor dabei über die Schulter schauen. Heute haben wir Mittwoch. Leider nicht den ersten im Monat. Wird also nichts mit „über die Schulter schauen“. Die Spitzenqualität schmecken wir später im Troll heraus. Allererste Sahne eben. Allererste Sahne ist auch der Preis mit knapp neun Euro für den Ring, dessen Größe sich in Grenzen hält.

Im Gegensatz zum Baumkuchen, der uns Stückchen für Stückchen überzeugt, begeistert uns die Altstadt von Salzwedel nicht.  Über 700, meist zweigeschossige Fachwerkhäuser in Stockwerkbauweise stehen in der Stadt. Sie wurden im 16. bis zum 19. Jahrhundert errichtet. Haben oder hatten geschnitzte Figuren, Inschriften und florale Ornamente. Es gibt wenige, gut gepflegte Häuser. Der größte Teil der Bauten bedürfte dringend einer Sanierung. Fachwerk gammelt vor sich hin. Putz bröckelt aus den Gefachen. Vernagelte Fenster und Türen, zerbrochene Scheiben und bereits ganz oder halb abgerissene geschichtsträchtige Bauten. Straßenweise ein Bild des Zerfalls. Schade drum. Und neben den historischen Wohn- und Geschäftshäusern hat Salzwedel noch rund 1800 Meter erhaltene Stadtmauer, Stadttore, mehrere Sakralbauten (Marienkirche mit über 80 Meter hohem, schiefen Turm), den Burgturm und den Rathausturm mit Aussichtsplattform. Ein Pfund, mit dem sich touristisch wuchern ließe. Aber an ihnen hat der Zahn der Zeit ebenso genagt, wie an den sanierungsbedürftigen Bürgerhäusern.

Außerhalb der Altstadt, außerhalb der alten Straßen, sieht’s aus wie in jeder Stadt. Wohn- und Geschäftshäuser in gutem Zustand, Plattenbauten aus DDR-Zeiten mit viel Grün drumherum. Das aber lässt sich nicht touristisch vermarkten. Das gibt’s in allen Städten vom Bodensee bis zur Nordsee.

Acht Stellplätze gibt’s am Freibad. Fast eineinhalb Kilometer vom Zentrum entfernt. Zu weit, um zu Fuß zu gehen. Einen zweiten Platz gibt’s in der Magdeburger Straße 10 (Caravan-Stop Am Eiskeller). Da wollen wir hin. Doch trotz intensiven Ausblicks aus dem rollenden Troll, trotz Navi-Anzeige, vom Stellplatz ist nichts zu entdecken. Ich gebe Gas und suche einen Parkplatz nahe am Zentrum. Finde auch einen, unweit der Altstadt. Ein bisschen heruntergekommen und mit einigen Containern für Abfall, Altpapier und Wiederverwertbares vollgestellt. Kein Platz, um in Ruhe zu übernachten. Wir parken ein. Machen uns auf die Rundtour durch die Altstadt. Sind nach eineinhalb Stunden wieder zurück und starten wieder.

Eigentlich liegt noch Lüchow am Weg. Lüchow im Hannoverschen Wendland mit seinen Rundlingsdörfern wollten wir als nächstes anlaufen. Mit seinen „Fachwerk-Impressionen“ in der historischen Altstadt. Und Dannenberg. Wahrscheinlich im 12. Jahrhundert als Festung zur Grenzsicherung an der Elbe gebaut. Geblieben ist von der Burg der mächtige Rundturm. Mit zahlreichen, gepflegten Fachwerkhäusern in der Altstadt. Mit dem historischen Rathaus samt seiner sinnigen Inschrift „Wi Börgers hebbn de Last darvon un mütt dat all betohlen“. Die beiden Anlaufpunkte lasse ich links liegen. Mein Ziel heute ist Hitzacker. Vor wenigen Monaten zuletzt besucht und immer wieder schön.

Hitzacker Auch Hitzacker, die ehemalige Grenzstadt an der Elbe, liegt an der Deutschen Fachwerkstraße. Mitten auf dem Marktplatz der historischen Innenstadt sprudelt im Sommer der Butt. Die malerischen Fassaden der gepflegten Fachwerkhäuser liegen in kleinen Straßen und Gassen. Sie enden am Jeetzelufer oder in der weiten Landschaft des großen Stroms, der Elbe. Hitzacker ist ein Kulturstädtchen, das sehnsüchtig macht, lockt die Kommune ihre Besucher. Ob uns das sehnsüchtig macht? Klar, sonst wären wir nicht zum xten Male hier. Wieder einmal spazieren wir auf den engen Straßen zwischen den Fachwerkbauten mit Ziegelmauerwerk. 1203 zum ersten Male erwähnt, mit einem kleinen Hafen an der Elbe. Das Amtshaus am Markt ist aus dem Jahre 1718. Heute Wasser- und Schifffahrtsmuseum. Und trotz flachen Landes in der Elbniederung ringsum mit einem Berg ausgestattet. Sogar mit einem Weinberg, einer Weinlese und – man kann es kaum glauben – mit einer Majestät. In Hitzacker - Deutschlands nördlichsten Weinanbaugebiet – residiert eine Weinkönigin.

Fußläufig zum Stadtkern liegt der Großparkplatz an der Marschtorstraße. Mit ein bisschen Glück erwischt man sogar eine Stromsäule. Im Sommer fast unmöglich. Als wir ankommen, stehen zwei Mobile auf dem Platz. Sind zwei von 17 Stromdosen besetzt. Ich besetze die dritte. Der große Abfallkorb an der Einfahrt steht nicht mehr. Im Sommer quoll er über. Verstreute der Wind seinen Inhalt. Hat die Verwaltung der Stadt die Konsequenz daraus gezogen? Wahrscheinlich. Weil EU-Mittel in die Platzsanierung und den -Neubau flossen, darf vorerst keine Gebühr erhoben werden. Doch Politik und Verwaltung sind erfinderisch, wenn’s ums Abkassieren geht. Jetzt kostet der Strom zwei Euro. Für sechs Stunden. Macht acht Euro für 24 Stunden oder einen Tag. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Einen zweiten Platz gibt’s Am Elbufer 12 mit Strom, Solardusche und Pool. Aber wer braucht so etwas im November?