Früher ein wichtiges Seezeichen. Heute steht die Kirche tief im Binnenland.
Früher ein wichtiges Seezeichen. Heute steht die Kirche tief im Binnenland.

Meldorf Der Dienstagmorgen zeigt sich Grau in Grau. Aber immerhin trocken. Ich schlafe – nach einer ruhigen Nacht ohne Albträume wegen einer versauten Tankfüllung - heute aus. Frühstück in aller Ruhe - ich zwei Scheiben Leberwurstbrot, meine Angetraute eineinehalbe Tasse Kaffee -, entsorge das Grauwasser und die Toilettenkassette. Dann geht’s los. Kaum vom Platz beginnt es zu regnen. Erst ganz fein, dann immer stärker. Das wäre ja weiter nicht tragisch, wenn, ja wenn nicht die fleißigen Dithmarscher Bauern auf ihren Äckern am arbeiten wären. Wäre auch nicht tragisch, wenn sie z. B. pflügen würden und damit einen ganzen Tag oder zumindest viele Stunden auf ihrer Scholle blieben. Doch sie ackern nicht und säen nicht. Sie holen die Kohlernte ein. Mit dem Trecker aufs Feld, aufladen und wenig später wieder auf die Straße. Die sieht nach wenigen Fuhren aus wie der Acker selbst. Schwerer, nasser Marschboden über viele Kilometer. Fein verteilt, eine echte Schlammwüste. Und saumäßig glatt. Wie Schmierseife. Vorsicht ist nicht nur auf gerader Strecke, sondern vor allem in den oft engen Kurven geboten. Als hätten sie sich abgesprochen, fast alle Landstraßen über die ich Meldorf ansteuere sehen so aus. Entgegenkommende Lkw ziehen Dreckfahnen hinter sich her, schleudern sie mir auf den Troll. Der sieht aus, als wenn er fünf, nein zehn Jahre keine Waschbürste gesehen hätte. Um mich zu rächen, schleudere ich ebenfalls den nassen Dreck hoch, ziehe auch eine Schlickfahne hinter mir her und beglücke so die nachfolgenden Pkw-Fahrer.

Innenansicht des Meldorfer Doms.
Innenansicht des Meldorfer Doms.

Endlich erreiche ich die „Dom“stadt. Doch bevor ich die Stadtgrenze passiere, leuchtet ein Lämpchen am Armaturenbrett auf. Da es nicht anders zu machen ist, lasse ich das Lämpchen leuchten, steuere den Marktplatz an, parke ein und sehe anschließend im schlauen Buch von Fiat nach. Dort finde ich, dass in der elektrischen Ausrüstung ein Fehler sitzen muss. Dass vielleicht ein Stromkreis unterbrochen ist, vielleicht eine Birne des Scheinwerfers, der Nebel- oder Rücklichtleuchte den Geist aufgegeben hat. Zündung und Licht ein und den Troll von vorn und hinten in Augenschein nehmen, ist das Gebot der Stunde. Und dann finde ich das defekte Lämpchen. Es ist das Rücklicht am Troll selbst, das eingeschaltet ist und dunkel bleibt. Am Fahrradträger gibt’s auch solch ein Rücklicht, aber das ist in Ordnung. An der nächsten Tankstelle wissen sie keinen Rat, können auch keine Birne verkaufen. Ein paar Meter weiter hilft mir dann eine Kfz-Werkstatt. Die haben nicht nur Birnen vorrätig, sondern auch einen Mitarbeiter, der weiß, was zu tun ist. In weniger als fünf Minuten ist mein Rücklicht wieder in Ordnung. Kosten: 1,90 Euro einschließlich Material und Arbeitslohn.

Zuvor erkunden wir jedoch Meldorf. Halten uns bei dem immer noch anhaltendem Nieselregen und starken Wind sehr zurück. Besichtigen den Dom – Ingrid hat Calle auf dem Arm, damit der Dom,,wächter“ nicht meckert – und machen der Stadtinfo unsere Aufwartung. Auch der Bäcker am Marktplatz freut sich über unseren Besuch. Wir geben noch eine Runde um den Marktplatz obendrauf und kehren dann zu unserem ziemlich eingesauten Troll zurück.

Dann geht’s zum Yachthafen Nummer 8. So steht’s jedenfalls im Stellplatzführer. Ich fahre am Yachthafen vorbei. Mein Navi fordert mich zum Einbiegen auf. Doch dann würde ich die Yachten im Winterlager stören. Dort gibt’s nur sehr wenig Platz zwischen den Booten. Zu wenig um den Troll zu parken. Am Ende der Straße ist ein Wendehammer. Ich wende und fahre zurück. Ein Mann mit Hund – wie sich herausstellt ein Schwabe – stoppt mich. „Sie müssen auf die andere Seite des Hafens. Zurück und nächste Straße links. Dort stehe ich auch.“ Also zurück. In der ,,nächsten Straße links“ sind wir richtig. Nach ,,Promobil“ von 2010 Deichstraße 2. Die fünf Jahre alte Ausgabe hatte die richtige Adresse. (Die richtige Adresse steht jetzt auch im Stellplatzführer. Ich habe sie korrigiert.) Dann erreiche ich den Platz hinter dem Deich. Parke nach Einweisung des ,,Wächters über alle Stellplätze“ neben einem Stromkasten ein. Leichte Schräglage inbegriffen und den Seedeich nur wenige Meter vor uns. Hinter uns das ,,Binnenmeer“, das Surferparadies. Zumindest in der warmen Jahreszeit. Doch auch jetzt wagen sich ein paar Mutige aufs Wasser mit Wellengang. Der Wind bläst, dass wir beim ,,Hundertmeterlauf“ bis zum Sperrwerk und der Schleuse den Kragen hochziehen. Dann streichen wir die Segel. Regen und Wind sind mehr als ungemütlich. Es ist nicht zu übersehen: Der Herbst hat Einzug gehalten.

Ohne Keile nur Schräglage im Wohnmobil.
Ohne Keile nur Schräglage im Wohnmobil.

In Meldorfs Eigenwerbung heißt es: ,,Hier gibt es Straßen und Gassen, in denen kein Haus dem anderen gleicht und die doch harmonisch nebeneinander stehen. Nicht in Reih und Glied, sondern lebendig, mal weiter vorne, mal ein Stückchen zurück. So bauten die Menschen im Mittelalter und das ist der Charme, der Meldorf heute noch ausmacht. Das spüren die Gäste spätestens nach der ersten halben Stunde und lieben das Dithmarscher Städtchen dafür.“ In diesem Jahr feiert das Städtchen sein 750-jähriges Bestehen. Mit Festveranstaltungen von März bis Dezember.

In Wikipedia finde ich: ,,Meldorf liegt an der Miele auf einer ursprünglich weit ins Watt hineinreichenden Geestinsel. Durch die Landgewinnung (zuletzt der Speicherkoog) ist sie aber mittlerweile über sechs Kilometer von der Küstenlinie an der Meldorfer Bucht entfernt. Zahlreiche archäologische Funde belegen eine frühe Besiedlung in der Region. Bekannt geworden ist die so genannte Fibel von Meldorf, eine Gewandspange mit vier Schriftzeichen (Buchstaben) aus dem 1. Jahrhundert, deren Lesung unsicher ist. Von rechts nach links gelesen könnte es sich um die Runeninschrift hiwi handeln, was in urgermanischer Sprache für die zum Haus Gehörige bedeuten dürfte, und damit um einen der ältesten Runenfunde überhaupt. Von links nach rechts könnte es aber auch eine lateinische Inschrift sein und Idin, die germanische Form für Ida, heißen.

Bereits 1076 wurde von Adam von Bremen erwähnt, dass die Mutterkirche der Dithmarscher in Meldorf ist. 1265 erhielt Meldorf das Stadtrecht. Meldorf war im Mittelalter (bis zur Verlegung nach Heide) Hauptort von Dithmarschen. 1598 verlor Meldorf das Stadtrecht wieder und wurde zum Flecken. 1870 erhielt Meldorf wieder das Stadtrecht. Meldorf war bis zur Auflösung 1970 Kreisstadt des Kreises Süderdithmarschen. Das ehemalige Kfz-Kennzeichen dieses Kreises, MED, leitet sich aus dem Namen der ehemaligen Kreisstadt ab. Zum 25. Mai 2008 gab die Stadt ihre Amtsfreiheit auf.“

Besondere touristische Attraktion ist der Meldorfer Dom im Zentrum der Stadt. Der Dom ist im Stil der Backsteingotik erbaut. Klug waren die Dithmarscher schon damals. Kirchen baut man nicht ins Watt. Und so bauten die Meldorfer um 800 ihr erste Kirche auf einem Geestrücken. Eine Sanddüne an der Westküste gab die genügende Höhe und damit Schutz und Sicherheit vor Sturmfluten. Ein Kirchlein am Meer zu Zeiten Karls des Großen ist also die Keimzelle von Meldorf. Der Bau war für die Stadtgeschichte wichtig. Denn ohne Kirche gab’s damals keine Stadt. Meldorf war fast 400 Jahre lang in der Gegend der einzige Ort mit einer Kirche. Damit auch einer der wichtigsten Orte der christlichen Bildung und Kultur im Norden mit entsprechenden Entwicklungsmöglichkeiten. Als dann die Kirche zu klein wurde, gingen Dombau und Stadtentwicklung Hand in Hand. Seinetwegen siedelten Handwerker und Kaufleute, brachten Geld und Wissen und Menschen mit. 50 Jahre werkelte man an dem Sakralbau. Neben der Kirche in Ribe (Dänemark) das bedeutendste Bauwerk der Backsteingotik an der Westküste. Mit dem Dom und der Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1265 wurde Meldorf zu einem bedeutenden Zentrum in der Region. Neben dem Dom besitzt die Stadt auch mehrere Museen: das Dithmarscher Landesmuseum, das Dithmarscher Bauernhaus, die Museumsweberei und das Schleswig-Holsteinische Landwirtschaftsmuseum, das in ein Zukunftshaus für nachhaltige Entwicklung umgewidmet werden soll.

Eine letzte Funktion des Doms soll an dieser Stelle nicht vergessen werden: Er war auch ein Seezeichen. Meldorf war vor einigen hundert Jahren eine Küstenstadt. Reste eines alten Deiches konnten entlang der Marnerstraße gefunden werden, und wo die Nordsee einst an der Küste genagt hat, ist noch ein steil abfallender Hang zu sehen. Die Seefahrt findet in dieser Zeit ,,auf Sicht" statt, Navigationsgeräte sind noch nicht entwickelt worden. Und so ist der Dom eine wichtige Landmarke zur Orientierung. Dabei ist seine Gestalt bis zum Turmbrand 1866 sehr viel gedrungener und der Turm erreichte damals bei weitem nicht die stolze Höhe von heute.

Morgen, Mittwoch, laufen wir wieder den Heimathafen in Steden an. Der Meteorologe im Fernsehen verspricht für die nächsten Tage das nächste Tief. Bei solch einem Sauwetter müssen wir uns nicht in Schleswig-Holstein rumtreiben. Da ist's Zuhause gemütlicher.