Mit dem Wohnmobil die Prignitz entdecken

Fahrt durch Wiesen, Wälder, abwechslungsreiche Dörfer und interessante Städte

„Sie ist kein rassiges Weib, das durch Grazie und Schönheit betört oder durch eine feurige Seele berauscht. Eine Frau ist sie, die man liebt, weil sie eine so gesunde Mischung ist, blondes Haar und braune Augen, nüchterner Verstand und warmer Instinkt, kräftige Arme  und heiterer Sinn“, das sagte einmal Prof. Albert Pietsch über die Prignitz. Er brachte damit auf den Punkt, was auch viele andere Menschen fasziniert: Eine Landschaft, die sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Doch wer sie einmal kennen gelernt hat, für sich entdeckt hat, weiß sie zu schätzen. Die weiten Wiesen und dunklen Wälder, die abwechslungsreichen Dörfer und interessanten Städte entlang der Elbe und darüber hinaus. Die Prignitz ist der nordwestlichste Teil von Brandenburg und grenzt an Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern.

Prignitz als älteste Region der Mark Brandenburg hat Geschichte, bewegte Geschichte. Burgen, Herrenhäuser und Rundlingsdörfer, mittelalterliche Stadtkerne, typische Bauern- und Fachwerkhäuser und eine reichhaltige Kunst- und Kulturlandschaft. Dazu eine gute, ja sehr gute Erreichbarkeit zu den Ballungsgebieten als da sind Berlin und Hamburg, Potsdam und Hannover, Magdeburg, Schwerin oder Rostock. Seit alters her Grenzregion. Von hier ging im 10. Jahrhundert die Christianisierung und im 12. Jahrhundert die deutsche Besiedlung der Gebiete östlich der Elbe aus. Rittersitze und Schlösser mit ihren mehr oder weniger erhaltenen Parkanlagen legen noch heute Zeugnis von dieser Zeit ab. In der Prignitz, entlang der Elbe verlief von Stromkilometer 472,6 bis 566,3 die innerdeutsche Grenze. Heute bieten die Elbtalauen ein unbegrenztes Naturerlebnis und sind Teil des "Grünen Bandes“.

Diese Landschaft wollen wir kennen lernen, wollen eintauchen in die Geschichte, Neues erleben, Unbekanntes entdecken, Städte und Dörfer besuchen, wo immer wieder neue Blickwinkel auftauchen.

Lenzen ist unser erstes Ziel. Ich versuche über Interseiten an Informationen zu kommen . . . und werde mit Werbung förmlich zugepflastert. Das kann’s nicht sein. Es muss auch einen anderen Weg geben. Mir hilft letztendlich die kleine vom Reisemobilhersteller Concorde gesponserte Broschüre „Mobil die Prignitz entdecken“. Hier sind alle wichtigen Stellplätze enthalten.

Eingang zur Burg
Eingang zur Burg

Lenzen

Die Ursprünge der Burg Lenzen gehen bis in die Slawenzeit zurück. Im Museum wird die Geschichte der Stadt mit vielen Exponaten nacherlebbar. Burgpark und Kräutergarten laden zu Spaziergängen ein. Heute beherbergt die Burg ein Hotel und das Europäische Zentrum für Auenökologie und Umweltbildung. In ihrer Geschichte mal Raubrittersitz, mal Amtssitz, mal in Privathand, 1953 enteignet und Veteranenheim der SED. 1993 rückübertragen geht der Besitz als Schenkung an das Europäische Zentrum für Auenökologie und Umweltbildung. Lenzen selbst wird 929 erstmals urkundlich erwähnt, ist seit 1239 im Besitz des Stadtrechts und im Besitz von drei Türmen: dem von der St.-Katharinen-Kirche, des Rathauses und der Burg. Der gesamte Stadtkern ist heute denkmalgeschützt, hat dem Stumpfen Turm, das Rathaus, die Hauptwache und viele Fachwerkhäuser zu bieten.

Historische Innenstadt
Historische Innenstadt

Wir machen uns in den späten Vormittagsstunden auf die Reise. Erst unter bedecktem, dann unter blauem Himmel. Über ein Stückchen Autobahn und über zahlreiche Bundes- und Landstraßen. Weil das Autobahnkreuz Hamburg/Abfahrt Maschen/Lüneburg Totalsperrung hat, müssen wir ausweichen. Und verfranzen uns. Über viele Kilometer geht’s im Kreis. Am Ende landen wir wieder auf der A 1 und fahren über die gleiche Ausfahrt wie beim ersten Mal ins Land. Diesmal ohne Navi und nur auf den Atlanten verlassend. Nun geht’s Gott sei Dank weiter. Richtung Lüneburg. Dann über die Elbe nach Lenzen. Kaum den ehemaligen Grenzfluss passiert, haben wir beidseitiges „Straßenbegleitgrün“. So würde es das Straßenbauamt nennen. Wir nennen es Alleen, die es bei uns im Westen Deutschlands selten, im Osten dafür häufiger gibt. Sie begleiten uns in den nächsten zwei Wochen auf vielen Straßen in Brandenburg. Und wie so oft an solchen Trassen auch hier frische und verheilende „Wunden“ an den zum Teil jahrhundertealten Stämmen. Die unliebsamen Begegnungen mit der modernen, motorisierten Welt.

Storch in Lenzen samt Nachwuchss
Storch in Lenzen samt Nachwuchss

Kurz nach Mittag sind wir am Ziel. Die Suche nach einem Parkplatz gestaltet sich schwieriger als ich mir das vorgestellt habe. Die alten Straßen sind einfach zu schmal, an freien Plätzen gibt es zu wenige. Und die sind dann mit Pkw zugestellt. Zu Hilfe kommt mir am Stadtausgang die Handelskette Netto. Auf ihrer Parkfläche vor dem Eingang gönnen wir dem Troll eine Pause. Marschieren die wenigen hundert Meter zum Zentrum zurück . . . und sind enttäuscht. In Dömitz – dem nordwestlichsten Zipfel von „McPomm“ – sahen wir vor Monaten, wie eine Stadt langsam aber sicher „vor die Hunde geht“. Verfallende Häuser, zugestaubte Fenster, bröckelnder Putz. In Lenzen aber ist das alles noch viel schlimmer. Schlimmer als wir vermutet hatten. Zugegeben: Es wird saniert, doch durch immer weiter steigende Material- und Lohnkosten, durch Vorschriften des Denkmalschutzes, durch Abwanderung der jungen Einwohner und auch heute noch ungeklärte Besitzverhältnisse hält sich die Sanierung  in Grenzen. In engen Grenzen. Wir wandern bis zum Dom aus dem 17. Jahrhundert. Leider verschlossenen und nur stundenweise geöffnet. Ein Rundblick um den Marktplatz, ein Abstecher zur nahegelegenen und bestens restaurierten Burg, die zu einem Hotel und Museum umfunktioniert wurde. Das war’s. Mehr geht nicht. Zurück zum Troll. Ich verzichte auf die Übernachtung am Ort und gebe Wittenberge ins Navi ein. Wir wollen am Nedwigshafen unsere Betten aufstellen. Mit Blick auf den Hafen und seine Sportboote und gleich dahinter auf die Elbe. Morgen geht’s dann auf Schusters Rappen in die Altstadt, zum Singer-Uhrenturm und zum hundert Jahre alten Rathaus samt historischem Ratskeller.