Die evangelische Kirche
Die evangelische Kirche

Die Kirchen der Lutheraner, Katholiken, Mennoniten, Juden und Remonstranten stehen heute noch symbolisch für eine ,,Stadt der religiösen Toleranz“. Zwei von den Holländern angelegte Grachten durchziehen die Stadt. Der Mittelburggraben und der Fürstenburggraben. Zwar spricht die Eigenwerbung von einem Amsterdamer Flair, doch das ist weit her geholt. Die beiden anderen Wasserwege bestehen aus dem Wester-Sielzug mit dem Neuen Hafen und dem Oster-Sielzug. Beide führen von der Treene in die Eider, haben also nichts mit den typischen Grachten gemein, wie ich sie aus den Niederlanden kenne.

Niederländisch muten vor allem die Häuser mit ihren Treppengiebeln rund um den Marktplatz an. Dazu die Gebäude in den kleinen Straßen. Anders als jedoch in den Niederlanden versperren hier Gardinen den Blick ins Innere der Stuben hinter den kleinen Fenstern. Überall jedoch finde ich Brücken, Häuser mit sehenswerten Türen und Fenstern, Ornamenten und Masken, Engelköpfen und Hausmarken. Letztere dienten in früheren Zeiten als Hausnummern. Häuser, die aus kleinen roten Backsteinen, den ,,Moppen“ gebaut wurden. Sie alle sind Zeugnis einer alten Handwerkskultur. Das erste Haus von Friedrichstadt wurde von Willem van den Hoven am Fürstenburgwall errichtet. Noch heute erinnert eine Gedenktafel mit der Inschrift ,,Haltet Stand in der Freiheit“ an den 24. September 1621. Dieser Tag war der Tag der Grundsteinlegung für die Stadt.

Seit 1968 ist Friedrichstadt anerkannter Erholungsort. Neben dem Tourismus sichern die Mühlenbetriebe und ein kleiner tidefreier Hafen das Einkommen der Bewohner. Seit 1956 ist die Stadt durch den Bau von Schifffahrts- und Entwässerungsschleusen für Schiffe bis zu 300 Bruttoregistertonnen erreichbar. Nach Friedrichstadt führen auch der Giselaukanal, die Eider und der Nord-Ostsee-Kanal. Auffallend in den Straßen sind die alten Linden; die in der Regel dicht an den Wasserläufen stehen und die Rosenstöcke im Pflaster vor den Häusern. Wie oft habe ich versucht, in unserem Garten und nicht im Pflaster Rosen zu ziehen. Erst litten sie sichtbar Not, dann sind sie mir in der Regel eingegangen. Weiß der Teufel warum. 1982 wurde in Friedrichstadt eine moderne Fußgängerzone gebaut, so steht’s im Stadtführer. Die habe ich gesucht und nicht gefunden. Was ich gefunden habe, war eine verkehrsberuhigte Straße, in der man sich aber immer wieder vor einer Blechkarosse in Sicherheit bringen musste.

Ein Augenschmaus der besonderen Art ist allerdings der Marktplatz. Umringt von prächtigen Gebäuden, mit der alten Steinbrücke, den Linden und mit der Marktpumpe samt Brunnenhäuschen. 1879 wurde es vom Architekten Heinrich Rohardt gebaut. An zwei Seiten noch mit dicken Eisenstangen versehen, an denen früher die Tiere angebunden wurden, die auf dem Pferde- und Viehmarkt zum Verkauf standen. Heute gibt es keine Viehmärkte mehr. Dafür aber Veranstaltungen wie das Lampionfest, die Tage der „Rosenträume“, Floh- und Krammärkte, die ,,Kulturnacht“ im August, ,,Herbstzauber“ im September und das „Tischlein deck dich“ mit öffentlichem Picknick vor historischer Kulisse. An der Südseite des Platzes steht das Rathaus von 1910. Nicht weit davon das Friedrichstädter Kaffee-Kontor. Hier werden neben Kaffee, der ,,Friedrichstädter Mischung“, auch Teespezialitäten, Spirituosen, Dekorationen, Antiquitäten und Bücher gehandelt.

Einen Wecker benötige ich nicht, um am nächsten Morgen rechtzeitig aus den Federn zu kommen. Na gut, im Troll decke ich mich nicht Federn, sondern mit einer Schafwolldecke zu. Die wärmt genauso gut, ist aber ein bisschen schwerer als das Kleid der Gänse. Also: In der Nacht wache ich immer wieder auf, um ja die Zeit nicht zu verpassen. Mache das Licht am Kopfende des Bettes an, um die Zeiger der Armbanduhr zu erkennen. Lege mich wieder hin, schlafe aber nicht richtig ein. Endlich ist es sechs, dann halb sieben. Zwar nicht höchste Zeit; aber gute Zeit, um sich startfertig zu machen. Genaugenommen noch viel zu früh. Erst um acht, will der Abschlepper da sein. Wir drei – Ingrid, Calle und ich – hängen nach einer Tasse Kaffee noch über eine halbe Stunde ab. Dann ist es endlich soweit.

Nun geht's ab in die Werkstatt. Der ADAC-Helfer im Einsatz.
Nun geht's ab in die Werkstatt. Der ADAC-Helfer im Einsatz.

Es geht los. Der Fahrer im blauen Dress schiebt unserem Troll eine Abschleppbrille unter die Vorderräder. Dann liftet er ihn an. So um die dreißig Zentimeter über den Boden. Runter vom Platz in Friedrichstadt und los Richtung Weddingstedt. Dort gibt’s eine Fiat-Werkstatt. Die kennen sich aus. Nach einer Fahrt von rund zwanzig Minuten kommen wir an. Dann geht das Warten los. Die Werkstatt ist besetzt. Fast eine Stunde wandern wir auf dem großen Platz vor der Halle auf und ab. Aber dann sind wir an der Reihe. Drei Mann schieben hinten. Ich darf vorne lenken. Was dann kommt, ist für einen Gesellen und einen Lehrling über eine Stunde Arbeit. Einfach einen Schlauch in die Tanköffnung und raussaugen geht nicht. Da sitzt eine Klappe, die dies unmöglich macht. Der Boden vor dem Fahrersitz wird aufgeschraubt, Ölfilter entnommen und ein Schlauch für die Pumpe angesetzt. Die treibt eine schlichte Bohrmaschine an. Langsam, ganz langsam füllt sich eine mittelgroße Tonne mit meinem Diesel-Benzin-Gemisch. Als die voll ist, reicht es noch für einen halbvollen Kanister. Dann ist der Tank trocken. Fast. Den Rest besorgen die beiden Mechaniker mit Papierrollen, die große Ähnlichkeit mit ,,Wisch-und-weg“ aus Ingrids Küchenbestand haben. Nur dass sie blau und nicht weiß sind. Dazu wird der ausgebaute Kraftstofffilter ausgewechselt, der Behälter, in dem er steckt, ausgeputzt und alles wieder eingebaut. Anschließend erhält Troll zwanzig Liter Diesel ohne Superzusatz.

Alles paletti. Wir können wieder fahren. Der ,,Spaß“ kostet mich 320 Euro. Dafür erhalte ich nun einen wieder einsatzfähigen Troll, ohne Gefahr laufen zu müssen, dass Kraftstoffpumpe und Einspritzdüsen den Geist aufgeben. Alles in allem ein teures Vergnügen. Ich könnte mich kräftig im den Hintern treten, ob soviel Dämlichkeit beim Tanken. Aus anatomischen Gründen geht dies leider nicht. Und Ingrid will ich diese Aufgabe nicht übertragen. Der Tritt könnte dann sehr heftig ausfallen.

Grachten waren früher wichtige Transportwege. Heute nur noch Touristenattraktion.
Grachten waren früher wichtige Transportwege. Heute nur noch Touristenattraktion.

Da unser Motor wieder schnurrt, rund läuft und nicht muckt, geht die Reise weiter. Wir fahren zurück zum Platz in Friedrichstadt. Bei strahlend blauem Himmel und Temperaturen, die weit über dem Mittel eines Herbsttages liegen, geht’s noch einmal – ein letztes Mal in diesem Jahr – durch die Fußgängerzone zum Marktplatz. Unterwegs bunkern wir beim Schlachter einen Senfsahnebraten mit Blumenkohl und Salzkartoffeln. Echt lecker und mit fünf Euro pro Nase auch außerordentlich günstig. Den Rest des Nachmittags sitzen wir vorm Troll in der Sonne, bis uns der kühler werdende Abend in unser ,,Wohnzimmer“ im fahrenden Ferienhaus treibt. Zwei Tage Friedrichstadt, das muss reichen. Morgen geht es weiter. In Meldorf gibt’s hinter dem Deich nicht nur einen Stellplatz, sondern im Ort selbst auch einen Dom. Den wollen wir besuchen.