Auch bei Regen toller Ausblick
Auch bei Regen toller Ausblick

Wittenberge

Die Wittenberger lieben ihren Fluss zu jeder Jahreszeit, heißt es im Touristenführer. Bläst der Wind gar zu heftig, dann kehren sie in die gemütlichen Lokale auf der Elbpromenade ein, genießen bei Kaffee und Kuchen den Blick auf die Elbe. Nun gut, als wir ankommen bläst der Wind nicht heftig, die Sonne scheint vom Sommerhimmel und das Lokal in unserer Nähe, „Zum Fährmann“, hat heute und morgen geschlossen. Der Blick über den Hafen auf die Elbe hat nicht geschlossen. Den genießen wir. Gibt’s also keinen Kaffee und auch keinen Kuchen. Wir greifen statt dessen wieder zur Tasse Tee. Diesmal ohne Kluntjes und ohne Sahne. Uns fasziniert ebenso wie der Blick über die Elbe und ihre Niederungen der Blick über den Stellplatz. Sehr gepflegt, pieksauber und die Mobile alle in Reih und Glied mit der „Schnauze“ zum Wasser.

Die Stadt verdankt ihren Namen den weißen Sandbergen, auf denen früher Windmühlen errichtet wurden, lese ich im Urlaubsjournal. Und auch, dass es heute Türme sind, die den Gästen ein „Willkommen in der Elbtalaue“ zuwinken. Der Singer-Uhrenturm (1928/29), der Rathausturm (1914) und das gotische Steintor (1297). Dazu die Türme der evangelischen (1872) und der katholischen Kirche St. Heinrich (1898).

Das Rathaus
Das Rathaus

Wir faulenzen für den Rest des Tages und nehmen uns für morgen den Gang in die Stadt vor. Die hatte vor der Wende 36.000 Einwohner, nun sind es nur noch 16.000. In der Nacht prasselt Regen auf die Dachfenster des Troll. Am Morgen geht er erst in leichtes Nieseln über. Dann hört es ganz auf. Es ist trocken. Hin und wieder traut sich sogar die Sonne hervor. Durch einen bedauerlichen Zwischenfall im Nachbarwagen werden wir aufgehalten. Schaffen unsere „Besichtigungstour“ erst in der Mittagszeit. Gucken uns am Deich unweit des Stellplatzes die kleine Flötenspielerin aus Bronze an. Sie erinnert an Paul Lincke, den berühmten Berliner Operettenkomponisten, der in Wittenberge den Grundstein für seine spätere musikalische Laufbahn legte. Vor dem Kultur- und Festspielhaus steht zum Andenken an den international bekannten Künstler eine Büste. Von 1881 bis 1884 absolvierte er seine Lehrzeit in der Wittenberger Stadtpfeiferei. Wenige Meter von der kleinen Flötenspielerin entfernt die Skulpturengruppe „Zeitreise“ von Christian Uhlig aus der Uckermark. Die Figuren des „Schaukelschiffes“ sind Gestalten der Geschichte und deren Symbole zugleich. Ein Krieger mit Helm, ein Bürger, ein Schiffer, ein Zopfträger, eine Bauersfrau, ein Teufel und ein Narr. Ins Stadttor geht eine Kuh hinein, am anderen Ende kommt ein Auto heraus. Zeitgeschichte eben. Wir schlendern am Steintor und dem Stadtmuseum vorbei in die Innenstadt und die Fußgängerzone. Das Steintor unweit des Stadtmuseums, ist das älteste Gebäude Wittenberges. Im 19. Jahrhundert ein Stadtgefängnis und ab 1928 das erste Museum zur Stadtgeschichte.

Das Steintor
Das Steintor

Wir kehren zum Troll nach dem Besuch des im Stil des Historismus erbauten Rathauses zurück. Mit seinem stattlichen Uhrenturm mit „Pickelhaube“ und der umgebenden großzügigen Grünanlage gehört es wohl zu den herausragendsten Gebäuden von Wittenberge. Am 25. und 26. Juni 1914 wurde der Bau eingeweiht. Die Bäckerinnung stiftete die Glasfenster des Ratskellers, der Rabatt-Sparverein einen Kronleuchter für den Sitzungssaal und der Lehrerverein sponserte eine Standuhr. Am 21. Juni 2014 feierten die Einwohner den 100. Geburtstag ihres Wahrzeichens mit Festumzug, Rathausfest und Jubiläums-Tanzrevue. Von einem leitenden Beamten aus dem Verwaltungsgebäude (Name tut nichts zur Sache) erfahren wir, dass das Rathaus damals aus Rotstein (also Klinker) gebaut wurde. Weder den Ratsherren noch den Einwohnern der damals reichen Handelsstadt gefiel die „Schlichtausführung“. Sie ließen die Maurer noch einmal zu Wasserwaage und Kelle greifen. Der ganze Bau wurde mit behauenem und reichlich verzierten Sandstein verblendet. Damals war das im Bereich des Möglichen, heute schon aus finanziellen Gründen undenkbar. Für mich interessant: In keiner Broschüre, in keinem Infoblatt, auch nicht in der Geschichte Wittenberges im Internet wird dieses Kuriosum erwähnt.

Übrigens hatte Wittenberge zu DDR-Zeiten eines der größten Bahnwerke mit umfangreicher Stationierung von Dampf- und Dieselloks. Heute hat die Stadt an der Elbe das größte  Eisenbahnmuseum in Brandenburg.

Der zweite Tag in Wittenberge klingt mit einem Glas Roten und dem Blick auf Hafen, Elbe und Fernsehschirm aus. Morgen soll es weitergehen. Nach Perleberg. Dass es anders kommt, liegt zum einen an dem in der Nacht einsetzendem Regen, zum anderen an den wieder aufflammenden Schmerzen im Rücken meiner Angetrauten. Um die Fahrt überhaupt antreten zu können, hat sie sich am Morgen unseres Reisebeginns von der Ärztin ihres Vertrauens eine Spritze „verpassen“ lassen. Zur Verstärkung etliche Tabletten dazu mitgebracht. Ob beides nicht die gewünschte Wirkung erzielte oder ob wir es durch unsere Stadtbesichtigungen auf Schusters Rappen übertrieben haben, können wir natürlich nicht klären. Auf jeden Fall ist für sie jetzt erst einmal Ruhe angesagt. Ich suche also einen Platz, auf dem wir Ruhe, nahe Sanitäranlagen und eine Ver- und Entsorgung erwarten können. Und der zudem auch in der Prignitz liegen muss. Das alles trifft auf Bad Wilsnack zu. Das Thermalsole- und Moorheilbad steht ohnehin auf meiner Liste.