Wir entschließen uns, noch einen Tag anzuhängen . . . und erleben einen weiteren Tag mit blauem Himmel. Das Thermometer klettert inzwischen auf 28 Grad. Gemächlichen Schrittes kehren wir nach einem zweiten Stadtbummel durch Alt- und Neustadt zum Troll zurück. Wissen nun auch, was die Figuren am Haus in der Kolpingstraße 1 bedeuten. Da hat Bäckermeister Friedel Hensler sein Kunstschaffen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Fassade der Kunstbäckerei zieren Kynokephalen, Panotiere und Cimären. Das bedeutet soviel wie Hundsköpfe, Ganz-Ohren und Mischwesen. Alle zusammen vertreiben böse Geister. Vermutlich hat es bisher funktioniert. Die Inspiration zu seinen Figuren holte sich Friedel Hensler bei den alten Griechen, den Franzosen, der Kunstgeschichte im Allgemeinen und der griechischen im Besonderen. Einige bestehen aus Gips, Maschendraht und einem Eisengerüst im Innern, die großen aus Pappmachee. Mit Wetterschutzfarbe haltbar gemacht.

Ein trostloser Stellplatz
Ein trostloser Stellplatz

Diez

Um zur Mündung der Lahn in den Rhein zu kommen, haben wir als nächste Ziele Diez, Nassau und Bad Ems auf dem Atlas. Diez lockt mit dem Barockschloss Oranienstein, mit Eissporthalle und Badesee, mit der Lauenburg und mit dem Esteraumuseum in Holzappel. Die Stadt wurde erstmals im Jahr 790 in einer Urkunde Karl des Großen erwähnt. Die auf einem hohen Porphyrfelsen errichtete Burg ist das Wahrzeichen. Erbaut wurde sie im 11. Jahrhundert. Im 18. Jahrhundert hatte sich Diez bedeutend vergrößert und zu einer blühenden Handelsstadt entwickelt. Lahnschiffe brachten hauptsächlich Waren aus den Niederlanden. Das alte Zollhäuschen auf der alten Lahnbrücke zeugt noch heute von der Bedeutung dieses Verkehrsweges für die Stadt. Das am meisten transportierte Gut dürfte neben dem Lahnmarmor Getreide gewesen sein. Der Diezer Getreidemarkt war berühmt und nach den dortigen Umsätzen richteten sich die Preise weit und breit.

Über der Stadt die Burg
Über der Stadt die Burg

Die Altstadt liegt unterhalb der Burg, im Mittelpunkt der alte Markt. 1329 bekam die Stadt die Stadtrechte verliehen und durfte zum Schutz eine Mauer mit fünf Stadttoren bauen. Sie wurde im 19. Jahrhundert abgebrochen. In Diez gibt es einen Stellplatz. An der Emmerichstraße/Am Kasernenplatz. Der Stellplatz – obwohl als solcher kenntlich gemacht – ist nicht viel mehr als ein dürftiger Übernachtungsplatz an einem langsam verfallendem Gebäude (ehem. Kaserne) und einer verkehrslauten Hauptdurchgangsstraße. Ungeflegt wie die Straßen der Stadt, mit Zigarettenkippen, dem Inhalt von ausgekippten Aschenbechern, schwarzen Bananenschalen dekoriert. Alles auf einem großräumigen Parkplatz, dicht zugestellt mit Pkw. Wir machen einen Stadtrundgang, haben in einer Stunde alles „abgehakt“ und kehren zum Troll zurück. Von der einst blühenden Handelsstadt ist nicht mehr viel geblieben.

Beim Troll angekommen, sehe ich mit erstauntem Blick, dass offensichtlich den heimischen Pkw-Fahrer/innen die Ausschilderung der Stellflächen für Wohnmobile und die Androhung des kostenpflichtigen Abschleppens egal sind. Wir sind zugeparkt. Hinten noch ein dreiviertel Meter Luft zwischen den Stoßstangen, vorn noch bestenfalls fünfzig Zentimeter. Ich bin noch dabei, mein Handy in Gang zu setzen, um mir durch die Gesetzeshüter Luft zum Rangieren zu verschaffen, als eine Frau eilig ihren vor uns parkenden Pkw ansteuert. „Ach, gehörten Sie dazu?“ kommt es noch. Dann sitzt sie in ihrem Gefährt und flitzt von dannen. Wir können endlich ausparken. Hier hält uns nichts. Unser nächstes Ziel ist Nassau.

Die Lahn in Nassau
Die Lahn in Nassau

Nassau

Nassau, der staatlich anerkannte Fremdenverkehrs- und Luftkurort zwischen Taunus und Westerwald hat ein Rathaus aus 1609, das Steinsche Schloss, das Denkmal des preußischen Staatsmanns und Reformers, des Reichsfreiherrn Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein - der 1757 im Schloss Nassau geboren wurde - und das Wahrzeichen der Stadt, die Stammburg Nassau-Oranien. Dazu kommen das Limeskastell in Pohl, das Kloster Arntstein, der Freiherr-vom-Stein-Park.

Die Burg Nassau ist ein beliebtes Ausflugsziel und liegt auf dem höchsten Punkt des Burgbergs, 120 Meter über der Lahn. Auf der Plattform des Bergfrieds kann man eine herrliche Sicht auf Nassau und seinen Naturpark genießen.  Auf Burg Nassau kann man noch so richtig feiern wie es die Ritter damals taten. Regelmäßig finden dort Veranstaltungen statt, die eine spannende Zeitreise ins Mittelalter ermöglichen.  Der Rittersaal der Burg Nassau kann für Feierlichkeiten aller Art gemietet werden.

Der Stellplatz
Der Stellplatz

Ein Stellplatzführer hilft uns hier nicht weiter, um dem Troll eine Ruhepause zu gönnen. Aber der Lahntourismusverband. In seinem Heftchen hat er den Stellstreifen „Zum Woog“ an der Gärtnerei Hermes veröffentlicht. Den steuern wir an. Finden eine Fläche auf Steinpflaster direkt am Freiherr-vom-Stein-Park und unweit eines Tennisplatzes vor. Ohne Service aber mit wunderschönem Ausblick in den Park und in Richtung Lahn, mit angrenzendem Grünstreifen auf der einen und der Gärtnerei auf der anderen Seite. Kostenpunkt 0 Euro. Eine Viertelstunde Fußweg durch den Park und wir sind mitten in der Stadt. Bei 28 Grad – also sommerlicher Hitze – leicht schweißtreibend. Den bekämpfen wir mit einem Capuccino, machen eine Runde durch die Innenstadt und kehren entlang der Lahn zum Troll zurück. Meine Ingrid hat in der Schlachterei am Marktplatz Wellfleisch mit Sauerkraut und Stampfkartoffeln mitgebacht. Das lassen wir uns munden. Derweil kommt tatsächlich noch ein zweites Mobil aus Bad Ems angerollt und bezieht Station. Einmal ist keinmal, sagt meine Angetraute und nötigt mich am Nachmittag zum zweiten Spaziergang entlang der Lahn ins Städtchen. Als Belohnung darf ich uns eine Schale leckeres Eis ausgeben.

Schon gestern stellte ich beim Bilderüberspielen in den Laptop mit Entsetzen fest, dass sich der Akku der Canon zur Hälfte geleert hat. Das sieht heute natürlich noch schlechter aus. Bisher hat er immer ausgereicht, um alle Fotos einer Reise aufzunehmen. Hoffentlich klappt das auch diesmal. Das Ladegerät für ihn liegt daheim auf dem Schreibtisch. Inzwischen hat das Thermometer im Troll die 30-Grad-Marke überschritten. Zeit, mit dem Schreiben aufzuhören und sich im Klappstuhl im Schatten und an frischer Luft auszuruhen.