Wir setzen uns auf eine der vielen neuen Bänke in Schneeweiß und genießen den Anblick. Die Watt-Tribüne unweit des Hauptaufgangs ist das Herzstück des modernen Hauptstrandes. Da dürfen wir jedoch mit Hund nicht hin. Und dass wir uns auch daran halten, darüber wacht der Mann in der roten Jacke in Kassiererhäuschen, der Strandservice. Wir können aber – weil nur wenige Meter von uns entfernt – erkennen, dass die Watt-Tribüne nicht nur großzügig gestaltet, sondern auch von der Struktur her an das Relief des Meeresbodens angepasst ist. Eine Einladung. Auch mit den Strandkörben ein zauberhafter Ort zum Verweilen, zum Genießen von Wasser, Wind und Wellen. Verschlossen bleiben für uns auch die 1.800 Strandkörbe auf dem Deich und in der Familienlagune Perlebucht. Sie stehen alle in der Hundeverbotszone. Wir genießen auf einer der Bänke oberhalb der Watt-Tribüne die Aussicht und führen uns vor Augen, dass erst millionenschwere Baumaßnahmen diese Wohlfühlatmosphäre geschaffen haben. Noch im März vergangenen Jahres haben wir hier die umfangreichen Arbeiten beobachtet. Was wir nicht genießen ist der prachtvolle Sonnenuntergang, der bei diesem Wetter allabendlich geboten wird. Zum Nulltarif.

Zum Nulltarif gibt’s auch täglich das frische, salzige Heilklima, das nicht nur Allergikern, sondern auch meiner kaputten Lunge gut tut. Angeblich – so die Eigenwerbung der Kommune – lässt hier der Stress nach, kommt die Seele zur Ruhe und öffnet den Blick in die Ferne, bläst der Wind ins Gesicht und bringt viel frische Luft voll Sauerstoff zum Durchatmen. Brandungsaerosol voll Jod und Sauerstoff dort, wo die Wellen an die Küste rollen. Das Leben ist schön.

Das gilt natürlich auch für Wanderungen im Watt. In Büsum sogar mit Musikbegleitung möglich. Das jedoch verkneifen wir uns. Das können wir unserem Calle, dem Zwergdackel, nicht zumuten. Könnten mit einem Kutter hinausfahren und Seehunde gucken. Geht aber auch nicht. Hunde an Bord? Ein Unding für jeden Kutterkapitän. Daher sehen wir auch nicht, wie Sandgarnelen (die heißen an der Küste Krabben) gefangen und anschließend gekocht werden. Die können wir nur an Land kaufen. Ein Liter für fünf Euro, drei Liter für sieben Euro. Wir wissen aber aus Erfahrung, dass der größte Teil der „Beute“ aus Schale besteht und nur der kleine „Inhalt“ aus leckerem Krabbenfleisch. Und das mühsame Pulen ist eine gute Beschäftigung für Strafgefangene. Auf dem Rückweg zum Stellplatz gönnen wir uns in einer Schlachterei Schnitzel mit Rotkohl und Stampfkartoffeln zu 5,50 Euro. Ein Superpreis und sehr lecker. Danach folgt eine ausgiebige Siesta. Füße hoch und Augen zu. Von oben sorgt das Tagesgestirn für eine angenehme Wärme. Wir lassen’s ruhig ausklingen. Morgen gibt’s einen dritten Tag Büsum. Aber dann ist Schluss. Wir ziehen weiter. Denn schließlich besitzen wir ein Wohnmobil mit der Betonung auf Mobil.

Büsum gehört zu den beliebtesten Urlaubszielen an der schleswig-holsteinischen Nordsee. Dabei war Büsum einst nicht etwa ein Dorf auf dem Festland, sondern eine Nordseeinsel vor der Küste von Schleswig-Holstein. Doch Sturmfluten im 14., 15. und 16. Jahrhundert veränderten den Ort für immer: Im Süden spülten die Fluten Inselland fort, im Norden dagegen schwemmten sie Schlick an. Auf diese Weise näherte sich die Insel Büsum dem Festland so weit an, dass es 1585 gelang, einen Damm dorthin zu bauen. Durch Eindeichungen in der Folgezeit verlor Büsum endgültig seinen Inselcharakter.

Aus der Zeit, in der Büsum eine Insel war, stammt noch die kleine Fischerkirche, die nach dem Schutzheiligen der Schiffer, Fischer und Küstenbewohner, dem heiligen Clemens, benannt ist. Die weiß gestrichene Kirche mit ihrem Dachreiter wurde 1552 erbaut. Das bronzene Taufbecken aus dem 13. Jahrhundert soll der Seeräuber Cord Widderich im 15. Jahrhundert von der Insel Pellworm geraubt und den Büsumern geschenkt haben - als Dank dafür, dass die Bewohner ihm Unterschlupf gewährt hatten.

Badesitten lockern sich Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts herrschten in den Badeorten strenge Moralvorstellungen. Doch um die Jahrhundertwende setzten sich die Gemeinden vermehrt für die Einrichtung von Familienbädern ein. 1902 entstand auf Norderney das erste. Voraussetzung dafür: die richtige Bademode wie undurchsichtige Anzüge mit Beinkleid - bei Frauen auch gerne mit Schößchen. Jetzt durften Familien endlich zusammen am Strand spielen und baden. So konnten die Menschen eine neue Art der Geselligkeit pflegen.

Sommerfrische auch für Bürger. Mit fortschreitender Industrialisierung suchten immer mehr Stadtbürger Erholung in den Seebädern - oft nur für ein Wochenende, da viele noch kein Recht auf Urlaub hatten. Aber der Sommerurlaub war nicht mehr ausschließlich Privileg der Reichen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sich die Verkehrsverbindungen stark verbessert. Vor allem die Bäder an der Ostsee waren gut zu erreichen und begehrt. Die Seebäder reagierten auf den Wandel und passten sich an. So gab es an der Nordsee alles: vom mondänen Westerland, über das gutsituierte Wyk auf Föhr bis zur einfachen Sommerfrische Norddorf auf Amrum.

Vom Seebad zum Heilbad. 1837 wurde Büsum zum Nordseebad, 1949 zum Nordseeheilbad. Für die Titel gelten besondere Auflagen: So muss ein Seebad nicht nur am Meer oder in unmittelbarer Meeresnähe liegen, sondern auch eine gute Luft- und Badewasserqualität sowie mindestens einen Kurarzt und eine touristische Infrastruktur vorweisen können. Noch strenger sind die Vorgaben für die Vergabe des Titels Seeheilbad. An diesen Orten müssen auch Heilmittel wie Meersalz oder Meeresschlick vorhanden sein. Seebäder gibt es in Deutschland sowohl an der Ost- als auch an der Nordsee.