Ihre zentrale Lage macht die Universitäts-, Kultur- und Einkaufsstadt seit jeher zum Anziehungs- und Mittelpunkt vielfältiger Aktivitäten, heißt es in der Eigenwerbung. In Gießen verbinden sich die Vorzüge traditionsbewusster Kultur mit moderner Urbanität. Renommierte Ausbildungs- und Forschungsstätten, ein breit gefächertes kulturelles Angebot, attraktive Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten, eine national und international erfolgreiche Sportszene, eine hervorragende Infrastruktur und großzügige Einkaufsstraßen mit beachtlicher Branchenvielfalt gehören zu den Qualitäten, durch die sich die Stadt auszeichnet. Die 1607 gegründete Universität, die 1957 den Namen Justus-Liebig-Universität annahm, deckt nahezu das gesamte Spektrum der geistes- und naturwissenschaftlichen Themen ab und hat mit ihrem Renommee zu Gießens nationaler und internationaler Bekanntheit und Bedeutung beigetragen. Zusammen mit der Technischen Hochschule Mittelhessen bildet sie rund 31.000 Studierende aus. Mit diesem hohen Studierenden-Anteil an der Gesamtbevölkerung ist Gießen die Studentenstadt Nr. 1 in Deutschland.

Die Bimmelbahn für Fußkranke
Die Bimmelbahn für Fußkranke

Als wir nach rund 30 Kilometer in der Ringallee ankommen, sind die Plätze bis auf einen besetzt. Von den sieben werden zwei durch Pkw blockiert, obwohl das Hinweisschild eindeutig nur Wohnmobile zulässt. Der angrenzende große Parkplatz kostet. Nebenan findet die 5. Hessische Landesgartenschau statt. Da wollen die „Klein“Kfz offensichtlich sparen. Pech gehabt. Wir sind noch beim Teetrinken, als Beamte des Ordnungsamtes den Falschparkern Knöllchen hinter die Scheiben klemmen. Ich drücke die drei Euro Parkgebühr ab (7-19 Uhr, nachts frei) und 1,50 Euro für Strom (3 kWh). Was ich nicht weiß, dass Wohnmobile hier zum Nulltarif stehen. Das erfahre ich erst am Abend von einem Insider. An den Parkuhren ist das nicht zu erkennen. „Die Stadt dankt’s Ihnen“, sagt der aufklärende Zeitgenosse.

Dann marschieren wir Richtung Zentrum, vorbei an den Eingängen zur Landesgartenschau und hin zum  Mini“zug“ für die Stadtrundfahrt. Er läuft alle sehenswerte Punkte in Gießen an und kommt uns gerade recht. Damit schonen wir unsere und Calles Füße und sehen trotzdem viel von dem, was es Sehenswertes gibt. Leider recht wenig Historisches. Vom 6. auf den 7.  Dezember 1944 wurde die Stadt fast völlig in Schutt und Asche gelegt. Die Neubauten haben den Charme aller Neubauten nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie sehen sich in München, Hamburg, Bremen oder Gießen alle ähnlich. Aber wir finden doch noch etwas. Zum Beispiel den 1484 errichteten Turm der Stadtkirche und das dahinter stehende Burgmannenhaus von 1350 (das Leibsche Haus), daneben  das Wallenfelsche Haus. Das erste ist das älteste Haus Gießens und eines der bedeutendsten Fachwerkhäuser Hessens. Es wurde auf den Resten einer im Jahre 1152 auf moorigem Grund angelegten Wasserburg Giezzen gebaut. Ein letzter Teil der Burgmauer ist im Innern noch zu sehen. Auf dem Platz vor der Kirche wird eifrig gebuddelt und nach Zeugnissen aus vergangenen Zeiten gesucht. Hier ist die Keimzelle der Stadt. Ende 2014 soll der Platz dann neu gestaltet und mit Natursteinpflaster befestigt werden.

Da wir ja auf dieser Fahrt die Lahn von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein begleiten wollen, geht’s anschließend in Richtung Flussufer. In Bad Laasphe noch ein Rinnsal, hat die Lahn hier bereits eine beachtliche Breite erreicht. Überspannt von einer großen Brücke auf drei mächtigen Pfeilern. Unsere Schritte folgen dem Fluss ein Stückchen aufwärts, dann geht’s zurück in die City. Und die ist „belebt“, wie meine Angetraute es auszudrücken pflegt. Hier pulsiert das Leben. Reger, ach was sage ich, sehr reger Fußgängerstrom in beide Richtungen. Mit jungem, mittelaltem und altem Publikum. Wir machen Pause bei Cappucino und Cola, bei XXL-Kaffee und Salatteller. Dann entern wir für den letzten Kilometer zum Troll wieder die Sightseeing-Bahn. Der Tag endet mit Sommersonnenschein und ebensolchen Temperaturen. Hoffentlich bleibt’s so.

Der Schlammbeiser in Gießen
Der Schlammbeiser in Gießen

Ach ja, da wäre noch das Standbild des Gießener Schlammbeisers zu erwähnen (nebenstehendes Foto). Es befindet sich in der Fußgängerzone nahe dem Turm der ehemaligen Stadtkirche. Dieser Mann hatte vor einigen hundert Jahren die Aufgabe, die Straßen von den Fäkalresten zu entsorgen, die die Bürger (und Bürgerinnen) aus den Fenstern ihrer Häuser schleuderten. In den damals oft schmalen, gepflasterten Straßen dürfte es mit Sicherheit nicht nach Rosenwasser geduftet haben. Es ist auch nicht bekannt, ob die Einwohner zu dieser Zeit einen wie auch immer gearteten Geruchsschutz getragen haben. Ein Schmutzwasserkanal war zu dieser Zeit noch unbekannt.