Dann ziehen wieder große, dunkle Wolken über den Berg, über das Schloss in Richtung Stadt. Wir machen uns auf dem Rückweg zum Stellplatz und kommen rechtzeitig vor dem nächsten Guss von oben bei unserem Troll an. Jetzt gibt’s – wie bei Ostfriesens – die gemütliche Teestunde mit Puddingschnecken, die meine Ingrid noch fix unterwegs erstanden hat. Und – als wolle uns das Wetter heute ärgern – eine halbe Stunde vor den Nachrichten zeigt sich wieder die Sonne. Zuhause, in Deutschlands Norden, höre ich von unserem Filius beim abendlichen Telefonat, war den ganzen Tag Sonnenschein.

Der Stellplatz
Der Stellplatz

Biedenkopf

Das Tagesgestirn meint es am nächsten Morgen auch mit uns gut. Schickt seine Strahlen zur Erde. Beim Aufwachen ist der Himmel noch bedeckt, beim Frühstück dann aber bereits blau. Der Lahn abwärts folgend laufen wir als nächstes Ziel Biedenkopf an. Hessens waldreichste Stadt mit einem mittelalterlichem Ortskern. Überragt vom Landgrafenschloss, blickt die Kommune auf eine 750-jährige Geschichte zurück. Die adlige Behausung – ursprünglich als Witwensitz geplant und von der landgräflichen Familie nie bezogen - zählt zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern Hessens. Von 1577 bis 1842 als Getreidespeicher zweckentfremdet, danach Lagerraum, beherbergen die gräflichen Mauern heute das Hinterlandmuseum mit Regional- und Kulturgeschichte.

Hinweis zum Stellplatz
Hinweis zum Stellplatz

Drei Stellplätze „in der Stadt und umzu“, finden sich im Internet. Die Berghütte Sackpfeife bietet der Stellplatzführer an. Doch die liegt weit außerhalb. Uns ist der Platz im Mühlenweg lieber. Das ist der Parkplatz der Stadtwerke. Für fünf Euro die Nacht, mit Strom gegen Entgelt aber ohne sonstigen Service. Von der Fütterung des blechernen Kassierers will ich erst einmal absehen. Wenn sich der Ausflug in die Stadt lohnt, dann ist es immer noch Zeit, die Euronen abzudrücken. Also geht’s erst einmal – ohne Teepause – auf Schusters Rappen Richtung Altstadt. Die haben wir in etwas mehr als einer Stunde abgehakt. Haben eigentlich alles gesehen, was es an Historischem zu sehen gibt. Nachdem wir unsere Runden um den Marktplatz und die angrenzenden Straßen gedreht haben, geht’s zurück zum Platz. Auf den Besuch des Landgrafenschlosses verzichten wir. Verzichten, weil der „Wanderweg“ auf den Gipfel für einen Flachländer und damit für uns verflixt steil ist. Zu Fuß meiden wir inzwischen solche „Klettertouren“, weil wir wissen, dass wir schon nach wenigen hundert Metern aus der Puste kommen. Also den Troll geentert, das nächste Ziel eingegeben, Leinen los und durchgestartet. Weiter geht die Reise lahnabwärts. Marburg soll unsere nächste Station sei.

Der Stellplatz
Der Stellplatz

Marburg

Wir folgen der Lahn in Richtung Rhein. Marburg ist Universitätsstadt und „die Stadt der Treppen“. Den Namen hat ihr Jacob Grimm (der aus „Grimms Märchen“) gegeben: "Ich glaube, es sind mehr Treppen auf der Straße als in den Häusern." Gut hundert Höhenmeter liegen zwischen der Elisabethkirche im Tal und dem alles überragendem Schloss auf dem Berg. Krumm, buckelig, verwinkelt und steil, so ist die Marburger Oberstadt. Ständig geht es bergauf und bergab. Hier ist das Mittelalter noch spürbar, man sieht es, man fühlt es mit allen Sinnen. So empfand es auch Boris Pasternak. Fachwerk dominiert in Straßen und Gassen. In Stein konnte nur bauen, wer die erforderlichen Penunzen hatte. Das waren nur wenige. Und die Wege sind zumindest in der Werbung kurz: Über historisches Pflaster und Treppen oder sogar Fahrstühle geht’s in die „Oberstadt“. Beim Rundgang nicht den Rübenstein vergessen. Diese früher von Handwerkern bewohnte Gasse scheint wirklich aus einem der Grimmschen Geschichten entsprungen zu sein. Übrigens: Der Grundstein für die berühmte deutsche Märchensammlung wurde hier gelegt. In Marburg begannen die Brüder mit ihrer Sammeltätigkeit.

Die Stadt der Treppen
Die Stadt der Treppen

Aber Marburg ist kein Freilichtmuseum, heißt es in der Werbung der Stadt,  sondern jung und lebendig. Dafür sorgen schon die ca. 25.000 Studierenden. Sie sind im Stadtbild präsent. Sie sorgen auch am Abend für pulsierendes Leben in Kneipen und Cafés der Altstadt. Ihre unkonventionellen Ideen bereichern die Kulturszene. Und sie haben im Gedächtnis der Stadt Spuren hinterlassen: Michail Lomonossov und Hannah Arendt, Boris Pasternak und der bereits zitierte Jacob Grimm, der sich täglich durch die Wendelgasse auf zahlreichen Treppenstufen zu seinem Hochschullehrer Carl von Savigny bemühte. Die Mühen haben sich gelohnt.

Seinem Abwechslungsreichtum verdankt das Marburger Land mit der Landschaftsregion Burgwald seinen Reiz. Hier ist Hessens größtes zusammenhängendes Waldgebiet und fast nebenan das fast waldfreie Amöneburger Becken. Da ist Wandern über 700 Kilometer markierte Wege möglich, ein ausgedehntes Radroutennetz lässt Pedalritters Herz höher schlagen. Hier finden sich die Originalmotive zur Illustration der Grimmschen Märchen.

Wir kommen gegen Mittag in der Jahnstraße an. Laut Stellplatzführer mit sechs Plätzen. Zehn sind es inzwischen geworden. Von zwei noch freien können wir uns einen aussuchen. Doch mit der Zahl der Stellplätze ist auch der Preis gestiegen. Aus sieben Euro im vergangenen Jahr wurden zehn. Dazu kommt der Strom. Ein Euro für vier Stunden, zwei für acht und drei für zwölf. Macht sechs Euro für 24 Stunden. Hier hätten die Strandräuber an Deutschlands Nordseeküste noch lernen können. Für mich ist das Beutelschneiderei, aber es gibt keine Alternative außer der, auf Strom zu verzichten. „Achten Sie auf die Zeit, damit Ihnen Ihr Kühlschrank nicht abtaut“, steht am Automaten. Kein Hinweis an dem Blechkasten auf abgegebene oder noch vorhandene kWh, kein Fingerzeig auf noch verbleibende Zeit. Hier muss das eigene Gedächtnis oder die Armbanduhr zu Hilfe genommen werden. Ich füttere den „eisernen Banditen“ mit zwei Euronen und merke mir: Um zwanzig Uhr ist der Saft abgestellt und ich muss neu einwerfen. Dann drei Euro für zwölf Stunden, die bis zum nächsten Morgen um acht reichen werden. Frischwasser kostet natürlich extra. Und ein WC ist bei „nur zehn Euro“ auch nicht drin.