Die Einfahrt zum Campingplatz. Links ist "Quickstopp" möglich.
Die Einfahrt zum Campingplatz. Links ist "Quickstopp" möglich.

Dass daraus nichts wird, liegt einzig und allein an den heftigen Windböen, die mich vom Ritt auf meinem Drahtesel abhalten. Dazu drohen immer noch dunkle Wolkenbänder, ihre nasse Fracht auf die Erde zu schicken. Ich hätte vom Parkplatz am Quellenbad noch ein paar Kilometer in die Pedale treten müssen, um zum Ziel zu kommen. Und natürlich auch wieder zurück. Also gebe ich Gas und will mir in der Innenstadt, in der Verdener Straße, ein Plätzchen sichern. Doch da sind maximal zwei Mobile zugelassen. Und die stehen schon dort. Direkt neben der Polizeistation. Also neue Eingabe ins Navi. Nach Soltau soll es gehen. Genauer: Zum Campingplatz Auf dem Simpel. Vor der Schranke gibt es fünf Plätze. Zwölf Euro für eine Nacht, maximal eine Nacht, einschl. Strom. Sanitäranlagen dürfen laut Empfangsmann hinter dem Anmeldetresen nicht genutzt werden. „Morgen müssen Sie um 12 Uhr den Platz verlassen haben.“

Soltau behauptet von sich, das Herz der Heide zu sein. Das ist natürlich Quatsch. Dafür liegt die Stadt einfach zu weit weg von der lila Blütenpracht. Aber im Museum wird nicht nur die Geschichte der Kommune gegenwärtig, sondern auch die Urgeschichte des Heideraums. Soltau aber ist vor allem durch den Heidepark bekannt geworden. Das Spaß- und Freizeitvergnügen für die ganze Familie auf rund 85 Hektar. Mit über 40 Fahrgeschäften und Millionen Besucher jedes Jahr. Mit der größten und steilsten Holzachterbahn der Welt – in der man mit 120 km/h aus 60 Metern Höhe in die Tiefe rast - bis hin zu Bühnenshows.

Das muss ich mir aber nicht antun. Mich interessiert mehr der neugestaltete Stadtkern mit Hagen, Burg und Marktstraße. Das will ich mir noch ansehen, bevor ich den Troll wieder in Richtung Heimat lenke.

Das Haus hätte ich auch gern von innen angeschaut
Das Haus hätte ich auch gern von innen angeschaut

Bispingen

Am nächsten Morgen, kaum dass ich mich aus den Armen von Orpheus befreit habe, stelle ich mit Entsetzen fest: Das Wetter ist erheblich schlechter geworden. Es weht. Und wie. Ich befinde mich offensichtlich mitten im gestern angekündigten Sturmtief, der Schlechtwetterfront von der Nordsee. Schon in der Nacht habe ich das Klatschen von Wassertropfen auf die Dachfenster gehört. Nun ist das eingetroffen, was ich befürchtet hatte. Draußen sieht’s aus wie im Herbst. Die Blätter fliegen. Grüne, gelbe, braune. Dazwischen immer wieder mal ein kleines Ästchen, das sich von irgendeinem Baum losgerissen hat und Wanderschaft gegangen ist. Solch ein Schietwetter ist nix für einen Stadtrundgang. Also wird der „Fahrplan“ geändert. In Bispingen gibt’s das „verrückte Haus“. Haus klingt gut, weil jedes Haus ein Dach hat. Das schützt vor Wind und Regen. Dazu ein Greifvogelgehege zwischen Bispingen und Amelinghausen, eine alte Feldsteinkirche von 1353, den Landschaftspark Iserhatsche, das Luhetalbad, Ralf Schumachers Kartcenter und die Calluna-Porzellan-Manufaktur. Also nix wie hin.

Auf der kurzen Fahrt vom Campingplatz nach Bispingen traut sich zwischen beinahe schwarzen Wolkenfetzen kurz die Sonne hervor. Verschwindet aber gleich darauf auf Nimmerwiedersehen. Nun gut. Mit dem verrückten Haus will ich meine Sightseeing-Runde beginnen. Erwische einen Parkplatz vor einem Fast-Food-Restaurant (mein Troll ragt mindestens einen Meter in die Fahrbahn) und flitze hundert Meter zurück zu dem Gebäude, das dem Besucher eine ganz neue Perspektive bietet. Alles steht kopf. Alles hängt an der „Decke“. Durch die beachtliche Neigung kommen Gleichgewicht und Wahrnehmung zusätzlich durcheinander, heißt es in der Werbung.

Bei mir kommt nichts durcheinander . . . weil ich nicht ins „verrückte Haus“ komme. Öffnungszeit von 11 bis 19 Uhr. Jetzt haben wir erst viertel nach neun. Inzwischen klatscht mir der nächste Schauer ins Gesicht. Die dunklen Wolken über mir verheißen nichts Gutes. Also Rückwärtsgang eingelegt, zurück zum Troll und dort den Vorwärtsgang. Offensichtlich will der Herbst schon einmal einen Vorgeschmack auf die kommenden Wochen präsentieren. Bei der Witterung kapituliere ich. Jetzt geht’s nach Hause. Das war zwar für heute vorgesehen, aber erst zu späterer Stunde.