Der Stellplatz
Der Stellplatz

Villmar

Kaum zu glauben, schon der vierte Tag in Folge mit blauem Himmel und Sonnenschein. Von mir aus kann das in den nächsten Tagen und Wochen so weitergehen. Zehn Stellplätze warten in Villmar auf uns. Der Marktflecken – seit 1346 mit dem Stadtrecht ausgestattet – beherbergt das Lahn-Marmor-Museum, den Unica-Marmorbruch und die Marmorbrücke über die Lahn. Seit dem 16. Jahrhundert macht Villmar dem italienischen Carrara Konkurrenz. Mit besonders farbigen Schmucksteinsorten. Die katholische Pfarrkirche von 1746 bewahrt besonders schöne ältere Probestücke auf. Entstanden ist der Lahnmarmor als Sedimentgestein und aus Riffen des Devonmeeres vor etwa 350 Millionen Jahren. Aus dem Devonmeer stiegen die ersten Wirbeltiere an Land. Seine Temperatur konservieren wir übrigens noch heute in unserem Blutkreislauf. Die Vorkommen des Lahnmarmors sind – wo noch nicht erschöpft – allerdings nicht mehr konkurrenzfähig gegenüber „Billig“einfuhren. Lahnmarmor findet sich z. B. in den berühmten Epitaphien des Mainzer Doms, beim einzigen Apostelgrab nördlich der Alpen in der Abtei St. Matthias in Trier, im barocken Marmorbad des Weilburger Schlosses, an den Altären der Mannheimer Jesuitenkirche, in der Klosterkirche Amorbach, im Berliner Dom, in der Eremitage St. Petersburg und am Empire State Building in New York. Übrigens auch im Wiesbadener Kurhaus und im Palast des Maharadja von Tagore in Indien.

Der Stellplatz – besser Parkplatz – in Villmar kann uns allerdings nicht begeistern. Eine triste Splitfläche. Von der Lahn durch einen undurchsichtigen Wall aus Büschen und Bäumen getrennt. Zwei Mobile stehen dort, ergreifen aber kurz nach unserem Ankommen die Flucht. Wir parken am Rand und machen uns bei hochsommerlichen Temperaturen an den Anstieg ins Dorf. Immer bergan, ziemlich steil sogar. Aber irgendwann kommen wir oben an, stehen im Zentrum auf einem kleinen Platz samt Spargelstand. Dessen Verkäufer hat es sich mangels Kundschaft an einem Tisch bei einer Tasse Kaffee gemütlich gemacht. Wenige Meter hinter ihm befindet sich die Straße zur Pfarrkirche St. Peter und Paul. Da wollen wir hin. Uns den verbauten heimischen Marmor ansehen. Und wir finden ihn überall in der mittelalterlichen Basilika aus dem Jahre 1746. Als Bodenbelag, als Skulpturen, als Taufbrunnen, als Kommunionbänke, als Seitenaltäre und im Freien als Statue auf der Matthiaspforte, dem Eingang zum Pfarrhof.

Da es im Ort selbst nicht viel zu sehen, nichts Historisches gibt, geht’s zurück zum Troll. Wenig später hat uns die Straße wieder in Richtung Runkel. Es sind nur wenige Kilometer und damit nur eine kurze Fahrt.

Runkel

Die Stadt der Burgen und Schlösser, das romantische Runkel ist unser nächstes Ziel. Hier gibt es bemerkenswerte Fachwerkbauten. Die mittelalterliche Burg der Fürsten von Wied aus 1159 bestimmt noch heute das Stadtbild. Wir sind neugierig auf Ahnensaal, alte Gemäuer, alte Möbel, alte Waffen und altes Gerät. Auf dem gegenüberliegendem Hang trutzt die Burg Schadeck von 1288, die ihre Entstehung einem Familienstreit verdankt. Auf keinen Fall wollen wir auch den Besuch der alten Lahnbrücke aus 1448 verpassen. Sie ist eine der ältesten am Fluss und ein Bauwerk wie aus dem Bilderbuch. Dazu kommt noch die historische Altstadt und die malerische Hofener Mühle mit ihren efeuberankten Fachwerkfassaden. Die vollständig erhaltene Getreidemühle und das Wasserkraftwerk können besichtigt werden.

Dass aus alldem nichts wird, liegt nicht an meinen mangelnden Fahrkünsten, sondern an den Bauarbeiten in Runkel. Die Hauptstraße in die Stadt ist gesperrt. Total gesperrt. Durchfahrt nur für Anlieger bis zur Baustelle. Ich habe zwar ein Anliegen – ich will mir die Stadt ansehen – aber das zählt hier nicht. Wir folgen der Umleitung. Erst steil bergauf, dann steil bergab. Dann kommen wir am Ende (oder Anfang, je nachdem woher man kommt) vorbei. Rechts ist ein Parkplatz voller Pkw, gegenüber ein Supermarkt samt kleinem Parkplatz. Vielleicht habe ich dort Glück. Ich versuche es, fahre langsam hinein und sehe: Alles besetzt. Auf Französisch heißt es Merde, was mir jetzt durch den Kopf geht. Kaum Platz in der Fahrspur, nur am Ende eine kleine Lücke und eine winzige Einfahrt zu einem „Was-weiß-ich“. Dann geht die Rangiererei los, um nicht rückwärts über viele Meter und bergan zur Hauptstraße zu kommen. Meine Ingrid winkt, mal nach rechts, mal nach links, gibt Stoppzeichen und unterstützt damit meinen Blick in die Rückspiegel. Endlich ist es geschafft. Wir sind wieder da, wo wir hergekommen sind. Ich parke den Troll auf dem angrenzenden Rad- und Fußweg (auf dem schon zwei Wagen stehen), gebe Limburg ein, und los geht’s erneut.