In vier Tagen um die Welt?

Das reicht nicht – reicht aber allemal für eine Reise in die Lüneburger Heide

Die Jahresinspektion des Troll ist fällig. Im Juni. Jetzt schreiben wir Mitte August. Langsam wird es Zeit, zur Werkstatt des Vertrauens nach Rotenburg zu fahren. Und weil die Angetraute immer noch gegen Schmerzen im Rücken kämpft, mache ich mich allein auf die Socken. Am Tag zuvor habe ich den Troll reisefertig gemacht. Alle Schränke geschlossen, alle Utensilien klapper- und rutschsicher verstaut. Das Fahrrad auf dem Träger montiert, den Wetterbericht verinnerlicht. Sonne und Wolken, dazwischen immer wieder Schauer.

Kaum ist die Sonne aufgegangen, geht es los. Kilometer um Kilometer. Immer querfeldein. Auf Bundes- und Landstraßen. Keine Wolke trübt den Himmel. Ein Sonnentag wie aus dem Bilderbuch. Weil’s gut läuft, mich kein Stau und auch kein landwirtschaftliches Nutzfahrzeug zum Langsamfahren zwingt, bin ich sogar eine gute dreiviertel Stunde vor dem Termin am Ziel.  „Macht nix“, höre ich, „dann kann’s gleich losgehen.“ In gut zwei Stunden kann ich den Troll wieder abholen. Nun muss ich Zeit „totschlagen“. Beehre erst „Hallo kaputt“ (Jawoll) mit meinem Besuch, dann Aldi und Lidl. Finde mich kurz vor Ablauf der Zeit wieder in der Werkstatt ein . . . und siehe, die Jungs waren fleißig und sind schon bei der Probefahrt. „Der Zahnriemen muss erneuert werden“, sagt der Meister, „kostet pie mal Daumen rund 600 Euronen.“ Eine Menge Holz. Aber es hilft nix. Er ist ein Jahr überfällig. Also: Nächster Termin in zwei Wochen.

Der Stellplatz in Oberhaverbeck.
Der Stellplatz in Oberhaverbeck.

Oberhaverbeck

Weil das Wetter weiterhin schön ist – keine Wolken, keine Schauer – will ich die Jahreszeit nutzen. Also auf in die Heide. Die blüht von Anfang August bis Mitte September. Und weil Rotenburg ja am Rande der Lüneburger Heide liegt, ist der Weg nicht allzu weit. In der meistfrequentierten Touristenregion in Norddeutschland gibt’s zwar viele kleine und große Parkplätze, aber ein echter Wohnmobilstellplatz ist rar. Mir hilft der Stellplatzführer mit dem Hinweis auf Oberhaverbeck. Mit VE, Strom und WC. Ich finde einen großen – ach was – einen ganz großen Pkw- und Busparkplatz. Im hinteren Bereich jede Menge Raum für Wohnmobile. Unter Bäumen – fast parkähnlich. Schön, weil schattig, schlecht fürs Fernsehen, weil kein Signal von Astra. Mit einer Stromsäule und acht Steckdosen für zig Mobile. Ein Euro für zehn Stunden. Frischwasser ein Euro für zehn Minuten. Platzgebühr tags drei (8-18 Uhr) und nachts (18-8 Uhr) sechs Euro. Ich parke auf dem Busplatz. Da kriege ich Astra. Geparkt wird auf leichter Schräge. Aber ich habe ja Keile.

Danach geht’s per Drahtesel (natürlich E-Bike) Richtung Wilsede. Vorbei an Wanderern und zahlreichen Kutschen mit fröhlicher Fracht. An einem Donnerstag. Hier ist echt was los.  Doch das ist nichts gegen Wilsede. Dort tummeln sich Heerscharen. Zu Fuß, in Kutschen und auf Fahrrädern. Hunderte sitzen an langen Tischen im Freien und lassen’s sich gut gehen. Ich mache Stippvisite im „Dat ole Huus“. Der prachtvolle Heidebauernhof stand ursprünglich in Hanstedt. Hier kann ich mich in die Zeit um 1850 zurückversetzen lassen. Mit offenem Herdfeuer, ohne Schornstein und zusammen mit dem Vieh unter einem Dach.

Kutschen warten in Wilsede auf Fahrgäste
Kutschen warten in Wilsede auf Fahrgäste

Dann geht’s zurück zum Troll. Vorbei am Wilseder Berg. Mit 169,2 Metern die höchste Erhebung im norddeutschen Tiefland. Vorbei am Totengrund und Steingrund. Sie lassen durch Findlinge und eigentümliche Talformen den Einfluss der Eiszeit auf diese Landschaft erkennen. Der Totengrund ist übrigens die Keimzelle des Naturschutzparks Lüneburger Heide. Pastor Wilhelm Bode, Professor Andreas Thomsen und Kaufmann Toepfer ist es zu verdanken, dass die Heide um den Wilseder Berg nicht zersiedelt wurde. Sie kauften mit Geldspenden 1906 den Totengrund und 1910 den Wilseder Berg. Weitere Flächen kamen hinzu. Seit 1993 sind es 324 Quadratkilometer. Kaum zu glauben aber wahr: Das Naturschutzgebiet Lüneburger Heide besteht zu 60 Prozent aus Wald. Die großen Kiefernwälder wurden jedoch erst im 19. Jahrhundert auf ehemaligen Heideflächen gepflanzt. Von den Buchen- und Eichenwäldern haben nur kleine Inseln die intensive Nutzung vergangener Zeiten überlebt.