Nach Kaffee und Brötchen - Ingrid mit Marmelade und ich wie immer mit Wurst und Käse (man gönnt sich ja sonst nix) - geht’s los. 500 Meter Straße sind zu überwinden, um zur Haltestelle zu kommen. Das ist bald geschafft. Wir haben sogar noch zehn Minuten Luft bis zur Busankunft. Dann trifft ein altes Ehepaar ein. Wir kommen ins Gespräch. Über dies und das und jenes. Die beiden campen hier seit Jahren, sind über viele Wochen auf dem Platz und kennen sich aus. Es wird 10.53 Uhr und 11 Uhr. Kein Bus lässt sich sehen.

„Wir geben noch zehn Minuten drauf“, sagt der alte Camper, ,,wenn er dann nicht kommt, dann streiken die Busfahrer wieder einmal.“ Es wird zehn nach elf und viertel nach. Doch es tut sich nix. Ingrid und ich gehen langsamen Schritts zurück zum Platz. Falls er doch noch kommt, wollen wir ihn ja noch erwischen. Aber es tut sich weiterhin nix. Unser alter Camper kommt uns bereits mit seinem Pkw entgegen. Er ist in Richtung Ortsteil Bad unterwegs. „Ich würde euch ja mitnehmen, aber bei mir hinten liegt alles voller Kleidung.“ ,,Macht nix“, entgegne ich, ,,wir nehmen ein Taxi.“ Bei der Platzwartin die Rufnummer fragen geht ruckzuck.

Beinahe ruckzuck kommt auch das Taxi und karrt uns für zehn Euro bis zum Aufgang der Seebrücke und Eingang der Promenade. Die stellt sich allerdings als Einkaufsmeile heraus. Unter anderem mit einem Geschäft für Spiele und Spielsachen. Jedem Lütten würde beim Betreten das Herz aufgehen. Ingrid geht das Portemonnaie auf. Sie ersteht für ein paar Euro ,,The Tricky Game of dice“ for 2 or more players. Das stellt sich als verflixtes Würfelspiel heraus, bei dem ich dann mitmachen muss. Weil ja two players (or more) erforderlich sind. Zuhause ginge das auch mit unserer Vivien, unserem Enkelkind. Das aber haben wir nun nicht dabei. Nach dieser Investition geht’s aber Richtung Seebrücke. Hinaus zum Sand, hinaus zum Wasser, zu Wind und Wellen. Und zur einladenden Gaststätte auf rund vier Meter hohen Pfählen. Nach soviel Natur, nach jeder Menge Aussicht unten auf der Sandbank im Erdgeschoss gönnen wir uns nun Aussicht vom ersten Stock. Mit Cappucino und einem Glas Bier. Das Leben kann schön sein.

Die Stunden vergehen wie im Fluge. Der Nachmittag kommt schneller als gedacht. Am blauem Himmel ziehen Wolken auf und wir den Kragen höher. 1095 Meter Seebrücke legen wir mit einer Pause auf einer der vielen Bänke zurück. Gönnen uns ein Mittagessen beim Italiener. Nicht Pizza, sondern Matjes. Eine leckere Platte zu einem vernünftigen Preis, geht’s mir durch den Kopf, als ich an die Preisgestaltung der Gaststätte am Ende der Seebrücke denke. Dann tritt das Handy in Aktion, holt die Taxe herbei. Diesmal müssen wir leider fast eine halbe Stunde warten, bis sie uns zum Stellplatz zurückbringt. Der „Laden“ brummt zwar nicht mehr wie im Juli/August, aber der Fahrer hat immer noch gut zu tun. „Hier ist das ganze Jahr etwas los“, beantwortet er meine Frage, wann die Saison zu Ende ist. Für uns ist sie in St. Peter-Ording auf jeden Fall morgen zu Ende. Dann geht’s nach Tönning. Dort waren wir zwar auch schon ein paar Mal, das macht aber nichts. Tönning ist immer eine Reise wert. Am Sonnabend und Sonntag ist dort Antikmarkt. Den wollen wir besuchen. Und meiner Lunge geht’s in diesen Tagen durch meinen mobilen Sauerstoffkonzentrator gut. Sehr gut sogar. Ich komme sogar stundenweise ohne Sauerstoffgerät aus, wenn ich nur morgens und abends meine Pülverchen inhaliere. Den Notfallspray (in der Rehaklinik hieß es „Bedarfsspray“) habe ich zwar für den Fall der Fälle immer in der Tasche, aber seit vielen Wochen nicht mehr benötigt. Ich stelle also noch einmal fest: ,,Das Leben ist schön."

Die Geschichte vom Pharisäer

Was wäre Schleswig-Holstein, was wären die Nordfriesen ohne ihren Pharisäer. Das wäre wie Rom ohne Papst oder Paris ohne Eifelturm. Die Einwohner von Nordstrand sagen zwar, es sei ihre Erfindung, doch die Bekanntheit dieser Spezialität ist seit Jahren, ja seit Jahrzehnten längst über die Grenzen von Nordstrand hinausgewachsen. Das ,,Heißgetränk" gibt's schon, wenn man die Stadtgrenzen Hamburgs verlässt bis hin an die dänische Grenze.

Entstanden ist der Pharisäer der Überlieferung nach im 19. Jahrhundert auf Nordstrand (behaupten die Nordstrander). Wenn Friesen feierten - und nicht nur dann - gab's Alkohol. Bei Geburtstagen, Hochzeiten, Kindstaufen, zu Weihnachten und Ostern. Gelegenheiten gab's genug. Zu jener Zeit amtierte dort der besonders asketische Pastor Georg Bleyer. Bei den Friesen war es Brauch, in seiner Gegenwart keinen Alkohol zu trinken. Das fiel natürlich schwer. Bei der Taufe des sechsten oder siebten Kindes des Bauern Peter Johannsen bedienten sie sich deshalb einer List. Bereiteten das Mischgetränk zum ersten Male zu. Die Sahnehaube auf dem heißen Kaffee verhinderte, dass der Rum seinen Duft aus der Tasse heraus verströmen konnte. Der Pastor erhielt bei dieser Kindstaufe stets einen ,,normalen" Kaffee mit Sahne. Ob er aufgrund der immer heiterer werdenden Stimmung misstrauisch wurde oder ob er aus Versehen zum Pharisäer statt zur ,,normalen" Kaffeetasse griff, ist nicht überliefert. Berühmt geworden aber ist sein spontaner Spruch, als er den ersten Schluck dieses Getränks probierte: ,,Oh, ihr Pharisäer!" soll er ausgerufen haben. Damit hatte das Nationalgetränk im Land zwischen Nord- und Ostsee nicht nur seine Geschichte, sondern auch seinen Namen.

Auf nach Tönning

Nach ausgiebigem Frühstück machen wir den Troll am Freitagmorgen reisefertig. Ich verabschiede mich von Frau Sass, der netten, überaus freundlichen Stellplatz-Inhaberin. Verab-schiede mich von einem Platz, der es an nichts fehlen lässt. Hervorragend gestaltet, mit großzügig geschnittenen Parzellen für die Wohnmobile, mit einem Schotteruntergrund, der bei jedem Wetter zu befahren ist. Verabschiede mich von Sanitäreinrichtungen, die nichts zu wünschen übrig lassen. Verabschiede mich von einem erstklassigen Service, von dem sich mancher Stellplatzbetreiber eine Scheibe abschneiden könnte. Dann geht’s Richtung Tönning. Zum Wohnmobilplatz Eiderblick und Kapitänshaus. Es sind nur etwas mehr als zwanzig Kilometer. Bei dem immer noch blauem Himmel ein Klacks und in einer guten halben Stunde zu schaffen. Wir wollen noch vor Mittag ankommen, denn am Sonnabend und Sonntag ist Antikmarkt im Packhaus am Hafen. Und wenn das Wetter so bleibt – und damit ist zu rechnen – wird spätestens am Freitagabend kaum noch ein freies Plätzchen zu finden sein, auf dem sich der Troll ausruhen kann.

In Tönning biegen wir ab in die Straße Strandweg. ,,Am Strandweg“ wie uns der Stellplatztipp im Promobil weismachen will, gibt es nicht. Doch auch im Strandweg sind wir verkehrt. Müssen eine Straße zurück, erklärt uns eine hilfsbereite Tönningerin. Am Freizeitpark ist die richtige Adresse. Dort gibt’s den Campingplatz der Familie Simon. Die betreibt auch die beiden Stellplätze Eiderblick und Kapitänshaus. Nach dem Bezahlen (für zwei Tage) steuere ich den Troll zum Letzteren. Direkt an der Eider mit weitem Blick über Schlick und Wasser bis hin zur Klappbrücke, über die unablässig der Verkehr rollt. Erst gegen Abend kommt die Flut. Leider müssen wir hier auf einen Sonnenuntergang verzichten. Das Tagesgestirn verschwindet hinter dem Häusermeer und nicht wie in St. Peter-Ording in weiter Ferne hinter Deich und grünen Wiesen.