Bad Wilsnack

Als wir am Morgen aus unseren Betten kriechen, regnet es noch immer. Zwar nur noch ein bisschen, aber zum Nasswerden reicht es allemal. Nach dem Frühstück also „Leinen los“ und ab geht’s. Es sind nur zwanzig Kilometer bis zum Stellplatz an der Therme. Die sind schnell hinter uns gebracht. Schnell wird auch der Regen stärker, der uns erst auf der Straße und dann auf dem Platz in Bad Wilsnack die gute Stimmung vermiesen will. Kein noch so laues Lüftchen vertreibt die grauen Wolken, reißt den Himmel auf und lässt der Sonne ein Chance. Ruckzuck eingeparkt und Strom angeschlossen. 8,50 Euro soll es kosten, steht im Stellplatzführer, inklusive Strom und einem Gutschein von drei Euro für die Therme. Doch das war gestern. In Wirklichkeit kostet es nun 13,50 Euro zuzüglich zwei Euro Kurtaxe (für zwei Personen). Fünf Euro werden bei einem Thermenbesuch angerechnet. Die nächste Überraschung gibt’s beim Kassettenleeren. Am erdbodengleichen Ausguss hängt ein Schloss. Den Schlüssel dazu gibt’s in der Therme gegen ein Pfand von 25 Euro oder gegen Mitbringen des Personalausweises. Also hoffe ich auf ein baldiges Ende der nassen Bescherung, um endlich unser gut gefülltes WC trockenzulegen. Draußen kommt’s immer noch kübelweise von oben. Da hilft nur noch warten . . . und Tee trinken.

Bahnhof in Bad Wilsnack
Bahnhof in Bad Wilsnack

Zur Geschichte: Erste Erwähnung findet Wilsnack im August 1383. Damals brannte die Dorfkirche ab. In der Asche fand Pfarrer Johannes Cabuez drei heilgebliebene Hostien. Jede mit einem Blutstropfen. Das Blut war natürlich „Blut aus den Wunden Christi“. Eben „Wunderblut“. Daran zweifelte weder der Pfarrer noch seine Schäflein. Die Geschichte vom Fund verbreitete sich rasch. Wenig später machten sich Pilger aus Böhmen, Ungarn, Polen, Skandinavien, ja aus ganz Europa auf den Weg, suchten Heilung ihrer Krankheiten und Vergebung ihrer Sünden. Die Bischöfe forderten ihre Gläubigen auf, nach Wilsnack zu wallfahren. Sie versprachen Ablässe – also Vergebung der Sünden. Die mussten in Geld oder Naturalien erkauft werden. Von diesen Geldern wurde z. B. auch die „Wunderblutkirche“ gebaut. Fast 200 Jahre lang pilgerten Gläubige in den Ort. Wilsnack wurde so berühmt wie Lourdes oder Santiago de Compostela heute. Der Ort blühte nicht nur durch den Ablasshandel wirtschaftlich mächtig auf.

Der Abschwung kommt mit der Reformation. Der erste protestantische Prediger in Wilsnack, Joachim Ellefeld, macht dem Treiben ein Ende. Der evangelische Geistliche bricht die Monstranz mit den drei Reliquien auf und verbrennt am 28. Mai 1552 in Wilsnack die angeblich wundertätigen Bluthostien. Die Stadt fällt danach in die Bedeutungslosigkeit zurück. Erst mit der Entdeckung heilkräftiger Moorerde 1906 geht es wieder aufwärts. Wilsnack wird Moorheilbad. Ab 13. September 1929 darf sich die Stadt mit dem Titel „Bad“ schmücken. 2000 wird die heutige Kristall Kur- und Gradier-Therme eröffnet. Die 24-prozentige Sole dafür kommt aus einem Salzsee in 1070 Meter Tiefe. 2007 und 2010 entsteht der Karthane-Park mit Kurangeboten, Klinik, Kurmittelhaus und Kristall Kur- und Gradier-Therme.

Lore zum Heiltorftransport
Lore zum Heiltorftransport

Ich kann’s kaum glauben. In den späten Nachmittagsstunden hört der Regen auf. Der Himmel ist heller geworden, auch wenn die Sonne noch nicht durchkommt. Wenig später schafft sie es. Die Wolken reißen auf. Dann kommt erneut ein dunkelgraues Wolkenband. Es blitzt und donnert. Bald ist das Gewitter vorbei. Ich mache mich auf den Weg ins Ortszentrum und damit zur Wunderblutkirche. Komme fünf Minuten vor sechs dort an. Eine Frau will gerade abschließen. Vielleicht die Küsterin, vielleicht aber auch die Verkäuferin im Wunderblutkirchen-Andenken-Shop. Auf meine dringliche Bitte, noch fünf Minuten den Sakralbau offen zu halten, erklärt sie sich bereit, noch fünf Minuten zu bleiben. „Fünf Minuten und nicht mehr!“ Die Zeit reicht aus, um noch das Innere des Gotteshauses „auf die Platte zu bannen“. Noch ein paar Bilder draußen vom mächtigen Gebäude, das einer Basilika zur Ehre gereicht hätte. Dann kehre ich um und mache mich auf den Rückweg zum Troll.

Der Höhepunkt des Tages kommt am Abend: Mit einem prachtvollem Sonnenuntergang. Der nächste Morgen bringt uns wieder auf die Straße. In Richtung Rühstädt. Deutschlands Storchendorf.

Storchenpartnerschaften
Storchenpartnerschaften

Rühstädt

Die Hauptattraktion in Rühstädt sind die Störche. Als Glücksbringer, weiser Ratgeber und Frühlingsbote wird Adebar in Märchen und Fabeln erwähnt. Außerdem – das soll’s ja wohl auch heute noch geben – muss er als Klapperstorch und Babylieferant herhalten, wenn Kinder ihre Eltern nach der menschlichen Fortpflanzung fragen. Das will ich jetzt mal nicht weiter vertiefen.

Sicher ist aber, dass im Frühjahr 70 bis 80 von ihnen aus den Winterquartieren zurück kommen und die Horste auf den Dächern in Rühstädt besetzen. Bis zu 180 sollen es in Rekordjahren gewesen sein. Nirgendwo sonst gibt es so viele Storchennester in einem Ort. Dadurch ist Rühstädt weit über seine Grenzen hinaus bekannt geworden. 1996 verleiht die Stiftung Europäisches Kulturerbe den Titel „Europäisches Storchendorf“. Der Storchenclub Rühstädt wird 1990 als erster Fremdenverkehrsverein in der Prignitz gegründet mit dem erklärten Ziel, den Störchen vor Ort und im Umland einen geeigneten Lebensraum zu bieten und zu erhalten. Dazu gehört eine Menge Aufklärungsarbeit und auch praktisches Handanlegen: Jedes Frühjahr vor Ankunft der Störche widmet sich der Club der Instandhaltung und Pflege der inzwischen 43 oft tonnenschweren Nester. Und später, im Juni, wenn die Jungstörche geschlüpft sind, gibt’s noch einmal Arbeit beim Beringen.