Richtig herbstlich ist es, als wir am Sonnabendmorgen aus dem Troll gucken. Nebel über dem Platz und über der Eider. Die Sicht nur gute hundert Meter weit. Ein Windhauch treibt Schwaden des feuchtkalten Nass vor sich her. Es heißt im Gegensatz zu gestern heute die dicke Jacke aus dem Kleiderschrank zu holen, den Kragen hoch zu schlagen und auch die licht gewordenen Haare auf dem Schädel zu bedecken. Statt wie an den Tagen zuvor bereits gegen halb neun die Umgebung zu erkunden, halten wir uns heute zurück. Vor halb elf treibt es uns nicht ins Freie. Auf jeden Fall müssen wir noch vor Ladenschluss in der Mittagszeit den Supermarkt am Marktplatz anlaufen. Uns sind die Kekse ausgegangen. Schnell, viel zu schnell schwindet der Inhalt der Dose im Schapp über dem Tisch. Dabei taucht dann immer die Frage auf, ob wir vielleicht heimliche Mitesser haben. Zwerge oder Feen, die sich in der Nacht über unseren Vorrat an „Affenkeksen“ hermachen. Erwischen konnte ich bisher von diesen Keksdieben noch keinen, obwohl ich immer wieder einmal nachts aufstehen muss, weil mich die Blase drückt.

An diesem erst nebligem und später sonnigen klarem Herbsttag, wartet Tönning mit einer Überraschung auf uns. Wir haben uns vorgenommen, unsere inzwischen leere Keksdose wieder aufzufüllen. Und weil ja heute Sonnabend ist, müssen wir uns beeilen. Wir beeilen uns also. Bummeln zügig in Richtung Innenstadt, in Richtung Marktplatz, wo wir den Edekaladen schon von Weitem ausmachen können. Doch hinter den Scheiben ist es dunkel. Beim Näherkommen sehen wir, dass die Eingangstür mit einer Schraubzwinge (siehe Foto oben) verriegelt ist. Öffnungszeiten sonnabends von 8 bis 16 Uhr. Aber nichts ist offen. Wegen Reichtums geschlossen? Ich spreche ein vorübergehendes junges Ehepaar an. „Heute ist doch der 3. Oktober, der Tag der deutschen Einheit. Ein gesetzlicher Feiertag. Daher sind alle Geschäfte geschlossen.“

Auf Plattdeutsch denke ich „so’n Schiet.“ Doch ein paar Meter weiter hat der Bäcker offen. So ersteht meine Ingrid statt der preisgünstigen Kekse als „Notlösung“ sozusagen eine Tüte voller Baise. Von preiswert kann da allerdings keine Rede mehr sein. Eigentlich wollen wir auch ein paar Brötchen mit zum Troll mitnehmen. Am Tresen liegen noch vier Stück. Als Ingrid die erwerben will, kommt das Stopp von der Verkäuferin. „Die sind bereits vergeben und mehr haben wir nicht.“ Doch nicht alle Ladenbesitzer machen die von oben angeordnete Feiertagsruhe mit. Wie zum Beispiel ein Schuhladen ein paar Straßen weiter. Und am Wasser- und Schifffahrtsamt ist sogar die Fahne auf halbmast gesetzt (siehe Foto untere Reihe der Bildleiste).

Noch immer weht ein kalter Hauch über Hafen und Straße. Ist die Luft diesig, und es riecht nach Herbst. Wir gönnen uns daher etwas Heißes. Ingrid Schokolade mit Kokosmilch und Sahne, ich einem Pharisäer, also Kaffee mit einem Schuss Rum und obendrauf ein Sahne-häubchen. Statt des geplanten Mittagessens aus der Dose bestelle ich danach im Fischgeschäft eine Portion Pommes mit einem XL-Schnitzel. Für das Abendessen im Troll eine große Tüte Krabben. Dazu drei Brötchen. Und oh Wunder, der Bäcker hatte keine am Tag der deutschen Einheit, das Fischgeschäft aber hatte welche. Und ziemlich frische sogar, keine aufgebackenen.

Dann geht’s zurück zum Troll. Inzwischen hat es aufgeklart. Das Tagesgestirn steht an einem wolkenlosen Himmel und wir lassen es uns für den Rest des Tages gut gehen. Morgen wollen wir weiterziehen. Nach Friedrichstadt, dem sogenannten Holländerstädtchen. Ich habe schon einmal darüber berichtet und war damals leicht enttäuscht. Echte Holländerstädtchen sehen anders aus. Friedrichstadt ist zwar von Holländern gegründet aber eben nur eine Kopie einer echten Holländerstadt, wenn man vom Marktplatz und den angrenzenden Straßen einmal absieht.

Friedrichstadt Am Vormittag geht’s in aller Ruhe los. Nach Kassette- und Grauwasserentsorgen. Zum neuen Stellplatz am Halbmond. Unterwegs muss ich sicherheitshalber den Luftdruck im linken Vorderreifen kontrollieren. Der hatte in der Standzeit von Juni bis Ende September fast drei Bar verloren. Da die Reifen neu sind, ist entweder dass Ventil nicht in Ordnung oder die Reifenfachfirma in Osterholz-Scharmbeck hat beim Einbau Mist gebaut. Also steuere ich noch in Tönning die erste und einzige Tankstelle an. Tanke, weil’s ja passt auch gleich voll und prüfe dann den Luftdruck. Leider geht das Messgerät nur bis 4 Bar. Ich aber benötige 5,5. Ingrid fragt am Tresen nach und erhält eine mobile Kiste mit über 5 Bar. Leider zeigt die nur vier Bar an, also 1,5 zu wenig. Luft zum Aufpumpen gibt sie auch nicht her. Muss ich es bei der nächsten Tankstelle also noch einmal versuchen. Und im „Tran“, völlig in Gedanken versunken passiert mir etwas, was noch nie passiert ist. Ich schütte statt Diesel Super in den Tank. Rund zwanzig Prozent der Füllung bestehen jetzt aus Benzin statt aus Diesel. „Nun gut“, geht’s mir durch den Kopf, ,,fahre ich eben mit ‚Winterdiesel’, der verdünnten Mischung an kalten Frosttagen.“

Stellplatz am Halbmond
Stellplatz am Halbmond

Unterwegs kommen mir jedoch Bedenken. Macht die Kraftstoffpumpe das mit, und wie sieht es mit den Einspritzdüsen aus? Ohne Probleme und ohne Murren der Maschine laufen wir den Stellplatz in Friedrichstadt an.

Dann greife ich zum Handy und wähle den ADAC. Der verspricht mir, eine Werkstatt zu benachrichtigen. Die meldet sich auch eine halbe Stunde später und will meinen Troll am nächsten Morgen um acht in eine Werkstatt schleppen. „Heute am Sonntag arbeitet ohnehin keiner.“ Der Fachmann am anderen Ende der Leitung vermutet, dass es mit meiner 20-prozentigen Mischung aus Benzin und Diesel zwar noch einmal gut gehen könnte, doch sicher ist sicher. Also Abpumpen. 90 Liter Kraftstoff zum Teufel, dazu die Kosten des Entsorgens und die Kosten für die neue Füllung mit reinem Diesel. Aber was hilft’s. So kann man sich den Tag versauen, obwohl vom blauem Himmel wieder einmal die Sonne Stadt und Landschaft, Menschen und Fahrzeuge in warmes, mildes Herbstlicht taucht. Dass bis in den Abend keine tolle Stimmung aufkommt, liegt auf der Hand. Und auch, dass ich zumindest in dieser Nacht keine echte Ruhe finden kann.

Weil die Uhr aber erst kurz vor zwölf ist, geht’s mit Calle und gedrückter Stimmung in die Stadt, die einst von den Holländern gegründet wurde. Einmal durch die Einkaufsmeile, einmal rund um den Marktplatz und im großen Bogen zurück zum Troll. Der Tag klingt aus, als die Sonne hinter dem Horizont verschwindet und ich endlich begriffen habe, dass auf diesem Platz für alles und jedes die Karte benötigt wird, die der ankommende Wohnmobilfahrer vor dem Passieren der Einfahrtsschranke lösen muss. Sie muss aufgeladen werden, um die Stromkosten (60 Cent für eine Kilowattstunde) zu begleichen. Und der Stromnutzer muss sich nach Abziehen der Leitung wieder abmelden.

Die Karte wird benötigt, um Toilette und Dusche zu öffnen, um Müll zu entsorgen und um am Ende den Platz wieder zu verlassen. Jeder Vorgang wird erfasst und ein Betrag abgebucht. Wenn dann die gezahlte ,,Kohle“ verbraucht ist, muss neu geladen bzw. nachgezahlt werden.

Friedrichstadt, im Dreieck der Eiderstedt, Stapelholm und Dithmarschen gelegen wurde 1621 von Herzog Friedrich III. von Schleswig-Gottorf vier Meter über dem Meeresspiegel gegründet. Holländische Remonstranten erbauten die Stadt. So, wie sie es von Zuhause kannten. Friedrich III. hatte die Idee, zwischen Treene und Eider eine holländische Siedlung zu gründen. Er hoffte, mit der Erfahrung der Niederländer eine große und bedeutende Handelsstadt zu errichten. Nicht zuletzt aus diesem Grund, gab er den Siedlern großzügige Privilegien und sicherte ihnen Religionsfreiheit zu. Pech für ihn, dass sich sein Traum von Größe und Handel nicht erfüllten. In Erfüllung ging dagegen die religiöse Toleranz. Sieben Religionsgemeinschaften existierten hier früher ohne Glaubenskämpfe nebeneinander.