Braunfels

Heute richten wir unseren Troll auf Braunfels aus. Der Ort liegt etwas abseits von der Lahn, besticht aber mit seinem alten Stadtkern. Doch auch sonst hat die Europapreisträgerstadt an der Lahn viel zu bieten. Mit dem historischem Stadtkern 1246 erstmals erwähnt, ist die Geschichte des Ortes eng mit der Geschichte des Schlosses und der Grafen zu Solms-Braunfels verbunden. Wir freuen uns auf die reich verzierten Fachwerkhäuser und den blumengeschmückten Marktplatz. Seit 1390 erhebt sich die Schutzburg als Wahrzeichen des Stadtteils Philippstein über der Landschaft. Der erste Anlauf in Richtung Stellplatz schlägt fehl. Die direkte Zufahrt ist gesperrt. Wieder zurück und neuen Anlauf gestartet. An der Tankstelle an der Bundesstraße weisen uns Eingeborene den Weg. Noch einmal geht’s den Berg hoch. Durch enge Sträßchen, verdammt enge Sträßchen. Unser Navi spielt verrückt und will uns in noch engere Gassen führen. Dabei habe ich zwischen Spiegeln und Hauswänden ohnehin nur noch rund zehn Zentimeter. Das kann’s nicht sein. Wenn ich hier feststecke, dann Gute Nacht Marie. Rückwärts eine ansteigende und dazu enge Straße befahren, ist mit einem großen Wohnmobil aus der Fiat-Werkstatt fast unmöglich. Im  Rückwärtsgang würde ich die Kupplung dermaßen strapazieren, dass ich mir den nächsten Werkstattbesuch an den Fingern abzählen kann. Also um die nächste Ecke und bergabwärts. Raus aus Braunfels und ab Richtung Weilburg. Eigentlich schade, aber jetzt die bessere Lösung.

Der Stellplatz, hinter dem Grün verbirgt sich die Lahn
Der Stellplatz, hinter dem Grün verbirgt sich die Lahn

Weilburg

Auf derselben Lahnseite wie Braunfels liegt auch Weilburg. Auf einem von der Lahn umflossenen Felsrücken liegt die kleine Stadt, einst Residenz der Fürsten von Nassau. 60 Stellplätze gibt’s laut Führer in der Hainallee. Da muss auch für uns einer frei sein. Im Verlauf der Jahrhunderte wandelte sich die Schreibweise des Namens  von "Wilineburch" oder "Wileneburch" (906) weiter über z. B. "Wilinaburg", (918), "Wilineburg" (1000), "Weilburgk" (1606) zu der bereits 1652 auftauchenden und auch heute gültigen Schreibweise "Weilburg". Und . . . Weilburg ist die Stadt des ersten deutschen Königs (Konrad I., 911-918) und des ersten bedeutenden Parlamentspräsidenten, Heinrich von Gagern. Die barocke Schlossanlage, die sehenswerte Altstadt die Lahnschleife, das weltweit einmalige Grafentunnelensemble, Lindenalleen und Wälder prägen das Stadtbild. Die 13.000-Einwohner-Kommune hat Partnerschaften mit Städten in Frankreich, den Niederlanden, der Slowakei, Luxemburg, der Türkei und Italien.

Der Schifftunnel
Der Schifftunnel

Wir wollen den einzigen Schifftunnel in Deutschland auf jeden Fall sehen. ADOLPHUS DUX NASSOVIAE MONTIS JUGUM PERFOSSUM NAVIBUS APERUIT A. D. MDCCCXLVII lautet die Inschrift an der Einfahrt. Heißt auf Hochdeutsch: „1847 – Adolphus Herzog von Nassau, hat das Joch des Berges durchstoßen und den Schiffen geöffnet“. Damals wollte man mit diesem Bau die heimische Wirtschaft ankurbeln. Die Rohstoffe des Lahntales wie Holz, Eisenstein, Kalkstein, Marmor, Ton und Basalt per Schiff zum Rhein bringen. Dazu sollte der Tunnel ein Verbindungsstück des Schifffahrtsweges zwischen Rhein und Elbe werden. Dass daraus nicht allzuviel wurde, lag am Bau der Eisenbahnlinie Koblenz-Gießen (1862). Der Lahnwasserweg verlor seine Bedeutung.

Aber nach der Eigenwerbung der Stadt der einzige Schiffstunnel Deutschlands? Ich weiß von zumindest noch einem weiteren. Den gibt’s in Otterndorf an der Elbe. Nicht ganz so lang wie der in Weilburg, aber auch ein Schiffstunnel. Der führt vom Flüsschen Medem in Otterndorf unter dem Deich hindurch auf geradem Weg in die Elbe. Wer mit dem Boot (oder Schiff) von Bremerhaven oder Bederkesa durch den Hadelander Kanal z. B. nach Brunsbüttel und damit zur Ostsee will, muss ihn passieren. Mir wurde immer ganz komisch, wenn ich vor Jahren mit meinem Boot diesen Schleusentunnel querte und mir bei Hochwasser in der Elbe die Decke des Deichdurchstichs immer näher kam.

Der erste Anlauf zum Stellplatz an der Lahn geht ins Leere. Genauer: Beinahe fahren wird durchs Stadtzentrum. Verbotsschilder hindern uns allerdings daran. Hier fehlt offensichtlich der entscheidende Hinweis an der Straßengabelung. Einmal wenden und hundert Meter zurück. Kein Problem. Wenige Minuten später parken wir an der Lahn ein und machen uns auf den Gang in die Stadt. Schlendern durch den Schlosspark, blicken aus luftiger Höhe auf das Häusermeer unter uns, genießen den Ausblick auf die herrschaftliche Bleibe und die gepflegten Anlagen. Und besuchen das Bergbau- und Stadtmuseum in direkter Nachbarschaft. Erfahren, dass wir mit dem Besuch der barocken Residenzstadt historisch bedeutsamen Boden betreten haben. Unter unseren Füßen befinden sich ergiebige Erzlagerstätten. Bis Ende der 50-er Jahre war Weilburg ein wichtiges Zentrum des Eisenerzbergbaus im Lahn-Dill-Gebiet. Maschinen, Originalgerät und Bilder dokumentieren im Museum vergangene Zeiten. Zeigen den Eisenerz-, Phosphorit- und Marmorabbau sowie die frühe Tongewinnung. Der „Tiefe Stollen“ in den Kellerräumen des Hauses zeigt als naturgetreu nachgebautes Bergwerk auf einer Länge von rund 200 Metern Abbau, Fördereinrichtungen, Schacht- und Streckenausbau. Wir sind beeindruckt, als wir wieder ans Tageslicht kommen. Dazu bietet das Museum eine Heimatstube, ein kleines Kabinett und zeigt Funde aus der Frühgeschichte bis zu den Anfängen der Besiedlung des ehemaligen Oberlahnkreises.

Eigentlich – das hatten wir uns zumindest vorgenommen – wollten wir auch die Kristallhöhle Kubach besuchen. Dass daraus dann nichts wird, liegt zum einen an unserem Kalle (der darf nicht mit hinein) und zum anderen am Abstieg in die Tiefe. 347 Stufen, viel zu viel für mich und meine Ingrid. Dazu 85 Prozent Luftfeuchtigkeit bei 9 Grad „Wärme“ unter der Erde. Nichts für uns. Schade.

Den erlebnisreichen Tag in Weilburg krönen wir mit einem Essen beim Chinesen. Anschließend klingt er unter der ausgefahrenen Markise am Troll aus, im hellen Sonnenschein. Und – Sie können es sich denken – bei einer, nein, mehreren Tassen Tee.