Der zweite Tag Der Wetterbericht verheißt am ersten Abend nichts Gutes. Das Hoch im Osten hat sich verkrümelt. Ein beachtliches Tief rückt vom Westen an. Mit heftigem Wind und Schauern. Zwischendurch – so der Wetterfrosch – soll es immer mal wieder Regenpausen geben. Nur die im Süden der Republik können Novembersonne genießen. Schon während der Acht-Uhr-Nachrichten prasselt es aufs Dach vom Troll. Erhalte ich den ersten Vorgeschmack auf die kommende Nacht. Sturm und Regen wechseln sich ab oder versuchen im Duett, mir die Nachtruhe zu rauben. Es gelingt ihnen zwar nicht, doch ich wache bei den leichten Schaukelbewegungen unseres mobilen Ferienhauses immer wieder auf. Das geht so, bis der Morgen graut. Mit Sonnenschein in Wolkenlöchern, mit einem lauen Lüftchen ohne heftige Böen. Mit einer echten Fernsicht auf Spiekeroog, die nicht durch dichte Nebel- und Regenvorhänge getrübt wird. Der Tag wird entgegen der Schwarzseherei des Meteorologen im Ersten schön. Hoffe ich.

Also machen wir drei uns nach ausgiebigem Frühstück noch einmal auf den Weg ins Dorf. Ingrid hat gestern ein Kapuzenshirt gesehen. Auf alles 30 Prozent, verspricht die Werbung im Laden. Eine Nacht lang überlegt: Kaufen oder nicht kaufen. Nun kommt die Anprobe. Aus dem Kauf wird dann doch nichts. Kapuzenshirt super, doch Ärmel zu lang. Und außerdem auch kein 30-Prozent-Nachlass. Eine kleine Zeile unter den großen 30 Prozent schließt etliche Waren vom Rabatt aus. Darunter auch das begehrte Kleidungsstück. Wir legen also den Rückwärtsgang ein und mein Portemonnaie bleibt verschont. Verschont bleibt es auch, als wir auf dem Rückweg zum Troll Brötchen für den Mittagstisch bunkern. Die zahlt meine Angetraute von ihrem Wirtschaftsgeld.

In einer typisch ostfriesischen Teestube (ein Laden mit vielen Sorten Tee und allem, was dazugehört) entdecke ich die Ostfriesenrose. Nicht nur auf einer Tasse, sondern als ganzes Service. Mit Tasse, Untertasse, Kuchenteller, Sahne- und Zuckerpott. Das hätte ich alles gern mit nach Hause genommen. Wenn, ja wenn die außerordentlich hübsche Tasse nicht so verflixt klein ausgefallen wäre. Mehrmals am Tag gibt’s bei Ostfriesens aus diesen ziemlich kleinen Tassen Tee. Und nur zur Hälfte gefüllt. In der Mitte mit einem Kluntje. So gern ich aus dieser Tasse Tee trinken würde, verkneife ich mir den Kauf. Sie ist mir einfach zu klein und für unseren täglichen Teekonsum eigentlich ungeeignet.

Bei Sonnenschein erreichen wir den Troll. Ich nehme unsere Frontabdeckung ab, damit wir freien Blick auf die gegenüberliegende Insel haben. Das klappt auch für die nächste Viertelstunde. Dann bezieht sich der Himmel. Hüllt sich wieder in Grau wie gestern. Doch es bleibt trocken. Zumindest vorerst. Am frühen Nachmittag ist’s jedoch vorbei. Der Wind frischt wieder auf. Die Wolken laden ihre nasse Fracht ab. Spiekeroog wird zu einem dunklen Strich am Horizont. Mit dem Nachmittagsgang ins Dorf wird’s nichts. Es bleibt beim kurzen ,,Gassi-Gehen“ mit Calle. Nachts werden wir zum zweiten Male in den Schlaf geschaukelt. Von oben prasselt Regen aufs Dach, dazu gibt’s starke Sturmböen aus Südwest. Nur die Temperatur bleibt wie gehabt. Angenehm warm für Anfang November. So zwischen elf und 16 Grad.

Die ruhige Jahreszeit Urlaub in Neuharlingersiel ist nicht nur im Sommer zu empfehlen, lese ich in der Eigenwerbung des Ortes. ,,Ziehen Sie sich warm an und erkunden Sie die ostfriesische Weite in der kalten Jahreszeit. Sie werden Ihren Urlaubsort ganz neu entdecken“, steht dort. Also ziehen wir uns warm an und wollen entdecken. ,,Es gibt im Winter nichts Schöneres, als einen langen Spaziergang an der Nordsee oder auf dem Deich. Wärmen Sie sich im Anschluss bei einem Ostfriesentee oder einen Grog mit Blick auf den romantischen Fischerhafen wieder auf. Genießen Sie ostfriesische Spezialitäten wie Grünkohl mit Pinkel, Snirtjebraa oder Krabbensuppe. Überzeugen Sie sich von dem ostfriesischen Winter in Neuharlingersiel“. Dem können wir natürlich nicht widerstehen. Mit dem langen Spaziergang auf dem Deich wird jedoch nichts. Absolutes Hundeverbot. Große Schilder und noch größere Verbots,,malereien“ auf dem Zugängen zu Deich und Strand. Generelles Anleingebot im Dorf und der Hinweis auf deftige Strafen bei Zuwiderhandlungen.

Boßeln in Neuharlingersiel,,Achtung! Boßeln!" - Wenn uns ein dreieckiges Warnschild mit dieser Aufschrift begegnet, kann das nur eines heißen: Die Kugel rollt wieder über Ostfrieslands Straßen und die Boßel-Saison ist eröffnet. Jeden Winter und zu Beginn des Frühjahres verwandeln sich die Straßen in einen Wettkampf-Austragungsort. Boßeln ist in Küstenregionen weit verbreitet - so auch in Neuharlingersiel. Boßeln ist Ostfrieslands Nationalsport Nr. 1. Beim Boßeln wird eine Kugel mit neun bis zwölf Zentimetern Durchmesser mit voller Kraft über die Straße geworfen. Die Wurftechnik ähnelt der des Kegelns. Die Spielregeln sehen vor, dass die Kugel von dort, wo sie liegenbleibt, weiter geworfen wird. Eine Mannschaft besteht aus fünf Spielern. So wird bei einem Wettkampf manchmal eine Strecke von zehn Kilometern zurückgelegt.

Wer nicht aus dem Norden oder Nordwesten kommt oder von dort stammt, hat den Begriff „Boßeln“ wahrscheinlich noch nie gehört. Dabei bezeichnet er eine der wichtigsten Traditionen dieser Regionen. Beim Boßeln – auch Klootschießen genannt – geht es darum, Zeit mit Freunden, Familie oder Kollegen zu verbringen, Spaß zu haben und sich das anschließende Grünkohlessen zu verdienen. Dazu trifft man sich in kleinen Gruppen, warm eingepackt und ausgerüstet mit einem Bollerwagen. Dieser enthält jede Menge Getränke – sowohl antialkoholisch als auch alkoholisch – und Kaffee für die Halbzeitpause am Wegesrand.

Zum Spielen selbst dürfen natürlich die Boßelkugeln nicht fehlen. Diese müssen über eine festgelegte Strecke mit möglichst wenigen Würfen geworfen werden. Die Boßeln - plattdeutsch für Kugeln oder auch besser bekannt als Kloote - bestehen meistens aus dem extrem schweren Pockholz. Ähnlich wie beim Boccia holt man mit der Kugel in der Hand aus und wirft sie so, dass sie auf der Straße so lange wie möglich rollt. Dass sie dabei immer wieder mal in den straßenbegleitenden Gräben verschwindet, liegt auf der Hand. Das schwere Holz schwimmt nicht. Rettung bringt hier der Krabber, ein kleiner Metall,,fangkorb“ am langen Stiel. Ohne den wären die Boßler aufgeschmissen. Zu den verschiedenen Wurftechniken gehören dann z. B. „Liek ut Hand“ (geradeaus) oder „överd Dum“ (Abwurf der Kugel mit Drall, um Kurven zu meistern). Wer gewinnt (oder wahlweise verliert) oder sich zwischendurch einfach aufwärmen möchte, bedient sich an den Getränken. Geboßelt wird hauptsächlich auf wenig befahrenen, aber gut befestigten Straßen oder Wegen. Je nach Region variieren die Spielregeln, die Techniken und auch der Name. Das Ziel jedes Boßelausflugs ist jedoch immer ein Lokal, in dem dann ganz traditionell „Grünkohl mit Pinkel“ gegessen wird.

Es wird vermutet, dass die Ursprünge beim Kegeln liegen. Als es in Ostfriesland noch keine Kegelhallen gab, verlegten die Bewohner das Spiel vors Wirtshaus. Allerdings flog nicht nur die Kugel, auch der Alkohol floss in nicht geringen Mengen und Wetten wurden abgeschlossen. Da das muntere Treiben in der Öffentlichkeit vor allem von der Geistlichkeit nicht gerne gesehen wurde, verlegte man es kurzerhand außerhalb der Ortschaften.