Klar, dass in Dornumersiel auch geboßelt wird. Erfunden wurde hier aber das herbstliche Strohballenrollen. Hier sind Schnelligkeit, Geschicklichkeit und Ausdauer gefragt. Inzwischen hat es im Rahmen der Ostfriesischen Strohballenrollmeisterschaften Kultstatus erreicht. Immer im Oktober - für uns leider ein paar Wochen zu spät – heißt es „Auf die Ballen, fertig los!“ Als Aufwärmübung muss eine ,,gerade Strecke“ von zweimal 40 Metern gemeistert werden. Dann gibt’s den Slalomparcours mit stemmen, drücken, und schieben. ,,Unterwegs“ müssen dabei noch Nägel in einen dicken Balken eingeschlagen werden. In der ,,Königsdisziplin“ gilt es, die rund zweihundert Kilogramm schweren Ballen den Deich hochzurollen. Die erforderliche Kraft für diese Übungen holen sich die Teilnehmer/innen immer wieder mal mit einem Schluck aus dem Kömbuddel. Am 11. Oktober  2015 ging es bereits in die fünfte Runde der außergewöhnlichen Meisterschaften. Das Spektakel hätten wir uns gern angesehen. Müssen wir halt im kommenden Jahr ein paar Wochen früher in Ostfriesland sein.

Ich will aber nicht einen Kilometer von Strand und Hafen entfernt parken, sondern am Hafen. Zündschlüssel drehen und Gas geben. Mal sehen, was auf uns zukommt. Auf uns kommt der Hafen mit einem Stellstreifen für Kfz aller Art zu. Mit Parkgebühr, einer Aufenthaltsdauer von 8 bis 22 Uhr und null Service. Gut für mich: Der einarmige Bandit ist abgebaut. Parken ist frei. Ingrid, Calle und ich umrunden einmal den Hafen, gucken von der Deichhöhe auf die bei klarer Sicht gut erkennbaren Inseln Baltrum und Langeoog am Horizont und klettern wieder in den Troll. Der Campingplatz hat geschlossen. Auf dem aufgeschüttetem Sandstrand ist außer ein paar Hundeführern und Sonntagsausflüglern niemand zu sehen.

Wir sind nach einer guten halben Stunde auch nicht mehr zu sehen, sondern auf dem Weg nach Dornum. Für unseren Troll ein Katzensprung. Und wieder dreht uns der Stellplatzführer eine lange Nase. Am Schützenplatz soll er liegen. Ich gebe Schützenplatz ins Navi ein und lande in einer Siedlung. In einer Sackgasse, um genau zu sein. Ich stoppe einen ausfahrenden Pkw-Lenker. Der weist mich anschließend ein. ,,Zurück zur Hauptstraße, an Aldi vorbei, dann erste Straße rechts.“ Hamwehr wäre richtig gewesen, ,,sagt“ mir das Straßenschild. Ich finde eine große Wiese, soll fünf Euro fürs Parken und vier Euro Kurtaxe zahlen. Stromanschluss ist abgeschlossen und die Wiese ist klitschnass und an vielen Stellen ziemlich matschig. Ohne Allrad überhaupt nicht zu befahren. Ich parke auf einen gepflasterten Pkw-Streifen am Rand. Einen Obolus fürs Womoabstellen schenke ich mir. Da wollen wir nicht übernachten. Ortsbesichtigung ist angesagt. Dann geht’s weiter.

Dornum Die Herrlichkeit Dornum ist optisch eine Puppenstube, lese in der Broschüre des Ortes. Hier flanieren wir durch alte Gassen entlang prachtvoller Bauwerke und restaurierter Bürgerhäuser. Das barocke Wasserschloss, die Beningaburg und die St.-Bartholomäus-Kirche zeugen auch heute noch von der einstigen Herrlichkeit Dornum, als hier der Sitz ostfriesischer Häuptlinge war. Höhepunkt jeder kulturellen Sightseeing-Tour durch die Herrlichkeit Dornum ist das barocke Wasserschloss/Norderburg im historischen Ortskern des Städtchens. Das strahlendweiße Schloss ist mit ausgefallenen Portalen, Giebeldreiecken, Wappen der Herrschaftsfamilien, mit Skulpturen und Sinnsprüchen ausgestattet. Im Schloss selbst ist der Rittersaal mit seinen figürlichen und ornamentalen Malereien nur im Rahmen einer Führung zu besichtigen. Das von einem Wassergraben umgebene Schloss gehört zu den am besten erhaltenen in Ostfriesland und ist in eine weitläufige Parklandschaft eingebettet. 1397 gab’s ein Familiendrama: So soll der Sohn des Erbauers seine Frau wegen Untreue erschlagen haben. Seine Schwiegermutter hatte ihm dazu geraten. Die riss anschließend nicht nur das Schloss an sich, sondern ließ auch den Schwiegersohn samt seinem Vater enthaupten. Die Schlossanlage wird seit Anfang der 50-er Jahre als Realschule genutzt und ist heute eine offene Gesamtschule für rund hundert Jungen und Mädchen. Sie ist die einzige Schule Niedersachsens in einem Schloss. Besichtigung innen nur zu wenigen Zeiten.

Klar, dass wir uns diesem Prachtbau ansehen müssen. Von außen. Nach zehn Minuten Fußweg vom Stellplatz sind wir dort. Auf dem großen Gelände vor der ehemals adligen Behausung erwartet uns der Martinimarkt (in Erinnerung an St. Martin, der seinen Mantel für einen Bettler zerschnippelte). Das konnten wir zwar nicht wissen, aber es freut uns. Zwischen den Ständen wuselt – um in der Sprache der ehemaligen adligen Besitzer zu bleiben – das gewöhnliche Volk. Beäugt die Auslagen an den Ständen der Bäcker und Bräter. Erschnuppert den Duft von Pizza und Bratwurst, von Räucherfisch und Räucherkerzen, von Bienenhonig und Glühwein – mit und ohne Schuss. Ins Auge fällt mir der fleißige Schmied, der ein rostiges Eisen bearbeitet. Es immer wieder in der Esse auf Temperatur bringt und dann mit dem schweren Hammer draufhaut, bis aus dem rotglühendem Stahl ein flaches Stück Eisen und am Ende ein Blatt geworden ist. Ob von Eiche oder Buche kann ich aber nicht erkennen. Im großen Saal des einstigen Zweckbaues vor dem Herrenhaus haben Kunsthandwerker ihre Erzeugnisse ausgebreitet. Gefilztes und Gegossenes, Gestricktes und Gehäkeltes. Wir drei drehen eine Runde. Calle auf dem Arm von Ingrid, weil wir ihn sonst beschädigt mit nach Hause nehmen müssten. Ich halte dabei mein Portemonnaie fest in der Hand und in der Tasche. Was mich hier fasziniert, steht nach dem Erwerb Zuhause in irgendeiner Ecke und bedeckt sich früher oder später mit einer feinen Staubschicht. Statt einem üppigem Mittagessen in einem Restaurant gönnen wir uns eine Bratenscheibe vom Schwein zwischen zwei Brötchenhälften und treten den Rückweg zum Troll an. Dann geht’s nach Greetsiel.

Greetsiel ,,Wer nach Greetsiel kommt, ist eingefangen vom zauberhaften Anblick eines Puppenstubenortes mit historischen Giebelhäusern aus dem 17. Jahrhundert, dem alten Fischerhafen mit seiner beeindruckenden Krabbenkutterflotte, malerischen Gassen, den berühmten Greetsieler Zwillingsmühlen, die nach dem letzten Sturm inzwischen wieder beide ihren Mühlenkopf und ihre Flügel haben. Ein großes Angebot an Restaurants, Teestuben, Cafés und Einkaufsmöglichkeiten sollen unseren Besuch zu einem kulinarischen Erlebnis werden lassen“, lese ich in der Eigenwerbung des Dorfes.

Mit 25 Krabbenkuttern, die den Hafen regelmäßig ansteuern, ist hier die größte Kutterflotte Ostfrieslands zuhause. Neben dem Hauptfang, den Krabben, die an der Küste Granat heißen, werden in kleineren Mengen auch Plattfische wie Schollen, Scharben und Seezungen angelandet. Der Hafen ist über  600 Jahre alt. Hier atmen wir Geschichte und Seefahrerromantik im Umfeld von historischen Giebelhäusern und kleinen Gassen. Und genießen reine Seeluft, wenn der Wind aus der richtigen Ecke bläst. Von Nord oder Nordwest muss er kommen, dann bringt er eine frische Brise von der Nordsee mit. Bei unserer Ankunft bläst er aus Südwest. Mit frischer Seeluft wird’s also nix.

Seit 1991 gibt es die Schleuse Leysiel, die den Fischerhafen von der offenen Nordsee trennt. Bis zu acht Kutter können hier gleichzeitig durchgeschleust werden. Damit ist der Greetsieler Hafen tideunabhängig, Ebbe und Flut „bleiben draußen“. Das alte Sieltor ist über 200 Jahre alt und beliebter Treffpunkt für Greetsiel-Gäste. Hier mündet das Greetsieler Sieltief.