Der Stellplatz mitten zwischen Pkw
Der Stellplatz mitten zwischen Pkw

Wetzlar

Wir starten am nächsten Vormittag, um die rund 18 Kilometer zum nächsten Ziel hinter uns zu bringen. Das ist für unseren Troll ein Katzensprung. Vom blauen Himmel lacht die Sonne. Da in Wetzlar nur eine begrenzte Zahl von Womoplätzen vorhanden ist, bauen wir auf unser Glück. Doch als wir weit vor Mittag ankommen, sind alle besetzt. Am jenseitigen Rand, am Mühlengraben, steht bereits ein sechstes Mobil, ein siebtes mittenmang der Pkw. Daneben ist noch ausreichend Freiraum, um auch unseren Troll einzuparken. Acht Euro einschließlich allem Service und Strom. Ich drücke die acht Euro ab. Strom gibt’s bei unserem Standplatz natürlich nicht. Aber Ver- und Entsorgung ist dabei. Dann geht’s ab in die Stadt mit ihrem unverwechselbarem Charme und dem Dom, der bis heute unvollendet ist.

Die Lahnbrücke
Die Lahnbrücke

Ein echter Kaiser machte Wetzlar einst zur Reichsstadt. Ein falscher Kaiser narrte Bürger und Rat, heißt es in der Eigenwerbung. Das erste ist klar, doch den falschen Kaiser kann ich bei allem Nachdenken weder finden noch erkennen. Goethe war hier, Thurn und Taxis unterhielten hier eine Poststation und Oskar Barnack machte die Stadt mit seiner Erfindung, der legendären Leica, weltberühmt. 1849 wurde der Grundstein zu einer der größten Optikzentren in Deutschland gelegt. Carl Keller gründete sein Optisches Institut, weitere folgten. Zurück zu Goethe. Er kam im Mai 1772, blieb nur einen Sommer, hinterließ aber bleibende Eindrücke. Neben seinem Praktikum am Reichskammergericht hofierte er der jungen Charlotte Buff. Verarbeitete seinen Kummer – an eine Verbindung war nicht zu denken, die junge Dame war bereits versprochen – im „Leiden des jungen Werther“. Damit schrieb er einen der bedeutendsten Romane der Weltliteratur.

Der Dom
Der Dom

Auch der Dom verdient ein paar Sätze: 897 wurde am heutigen Platz eine Kirche eingeweiht. Im Laufe der Zeit mehrfach umgebaut und erweitert. Im 12. Jahrhundert zunächst zur spätromanischen Pfeilerbasilika, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zu einem gotischen Bauwerk. Die Arbeiten gingen nur schleppend voran. Und als wegen schlechter wirtschaftlicher Zeiten das Geld ausging, war’s im 15. Jahrhundert mit dem Bauen vorbei. Nur ein Teil des geplanten reichen Skulpturenschmucks ist vorhanden. Das romanische Westwerk und der Nordturm - Heidenturm genannt - wurden nicht abgebrochen, sondern Bestandteil des Neubaus. Zudem ist der Dom eines der wenigen Gotteshäuser, das von Protestanten und Katholiken gemeinsam genutzt wird – und das schon seit der Reformation.

Wetzlar hat auch Treppen
Wetzlar hat auch Treppen

Die Anfänge der Stadt reichen bis ins 8. Jahrhundert zurück. Damals ging’s über die Lahn mittels einer Furt. Im 13. Jahrhundert wurde eine Brücke gebaut, die heute noch vorhanden ist, aber wegen mangelnder Breite nur von Fußgängern und Zweiradfahrern genutzt wird. Erste Aufzeichnungen gibt’s 1141. 1180 bestätigt Kaiser Barbarossa die Privilegien „seiner“ Wetzlarer Bürger. Die Siedlung entwickelt sich zur Reichsstadt. Noch heute lässt sich an den Straßennamen und der Plätze die Topographie und die mittelalterliche Struktur erkennen. Eine Mauer mit fünf Toren und mindestens neun Türmen sicherte die Stadt. Davon gibt’s heute nur noch den Säuturm, das Kalsmunttor und einen letzten Rest der Stadtmauer. Alles andere wurde abgerissen. 1802/03 verlor Wetzlar den Status einer Reichsstadt und wurde politisch bedeutungslos. Mit der optischen und eisenverarbeitenden Industrie ging es zumindest wirtschaftlich wieder aufwärts. Die Stadt wuchs über die Grenzen ihrer Stadtmauer hinaus.

An der Stadtmauer
An der Stadtmauer

Treppen hat Wetzlar wie Marburg. Nicht so viele, aber solche, die wie in der Stadt der Studenten mit vielen Stufen in engen Gassen etliche Höhenmeter überwinden. Angesichts eines immens steilen Abstiegs gibt meine Frau auf. Dreht um und sucht sich über die angrenzende Straße einen Umweg. Ich warte. Da jedoch unten vor der langen Treppe kein Ehegespons auftaucht, mache ich mich ebenfalls im Rückwärtsgang auf den Weg. Und finde meine „bessere Hälfte“ auf einer ins Tal führenden Gasse beim Schaufenstergucken. Der Rückweg zum Troll findet danach etwas wortkarg statt.