Wo die Nordseewellen trecken an den Strand

Im letzten Herbstmonat genießen wir die (fast) touristenfreie Küste Ostfrieslands

An der Nordsee und speziell in Ostfriesland ist manches anders als anderswo. Östlich von Ostfriesland liegt Friesland - alles klar? Ostfriesland umfasst nach landläufiger Ansicht das Gebiet der ostfriesischen Halbinsel zwischen Ems- und Jademündung mit den vorgelagerten Inseln von Wilhelmshaven im Osten bis zu den Niederlanden im Westen. Genau genommen erstreckt sich jedoch Ostfriesland nur auf das Gebiet ohne den Landkreis Friesland im Ostteil der Halbinsel, ohne die Insel Wangerooge und ohne Wilhelmshaven, umfasst also die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund sowie die kreisfreie Stadt Emden.

Die brettflache Landschaft (höchste Erhebung gerade mal 25 Meter) ist geprägt durch die scheinbar endlose Weite, die grünen Deiche und durch immer größer werdende Windparks. Dazwischen ziehen sich Felder und Wiesen entlang weitläufiger Landstraßen und Fahrradwege hin, die bis zum Horizont reichen. Wer südwärts des Teutoburger Waldes wohnt, hält diesen Landstrich oft für einen Daueraufenthalt, für menschliche Siedlungen ungeeignet. Wie sagte doch der Mann meiner Cousine aus Hessen: ,,Bei euch ist alles so gerade.“ Gemeint hat er „langweilig“, ,,eintönig“, ,,ohne besondere Höhepunkte“. Um uns nicht zu beleidigen, wich er auf ,,gerade“ aus. Ihn und seine Angetraute konnte ich nach vielen Einladungen nur zweimal überzeugen, in der norddeutschen Tiefebene ein paar Tage Urlaub zu machen. Dann hatte er genug  frischen Wind geschnuppert, hatte genug von einem weiten Himmel und Straßen, die man mit den Augen bis zum Horizont verfolgen kann. Genug von Wiesen und Feldern, die sich im Unendlichen verlieren. Hatte genug von einer Landschaft, in der man den Besuch schon morgens sehen kann, der mittags über die Schwelle tritt. Doch der Blick über das flache Land, über das Watt bei Ebbe und die Wellen bei Flut ist einmalig, davon bin ich überzeugt. Meine kaputte Lunge holt hier tief Luft und pumpt hier aerosol- und salzhaltigen Sauerstoff  in sich hinein.

Für andere als meinen Schwippschwager ist Ostfriesland ist ein beliebtes Ferienziel, und das hat seine Gründe. Das weite Land und die Natur der Region bieten jeder Altersgruppe Gelegenheiten für Spiel, Sport und Entdeckung. Die Nordsee ist entlang der Uferregion flach und kinderfreundlich. Das Klima ist gesund und erfrischend. Museen, Schlösser und Veranstaltungen tragen zu einem erlebnisreichen und interessanten Urlaub bei. Na gut, Rentner wie wir haben zwar immer Urlaub – das Gehalt kommt jeden Monat pünktlich aufs Konto –, doch auch Rentner lieben Abwechslung vom täglichen Einerlei. Die meisten jedenfalls. Und wir - Ingrid, Calle und ich – wohnen zwar dort, wo andere Urlaub machen, doch jeden Tag Kaviar wird auf die Dauer langweilig. Da muss auch mal Matjes mit Sahnesauce aufgetischt werden.

Heutzutage sind vor allem für Süddeutsche die eigentümliche Sprache der Ostfriesen sowie der hohe Teekonsum auffallend. Schon beinahe bösartig hat mich die Therapeutin in Bad Lippspringe während meiner Reha im Sommer angemacht, als ich ihr ein freundliches „moin“ nachmittags um drei wünschte. „Moin? Wissen Sie überhaupt wie spät es ist? Ich hab’ gleich Feierabend!“ Fast die Hälfte aller Ostfriesen spricht heute noch das ostfriesische Platt, das vor allem aus niederdeutschen Ausdrücken und niederländischen Einflüssen entstanden ist. Dazu gehört auch das ,, moin“ oder ,,moin moin“. Die landläufige Kurzform für „’n mooien Dag wünsch ik di!“ Übersetzt: ,,Ich wünsche dir einen schönen Tag.“ Wer mit ,,moin moin“ grüßt, gilt jedoch auf den ostfriesischen Inseln als Schwätzer. Dort ist ,,moin“ nur einmal zu hören.

Ein durchschnittlicher Ostfriese verbraucht 2,5 Kilogramm Tee pro Jahr, sagt die Statistik. Dieser Konsum ist insgesamt zehnmal höher als im restlichen Deutschland. Das stimmt aber nicht ganz, denn unser eigener Teeverbrauch im niedersächsischen Steden liegt mindestens genau so hoch, wenn nicht noch ein paar Gramm höher. Die Tee-Zeremonie der Ostfriesen hat - im Gegensatz zu uns - meist ihren festen Platz im Tagesablauf. Der Tee wird nicht getrunken, um den Durst zu löschen, sondern um eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen. Erst wenn alle Tassen mit einem Kluntje bestückt sind, wird der Tee, der mindestens fünf Minuten gezogen haben soll, vorsichtig eingegossen.

Das Knacken des Kandisbrocken zeigt an, dass der Tee heiß genug ist. Die Tasse darf allenfalls halb voll gegossen werden, damit noch eine Spitze des Kluntje herausguckt. Um diesen „Gipfel“ herum wird mit dem „Rohmlepel“ (Sahnelöffel) behutsam eine Sahnewolke angelegt, die sich langsam vom Kluntje zum Tassenrand ausbreitet und versinkt. Den Griff zum Teelöffel, der auf der Untertasse scheinbar zum Umrühren geparkt ist, sollte sich der Gast noch sparen. Den Tee trinkt der Ostfriese weder geschüttelt noch umgerührt. Dreimal darf sich dieses Procedere wiederholen. Dann kommt auch der bisher unberührte Teelöffel zum Einsatz. Diesen schlicht in die Tasse hineingelegt zeigt an, dass man gemäß dem Sprichwort „Dree is Oostfresen Recht“ keine weitere Tasse Tee mehr wünscht (eine mehr darf’s jedoch sein). Wer das beherzigt, dem ist die stille Anerkennung seines Gastgebers gewiss.

Neuharlingersiel Neuharlingersiel ist durch Eindeichung der Harlebucht entstanden und wurde 1693 erst als urkundlich erwähnt, lese ich bei Wikipedia. Anfangs gab es hier zunächst nur ein paar Häuser, bis sich Neuharlingersiel zu einem Hafen- und Sielort entwickelte und das fünf Kilometer entfernte Altharlingersiel in seiner Funktion als Sielort ablöste. (Ein Siel ist ein verschließbarer Gewässerdurchlass. Die ersten Siele bestanden noch ganz aus Holz, 1875 wurden sie durch festes Mauerwerk mit schweren Toren aus Hartholz ersetzt.) Zunächst war Neuharlingersiel Umschlagplatz für Frachtschiffe auf ihrem Weg in skandinavische Länder, dann wurde Hochseefischerei betrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Kutterfischerei eine Blütezeit. Auf dem Höhepunkt (1958) zählte die Neuharlingersieler Kutterflotte 27 Fahrzeuge.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm der Tourismus in den Festlandhäfen – so auch in Neuharlingersiel - zu, teilweise bedingt durch den ebenfalls verstärkten Badebetrieb auf den Inseln. Die erste urkundliche Erwähnung Neuharlingersiels als Badeort stammt aus dem Jahre 1861. Wichtigster Wirtschaftszweig ist heute der Fremdenverkehr. Pro Jahr werden rund 100.000 Badeurlauber und Touristen mit rund 800.000 Übernachtungen gezählt. Offizielle Werbeprospekte gibt es seit 1912. Der Bade- und Verkehrsverein Neuharlingersiel, heute der Kurverein Neuharlingersiel, wurde 1960 gegründet. Der zehn Hektar große Nordseestrand hat einen Sand- (7 ha) sowie einen Grünabschnitt (3 ha) mit insgesamt 550 Strandkörben. Sehenswürdigkeiten: der alte Fischereihafen, das Buddelschiffmuseum, die Ausstellung alter Geräte der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) und die über 200 Jahre alte Seriemer Mühle und auch zwei Skulpturen, Alt- und Jungfischer des Bildhauers Hans-Christian Petersen aus Esens, die im Jahr 2000 im Bereich des Hafens ihren Platz gefunden haben sowie das Traditionsschiff Lulu Meinders, ein ehemaliger Fischkutter von 1963, der seit Mai 2010 seinen Liegeplatz in Neuharlingersiel hat.

Das vor etwa 300 Jahren errichtete Backsteingebäude ,,Am Hafen West 13“ (Gaststätte Dattein) dürfte das älteste noch erhaltene Wohnhaus in Neuharlingersiel sein. Es wurde 2000 umfassend renoviert und zu einer Gaststätte umgebaut.

Hafen Neuharlingersiel Der Hafen ist seit 100 Jahren ,,mooi´n Stuuv" (die gute Stube) von Neuharlingersiel, heißt es in der Eigenwerbung des Seebades. Jeden Sonntagvormittag in der Saison singen hier Shanty-Chöre aus der Region. Sonst sitzt man einfach beim Tee, einem Bier, einem Pharisäer oder dem Spezialgetränk ,,Insulanerblut“ (Wodka auf Lakritz), klönt und guckt, wie geschickt beispielsweise die Kutter im Hafenbeckern einparken. Und wie fix die Krabbenfischer das Deck schrubben, Netze flicken, Maschinen reparieren und Bordwände ausbessern. Höhepunkt im Juli/August ist die Kutterregatta. Auf Hochglanz poliert und mit bunten Fähnchen geschmückt gehen die „Arbeitspferde“ der Krabbenfischer an den Start um das ,,Blaue Band von Neuharlingersiel“. Über vier Kilometer werden aus den Schiffsdieseln die letzten PS herausgeholt. Mitfahrgelegenheit ist möglich. Mit Hund aber unmöglich. Als wir am Hafen sind, gibt’s keine Shantychöre und auch keine Netze flickenden Fischer. Im November ist die Saison vorbei. Die Saison der Touristen und die Saison der Krabbenfischer.