Die erste Tour des Jahres 2015

Nun geht’s nach Büsum, St. Peter-Ording, Friedrichstadt und Meldorf

Eigentlich wollten wir im März unseren Troll starten. Eigentlich. Dass daraus nichts wurde, lag nicht an unserer Bequemlichkeit in die Puschen zu kommen, sondern an meinem Gesundheitszustand. Mich hatte die COPD (Chronisch obstruktive Lungenerkrankung, mehr als unangenehm und nicht heilbar) in die Zwickmühle genommen. So ging Woche für Woche, Monat für Monat ins Land. Mit Regen und Sonnenschein, mit kalten und mit warmen Tagen. Statt Touren mit dem Troll, machte ich Touren zum Doc und zur Computertomographie. Schnappte nach Luft und hustete, dass meiner Angetrauten angst und bange wurde. Hoffte auf Besserung. Ende März hatten wir unser Ferienhaus auf vier Rädern aus seiner Winterabdeckung befreit. Ich ergriff Eimer und Bürste, Shampoo und den Wasserschlauch, um – durch viele Pausen unterbrochen - „unser bestes Stück“ von Dreck des vergangenen halben Jahres zu befreien. Besuchte mit ihm am 1. Juni den TÜV und steuerte mit einer neuen 2-Jahres-Plakette wieder den heimatlichen Stellplatz an. Dort „scharrte Troll zwar heftig mit den Hufen“, doch aus dem Fahren in die Ferne wurde noch nichts.

Mich plagte nicht nur die Atemnot, sondern auch immer heftiger werdende Hustenanfälle. Eigentlich hatte ich vor, im Süden den Frühling zu begrüßen. Am Bodensee, um genau zu sein. Doch mit meinem Handicap hätten wir das vorgesehene Programm ohnehin nicht durchgehalten. Ich durchhustete etliche Nächte, besuchte tagsüber meinen Lungenfacharzt, hing über Tage am Sauerstoffapparat und wunderte mich, dass meine Gesundheit am Boden lag. Es dauerte lange, sehr lange, bis Besserung eintrat. Es dauerte Monate. Aber immerhin: Es ging aufwärts. Kaum spürbar im 24-Stunden-Rhythmus. Doch im Rückblick machte ich Fortschritte. Ganz kleine. Nach rund sieben Monaten konnte ich über Stunden ohne den Sauerstoff-Konzentrator auskommen. Musste keine Pausen mehr einlegen, um die elf Meter zwischen Bett und Bad zu überwinden. Konnte wieder atmen, fast wie ein „normaler“ Mensch.

Für 20 Euro geht's von Wischhafen nach Glücksstadt über die Elbe.
Für 20 Euro geht's von Wischhafen nach Glücksstadt über die Elbe.

Dann kam die Reha. Ende August ging’s Richtung Bad Lippspringe. Drei Wochen lang wurden meine Lunge und ich für den Alltag trainiert. Drei Wochen lang aufs „normale“ Leben vorbereitet. Ob’s so klappt, wie ich es mir vorgestellt habe, wird die nächste Zeit, die vor mir liegenden Wochen zeigen. Nun haben wir bereits Ende September. Höchste Zeit, endlich zu starten. Eine lange Reise kann ich mir derzeit noch abschminken. Acht bis zehn Tage müssen reichen. Die - das hoffe ich – kann ich ohne Rückfall und stationäres Sauerstoffgerät überstehen. Wir starten am Sonntag in aller Herrgottsfrühe. Damit wir bei der Elbüberquerung von Wischhafen nach Glückstadt nicht im stundenlangen Stau auf die Fähre warten müssen. Unsere Berechnung geht auf. Wir haben Glück. Im hellen Sonnenschein und bei azurblauem Himmel kommen wir an. Kaum habe ich die Maschine abgestellt, drehe ich schon wieder am Zündschlüssel. Wenige Minuten später machen wir die kleine Seereise vom westlichen auf das östliche Ufer. Von Niedersachsen nach Schleswig-Holstein. Hüben wie drüben noch wenig Verkehr auf der Straße. Es geht flott voran Richtung Büsum. Da noch keine Herbstferien sind, rechne ich mit einem halbleerem Stellplatz. Immerhin haben dort hundert Mobile Einstellmöglichkeit.

Doch schon beim Näherkommen entpuppt sich diese Hoffnung als falsch. Der Platz ist belegt. Bis auf zwei in der ersten Reihe. Ruckzuck habe ich eingeparkt. Übernachtung für 15 Euro, Strom inklusive, Wasser und Toilette extra. Wenn ich will, sogar mit einem preisgünstigen WLAN-Hotspot. „Gestern habe ich auf der Straße warten müssen. Nichts war frei“, erzählt mir mein Nachbar von gegenüber. Wie recht er hat, sehe ich beim Ausflug auf Schusters Rappen in die Stadt. Gegenüber reiht sich Mobil an Mobil. Parkzeit von 9 bis 19 Uhr. Doch darum schert sich dort keiner. Wer steht, der steht. Auch über Nacht. Wenn's schlecht läuft, hängt morgens ein Knöllchen an der Scheibe.

Wie auf dem Womoplatz gestaltet sich auch unser Trip in die Stadt und auf die Strandpromenade. Menschen über Menschen. Auf der einen Seite geht’s Richtung Nordseedeich und Strandpromenade. Auf der anderen Seite Richtung Oldietreffen und Kohlfest. Dazu ein verkaufsoffener Sonntag. Ein echter Stress für unseren Calle. Wieder einmal ein Tag, an dem er Tausenden von Füßen ausweichen muss, um nicht zur Flunder zu werden. Meine Ingrid passt zwar höllisch auf ihn auf damit ihm nichts passiert, doch das weiß er ja nicht. Und deshalb kommt es ein paar Mal ziemlich dünn hinten aus ihm heraus. Tempo-Taschentuch auf Tempo-Taschentuch muss herhalten, um das Pflaster wieder zu säubern. Nach Hafen und Fußgängerzone geht’s hinauf auf den Deich. Auf die neue Strandpromenade, die wir im vergangenen Jahr noch im Bau erlebt haben. Ein wahrer Augenschmaus, ein Sahnestück erster Güte. Piekfein und gefühlt unendlich lang. An den Eingängen stehen kleine Holzhäuschen und kassieren ab. Drei Euro pro Kopf für die Passage. Sieben kostet ein Strandkorb pro Tag. Wir missachten den fordernden Blick der Kassiererin und behalten die drei Euro. Der Promenadenzugang ist bereits mit dem Bezahlen der Stellplatzrechnung beglichen. Doch wer den Kassenausdruck nicht dabei hat, muss entweder umkehren oder löhnen. Erst am fortgeschrittenen Nachmittag treffen wir wieder beim Troll ein. Ein bisschen abgeschlafft zwar, aber sehr zufrieden mit diesem sonnigen Herbsttag. Morgen wollen wir auf jeden Fall noch einen Tag anhängen. Der Wetterbericht ist super. Ich fühle mich super, und super wird auch sein, dass an einem „normalen“ Werktag in den Straßen und Geschäften nicht ein solches Gedränge herrscht wie an diesem Herbstsonnensonntag.

Ausgeschlafen und nach einem ausgiebigen Frühstück machen wir uns am Vormittag wieder auf die Socken. Mit Schwenk marsch den Deichdurchstich passierend in Richtung Fußgängerzone. Und was sehen meine entzündeten Augen? Kaum zu glauben aber wahr: Passanten über Passanten auf der Bummelmeile. An einem ganz normalen Montagmorgen. An einem Morgen, an dem die Mehrzahl der Einwohner eigentlich dem Broterwerb nachgehen muss. Beim zweiten Blick sehe ich, dass die Masse der Besucher keine Büsumer sind. Das sind Patienten aus den Kliniken des Heilbades und immer noch jede Menge Touristen. Rollatoren, Rollstühle und Sehleute beherrschen das Straßenbild. Wie gestern. Wie gestern auch der Besuch der Geschäfte. Nicht immer „Kaufleute“, sondern Sehleute in großer Zahl. Und wir wieder mitten drin. Erst auf der Straße, dann auf der neuen Deichpromenade mit ihrer ausladenden Terrasse bis runter an die Nordsee. Richtig! Nordsee. Wie gestern haben wir das Glück, dass das Wasser da ist. Meist versteckt es sich ja vor mir. Hat sich zurückgezogen durch die Kraft des Mondes. Wer weiß wohin. Und in der Ferne, weit weg am Horizont, schieben sich Schiffssilhouetten gleich Scherenschnitten durchs Bild.