Nach Stromanschluss und Erkunden der Serviceeinrichtungen machen wir uns auf die Socken. Ingrid und ich, Calle natürlich auf die Pfoten. Erkunden die Stadt, die wir ja bereits aus zwei Besuchen kennen. Ich will eigentlich auf direktem Weg zum Hafen. Das klappt allerdings nicht. Im weitem Bogen und erheblichen Umweg landen wir am Marktplatz. Gönnen uns kurz vor zwölf einen Cappucino. Dann hechte ich – so schnell ich kann – zur Stadtinfo, um Material über ,,Land und Leute“ zu ergattern. Beim vorigen Besuch hatte die Dame hinter dem Tresen gerade ihre Mittagspause und ich das Nachsehen. Das will ich diesmal vermeiden. Ich habe Glück. Die Tür ist noch offen und die Angestellte hinter dem Tresen noch ansprechbar. Dann geht’s los.

Diesmal wirklich Richtung Hafen. Durch eine Stöpe, einen Durchlass, kommen wir ans Ziel. Und wie so oft, wenn wir ans Wasser kommen, das den Gezeiten unterliegt, ist das Wasser weg. Die Schiffe liegen auf Schlick. Doch das ändert nichts daran, dass der Hafen in seiner Geschichte für die Stadt und für die ganze Landschaft große Bedeutung hatte. 1613 in seiner heutigen Form ausgegraben, war er Anlegestelle für Schiffe, die die landwirtschaftlichen Produkte Tönnings und seiner Umgebung bis Hamburg und weit darüber hinaus exportierten. Seine Blütezeit erreichte er mit der Inbetriebnahme des Eiderkanals 1784. Während der Elbblockade Napoleons (1803-1807) und Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Umschlag von Steinkohle und Vieh aus bzw. nach England sowie mit der Gründung der Tönninger Dampfschiff-fahrtsgesellschaft (1871) erlebte der Hafen seinen Höhepunkt. Für einige Zeit wurde hier, da Tönning auf neutralem, dänischen Gebiet lag, sogar mit Kaffee, Kakao, Tabak, Tee und Zucker gehandelt. Nachdem Napoleon besiegt war und die Schiffe wieder Hamburg anlaufen konnten, wurde Tönning als Hafen uninteressant.

Bis heute aber ist die ursprüngliche Form erhalten, auch wenn die wirtschaftliche Bedeutung weitgehend verlorengegangen ist. Heimat ist er nur noch für Krabbenfischerkutter, die Dienstschiffe des Wasser- und Schifffahrtsamtes und für die Sportboote. Erhalten geblieben ist auch das große Packhaus von 1783, aus den Jahren, als im Hafen noch reges Leben und Treiben herrschte. Der ehemalige Speicher erinnert an die Zeiten, als Tönning noch der westliche Ausgangspunkt zwischen Nord- und Ostsee war. 77 Meter lang, 13 Meter breit mit drei Voll- und zwei Dachgeschossen bot es eine Lagerfläche von 4.000 Quadratmetern. In den Geschossen wurden die Waren mit Aufzügen und Laufkränen bewegt.

Wichtiger Verkehrsknotenpunkt mit dem 1784 fertiggestellten Schleswig-Holsteinischen Kanal von der Kieler Förde nach Rendsburg. Von Tönning wurden Waren aus der Region wie Getreide und Käse in alle Welt verschifft. Im 17. Jahrhundert passierten zum Beispiel jährlich 60.000 Pfund Weizen den Hafen. Heute ist der Bau das Domizil der ,,Gesellschaft für Tönninger Stadtgeschichte“ und ihrer Ausstellung. Zur Weihnachtszeit verwandelt sich das große Gemäuer in den längsten Weihnachtskalender der Welt. Seit 1997 sogar als Wahrzeichen Tönnings im Guinessbuch der Rekorde erfasst.

Auf dem Marktplatz grüße ich den Anfang des 17. Jahrhunderts erbauten Brunnen, den ich vor ein paar Jahren im Ostereierschmuck fotografierte. Reich mit verziertem Sandstein eingefasst und mit schmiedeeisernem Bogen versehen. Vor einigen Jahrzehnten diente er noch der Wasserversorgung, bevor er zum Springbrunnen wurde. Der Marktplatz selbst wurde 1595 zum ersten Mal gepflastert. 1616 mit der Erde, die beim Bau des Hafens anfiel erhöht und ein zweites Mal gepflastert.

Den Marktplatz und die angrenzenden Häuser überragt die St.-Laurentius-Kirche. Ihren Namen hat sie nach dem christlichen Märtyrer Laurentius, der 158 in Rom vom Leben zum Tode gebracht wurde. Die Legende erzählt, er habe als Diakon die Wertsachen der Kirche unter den Armen verteilt. Dem Kaiser, der sich die Schätze der Kirche unter den Nagel reißen wollte, habe er die Armen als ,,Schätze“ der Kirche vorgeführt. Der genarrte Monarch glühte vor Wut. Auf einem glühenden Rost hauchte daraufhin Laurentius sein Leben aus. Die mächtige Kirche fällt schon von Weitem durch ihren massiven Westturm mit der steil emporgereckten Barockhaube auf. Dieser Turm, 62 Meter hoch, war der höchste im ehemaligen Herzogtum Schleswig.

Für uns immer wieder ein Augenschmaus ist das ,,Skipperhuset“ gegenüber dem Packhaus am Hafen mit seinem Glockenturm. Einst Sitz einer Seefahrtsschule, heute eine Jugendherberge für die dänische Minderheit. ,,Skipperhuset“ heißt das Gebäude. Das ist Dänisch. Denn im Land der roten Fahne mit dem weißen Kreuz wird der bestimmte Artikel nicht vor das Wort gesetzt, sondern ganz einfach an das Wort angehängt. So kann man ,,et Skipperhus“ – ein Schifferhaus besuchen oder ,,Skipperhuset“ – das Schifferhaus. Wer aufmerksam und mit offenen Augen und Ohren durch Tönning geht, wird auf viele solcher ,,dänischen“ Spuren stoßen. Wenn wir zum Beispiel den ,,Rømøvej“ entlang gehen oder den IF-Tönnings beim Fußballspielen zusehen. Denn IF steht für ,,Idrætsforening“ und heißt auf Deutsch ,,Sportverein“.

Auf unserem Weg am Hafen entlang sehen wir auch einen Segler, einen Zweimaster, um genau zu sein, der auf der Tönninger Holzschiffswerft gebaut wurde. Seit 1740 existent und seit 1910 in Besitz der Familie Dawartz. Sie ist bekannt für alte Handwerkskunst, auch wenn heute nicht mehr viel zu tun bleibt. Kunststoff als Material für den Bootsrumpf hat Holz eben abgelöst. Das wohl größte auf dieser ehemals florierenden Werft gebaute Schiff war der Dreimastschoner ,,Greif“, fast 40 Meter lang und mit 300 Bruttoregistertonnen. Heute möchte ein Verein diese historische Holzschiffswerft erhalten und plant Bildungsangebote, Initiativen und Projekte auf dem Gelände und in der Halle.

Historische Ansicht des Tönninger Hafens.
Historische Ansicht des Tönninger Hafens.

Ohne Eider aber gäbe es keinen Hafen, keine Holzschiffswerft und wahrscheinlich auch kein Tönning. Einst mit rund 200 Kilometern Länge der bedeutendste Fluss in Schleswig-Holstein. Die Eider kann von Schiffen bis zu einer Länge von 65 Metern, einer Breite von neun Metern und einem Tiefgang von 2,5 Metern befahren werden. Durch den Bau des Nord-Ostsee-Kanals wurde sie von rund 1.200 Quadratkilometern Einzugsgebiet abgeschnitten. Eine erneute Bedeutung erlangte die Eider durch den Bau des Eidersperrwerkes 1973, das durch die Hamburg-Sturmflut 1962 erforderlich wurde, die auch in Tönning großen Schaden anrichtete. Ein 4,8 Kilometer langer Damm schottet nun das Hinterland von der Nordsee ab. Fünf je 40 Meter breite Siele sowie eine 14 Meter breite und 75 Meter lange Schifffahrtsschleuse mit fünf Stemmtoren schützen das Eidermündungsgebiet vor Überflutungen. Durch das Sielbauwerk des Sperrwerks fließen 2,1 Milliarden Liter Wasser, wenn in dem zu entwässernden Hinterland ein Millimeter Niederschlag fällt. Durch den Bau des Sperrwerkes entstand das Kattinger Watt. Auf der anderen Flussseite wurde 1989 das Naturschutzgebiet Dithmarscher Eiderwatt geschaffen, um den Verlust an Salzwiesen durch den Sperrwerksbau teilweise auszugleichen. Es entstand eine neue Eiderlandschaft mit Vogelschutzgebiet und Erholungswald sowie landwirtschaftlichen Nutzflächen.

Das Randgebiet des Hafens beherrschen heute keine Handelshäuser mehr, keine umtriebigen Geschäftsleute, keine Skipper und keine Matrosen. Hier finden wir wie vor Monaten und Jahren gemütliche Wohnhäuser und gemütliche Lokale. In einem von ihnen - mit langer Tradition – bestelle ich keinen Fisch, sondern Schnitzel mit Pommes. Aber Fisch gibt’s dort natürlich auch. In vielen Variationen. Doch den haben wir in Büsum und in St. Peter-Ording ja ausreichend gehabt. Danach geht’s zum Bummel am Hafen entlang bis zum Ende. Dann zurück zum Troll. Mir werden allmählich die Füße rund und der Rücken feucht. Es wird Zeit, die Beine auszustrecken und „fünfe gerade sein“ zu lassen. Als die Dämmerung und mit ihr die herbstliche Kühle kommt, geht für uns ein schöner und sonniger Herbsttag zu Ende.