Wir kennen Hitzacker in der warmen Jahreszeit. Mit Touristenströmen, mit regem Leben in Straßen und Gassen. Mit Geschäften und Gaststätten, in denen sich Kunden die Klinke in die Hand geben. Mit übervollen Parkplätzen in und vor der Stadt. Mit einlaufenden Bussen, aus denen Sehleute – oft aus der älteren Generation – in die ehemalige Grenzstadt wie die Heuschreckenschwärme in biblischen Geschichten einfallen. Jetzt – Mitte November – herrscht gähnende Leere in den Straßen. Nur wenige Einheimische, die übers Pflaster eilen. Ihren Geschäften nachgehen. Viele Läden haben geschlossen (es ist Mittwoch Nachmittag). Einige sind laut Aushang sogar bis zum kommenden Frühjahr dicht. Im Sommer hatte meine ehemalige Verlobte hier einen silbernen Teckel gekauft. Sie will dort nach kleinen Weihnachtsgeschenken Ausschau halten. Doch den Laden gibt’s nicht mehr. Unsere Suche geht ins Leere. Bei unserem ausgiebigen Stadtbummel vergeht die Zeit wie im Fluge. Am fortgeschrittenen Nachmittag geht’s zurück zum Troll. Dort hat sich kein weiteres Mobil eingefunden. Erst als es dunkel ist, geht noch eine weitere Landyacht „vor Anker“.

Wer mehr über die Stadt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze wissen möchte, findet es unter „Warum in die Ferne schweifen?“

Stade Am Morgen nimmt uns ein grauer Himmel und leichter Nebel die Hoffnung auf einen schönen Herbsttag. Das bleibt auch bis zum Mittag so. Dann wird es bei unserer Fahrt gen Norden immer heller. Als wir endlich in Stade eintreffen, verschwinden die Wolken und machen der Sonne Platz. Aber es bleibt der Jahreszeit entsprechend kühl, als wir nach dem Einparken Am Schiffertor zum Stadtbummel aufbrechen. Einen echten Reisemobilhafen für 79 Fahrzeuglenker hält Stade hier vor. Den kennen wir, weil bereits mehrfach angelaufen. Im Sommer oft ausgebucht. Im November bei unserem Eintreffen mit sieben Wagen belegt. In unmittelbarer Nähe zur Altstadt (500 Meter), 8,50 Euro Stellplatzgebühr und mit Strom.

Hier schließt sich der Kreis für uns, Endpunkt der nördlichen Route der Deutschen Fachwerkstraße. Die alten Häfen, Schiffe, Kräne und Speicher erzählen ihre eigenen Geschichten. Die historische, über 1000-jährige Stadt ist geprägt durch ihr maritimes Erbe. Wo vor langer Zeit Schiffe entladen, Waren gewogen und verzollt wurden und auf ihren weiteren Weg warteten, findet man heute kleine Fachgeschäfte, gemütliche Kneipen und Cafés mit einladenden Sommerterrassen. Eine Augenweide ist der Hansehafen mitten in der Altstadt mit dem Elb-Ewer „Willi“ oder der Stadthafen mit dem Museumsschiff „Greundiek“ und den Booten der Sportskipper. Die sind allerdings längst im Winterlager und damit für uns unsichtbar geworden. Zudem ist der Traditionshafen in der Stadt derzeit eine große Baustelle. Sperrgitter verhindern an einer Seite den direkten Zugang. Für uns kein Problem. Wir setzen uns auf der baustellenfreien Seite vor ein Restaurant und genießen bei einem Cappucino den grandiosen Ausblick auf die Häuserzeile gegenüber.

Der Wetterfrosch im Ersten lag gestern Abend mit seiner Prognose richtig. Es gab den ganzen Tag über keinen Regentropfen, nur Dunst und leichten Nebel. Nur die Lieferung der ab und zu durchbrechenden Sonne hat er vergessen. Und wie gehabt: Gegen halb vier setzt die Dämmerung ein. Ein November, wie er im Buche steht. Kein Wunder: Am Wochenende ist Totensonntag.

Morgen sollte es laut Plan nach Bleckede weitergehen. Kultur und Natur, ein historisches Ambiente und eine einmalig reizvolle Flusslandschaft – das alles hätte uns in dem kleinen, 800 Jahre altem Städtchen an der Elbe erwartet. Das historische Schloss mit seiner naturkundlichen Ausstellung, einer Aquarienlandschaft und lebenden Bibern ist neben den alten Fachwerkbauten ein attraktives Ausflugsziel, das so an keinem anderen Fluss in Deutschland zu finden ist.

Ich habe Bleckede gestrichen. Der Besuch wäre reizvoll gewesen. Aber weil das Wetter so bleiben soll, benötigen wir Landstrom nach dem Abstellen des Troll. Schon heute hat sich gezeigt, dass die Ladekapazität der Lichtmaschine nicht ausreicht, um den „Saft“ der Aufbaubatterien wieder aufzufüllen. Den ganzen Tag mit eingeschalteten Scheinwerfern unterwegs und dazu die Starterbatterie am Leben erhalten, kostet eben Energie, die irgendwo herkommen muss. Landstrom aber gibt’s nicht in Bleckede, sondern in Stade. Der letzten Station unserer diesjährigen Abschlussfahrt. Vor uns liegen 136 Kilometer, um zum Ziel zu kommen. Dass es am Ende durch eine Baustellenumleitung auf der Autobahn zwischen 30 bis 40 Kilometer mehr werden, können wir beim Start nicht ahnen.

Die Fachwerkstadt an der Unterelbe bietet viel Sehenswertes. Ein Streifzug durch die Geschichte geht durch die Hökerstraße vorbei an dem barocken Turm der Kirche St. Cosmae (1137) mit schöner Barockausstattung, dem schiefen Turm der Kirche St. Wilhadi (13. und 14. Jahrh.) mit einer Barockorgel und vorbei am Rathaus, einem von der niederländischen Renaissance und vom Frühbarock geprägten Backsteinbau (1667-1668). Über dem Portal halten zwei Löwen das schwedische Staatswappen. Ganz in der Nähe liegt der Pferdemarkt mit dem Zeughaus aus dem 17. Jahrhundert. Von dort ist es auch nicht mehr weit zur Insel im Burggraben mit dem Freilichtmuseum, einer Windmühle von 1632, einem Altländerhaus von 1733 und einem Geestbauernhaus von 1841. Egal welche Route man durch Stade wählt, die Geschichte spürt man auf Schritt und Tritt. Wir belassen es am ersten Tag bei einem Bummel entlang des Hafens und durch die pulsierende Fußgängerzone.

Welten liegen zwischen Hitzacker und Stade. In Hitzacker hat die Winterpause – man könnte auch Winterschlaf dazu sagen – Einzug gehalten, in Stade ist davon nichts zu spüren. Meine Ingrid würde „belebte Stadt“ dazu sagen. Reges Leben auf den Straßen, reger Besuch in den Geschäften, reges Treiben bei den ersten Schaustellern, die ihre Stände für den Weihnachtsmarkt ab kommenden Montag aufstellen. Am späten Nachmittag sind wir wieder am Troll. Drehen die Heizung höher. Damit es uns von außen warm wird. Innen wärmt kurze Zeit danach . . . wissen Sie es schon? Natürlich die Tasse Tee, besser Plural: die Tassen Tee im Verlauf des kommenden Abends. Fernsehen ist gesichert und damit auch der Wetterbericht für den nächsten Tag. Wird’s wieder so schön wie heute, dann starten wir noch einmal zum Trip in und durch die Stadt. Spät am Abend trudelt noch ein Womo ein . . . und verlässt bereits kurz nach dem Hellwerden wieder den Stellplatz. „Spät ankommen, früh abfahren, bevor eine Kontrolle kommt. Das spart in diesem Fall 8,50 Euro“, geht es mir durch den Kopf. Das erlebe ich nicht zum ersten Male.

Am nächsten Morgen kündigt sich der vor der Tür stehende Winter an. Die Hecken zwischen den Stellplätzen, das Gras im hinteren Bereich, die Bäume, selbst der Schotter am Boden ist mit Raureif überzogen. Im Nebel sind die anderen Wagen nur noch verschwommen zu sehen. Das milchige Weiß will sich auch in den kommenden Stunden nicht auflösen. Wie seit Tagen haben wir nachts die Heizung im Troll auf Stufe eins gestellt. Das reicht aus, um unseren Wagen nicht auskühlen zu lassen. An diesem Morgen haben wir nur noch fünf Grad über der Bettdecke. Das ist frisch, sehr frisch sogar beim Aus-dem-Bett-klettern. Und obwohl das Gebläse der Heizung auf Hochtouren läuft, dauert es lange, bis beim Frühstück Wohlfühltemperatur erreicht ist.

Danach geht es noch einmal auf Schusters Rappen in die Stadt. Alles ist nebelverhangen, dunstig, leicht frostig. Handschuhwetter eben. Doch die liegen im Troll. Nun gibt’s kalte Finger, auch wenn ich die Hände tief in den Jackentaschen vergrabe. Die Zeiger der Uhr stehen kurz vor eins, als wir zum Troll zurückkommen. Im Einkaufsbeutel zwei Gläser Currywurst-Topf und zwei Pakete Weißwurst. „Die sind fester als die in Bayern“, erklärt die umtriebige Verkäuferin im Fleischerfachgeschäft. Wenig später steht der Inhalt des einen Glases Currywurst-Topf gut erhitzt auf unserem Tisch. Dazu gibt’s Brötchen. Einfach lecker.

Der trübe Freitagvormittag geht über in einen ebenso trüben Freitagnachmittag und -abend. Aber immerhin. Es ist windstill und trocken. Morgen Vormittag steuern wir Richtung Heimat. Dann ist die letzte Fahrt in diesem Jahr Vergangenheit. Bis zum März hat unser Troll Pause. Nur den Steinschlagschaden in der Frontscheibe, den muss ich in der kommenden Wochen noch reparieren lassen. Aber „Car-glass“ wird’s schon richten.