In jedem Jahr veranstalten die Greetsieler Fischer und der Fremdenverkehrsverein Greetsiel die traditionelle Kutter-Korso-Fahrt, an der in der Regel mehr als 23 der 25 Greetsieler Krabbenkutter teilnehmen. Zu ihrer Fahrt auf hoher See werden die Kutter von ihren Kapitänen mit bunten Fahnen geschmückt. Alle Feriengäste und Einheimische sind zu dieser besonderen Ausflugsfahrt herzlich eingeladen. Bis auf uns. Hund an Bord geht nämlich gar nicht. Im Hafen von Greetsiel gibt es zu dieser Veranstaltung stets ein interessantes Rahmenprogramm mit Musikdarbietungen, Krabbenpulwettbewerbe sowie kulinarische Köstlichkeiten von der ,,.Waterkant" als da sind die oben erwähnten Krabben (gepult und in der Schale), Hering in allen Variationen (als Filet, Rollmops oder Bismarck).  Da könnten wir dabei sein. Das geht auch mit Hund.

Nicht nur Künstler haben die Ferienregion Krummhörn-Greetsiel für sich entdeckt, sondern auch Film- und Fernsehregisseure. Sie schätzen die Vielzahl typischer ostfriesischer Motive wie die historischen Windmühlen, Leuchttürme wie den Pilsumer (oben im Bild), Gulfhöfe, das Ambiente des Greetsieler Hafen, die Weite der Marschlandschaft. Komiker Otto Waalkes hat hier ebenso gedreht wie die Filmgrößen Dieter Pfaff (Das Erbe von Greetsiel) Ottfried Fischer (Pfarrer Braun), Ina Müller (Ina's Norden) oder Maria Furtwängler (ARD Tatort).

Dass Greetsiel das ist, was es ist, hat der Ort in erster Linie einem seiner Bürgermeister zu verdanken. Als in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die „Neuzeit“ einziehen sollte, Politik und Touristik gesichts- und charakterlose Betonburgen hinklotzen wollten, da kämpfte er gegen das vermeintliche Moderne . . . und gewann. Glück für ihn, dass Greetsiel im Gegensatz zu vielen anderen Nordseebädern keinen großen Sandstrand hat. Die Karawane der Geschäftemacher zog damals weiter. Inzwischen aber ist rege Bautätigkeit zu verzeichnen. Da entstehen Wohnhäuser für Zugezogene und jede Menge Ferienhäuser für „Kurzzeit“bewohner. ,,Alte Häuser werden abgerissen und machen Platz für moderne, große Bauten“, klagt ein Eingeborener bei einem Klönschnack am Hafen. Der Tourismusboom hat also auch Greetsiel erreicht.

In Briefen aus dem Jahr 1388 wird Greetsiel das erste Mal urkundlich erwähnt. Hamburger Schiffe lagen damals im Hafen vor Anker und hatten Zoll zu entrichten. Häuptlinge aus dem Geschlecht der Cirksena gründeten den Ort. Greetsiel wurde zum Häuptlingssitz. Auf alten niederländischen Karten ist der Ort als Grietjezijl eingezeichnet. Jahrhundertelang waren die natürlichen Tiefs und die Entwässerungskanäle, die die Krummhörn in einem dichten Netz durchziehen, der wichtigste Verkehrsträger. Über Gräben und Kanäle waren nicht nur die Dörfer, sondern auch viele Hofstellen mit der Stadt Emden und dem Hafenort Greetsiel verbunden. Besonders der Bootsverkehr mit Emden war von Bedeutung. Dorfschiffer übernahmen die Versorgung der Orte mit Gütern aus der Stadt und lieferten in der Gegenrichtung landwirtschaftliche Produkte: Vom Sielhafenort transportierten kleinere Schiffe, sog. Loogschiffe, die umgeschlagene Fracht ins Binnenland und versorgten die Marschdörfer (loog = Dorf). Bis ins 20. Jahrhundert belebten die Loogschiffe aus der Krummhörn die Kanäle der Stadt Emden.

Torf, der zumeist in den ostfriesischen Fehnen gewonnen wurde, spielte über Jahrhunderte eine wichtige Rolle als Heizmaterial für die Bewohner der Krummhörn. Die Torfschiffe brachten das Material auf dem ostfriesischen Kanalnetz bis in die Dörfer der Krummhörn, darunter auch nach Greetsiel. Auf ihrer Rückfahrt in die Fehnsiedlungen nahmen die Torfschiffer oftmals Kleiboden aus der Marsch sowie den Dung des Viehs mit, mit dem sie zu Hause ihre abgetorften Flächen düngten.

Am 1. Juli 1972 wurde Greetsiel in die neue Gemeinde Krummhörn eingegliedert. Bei der Bildung dieser neuen Gemeinde entbrannte eine Diskussion um den Verwaltungssitz – Pewsum oder Greetsiel. Wegen der zentraleren Lage wurde Pewsum vorgezogen und wuchs in der Folge sehr stark. Heute hat Pewsum eine mehr als doppelt so hohe Einwohnerzahl wie Greetsiel.

Eines der beliebtesten Fotomotive Ostfrieslands hat 2015 seine vier Flügel zurückbekommen: die grüne Zwillingsmühle in Greetsiel. Spezialisten aus den Niederlanden hatten die Flügel mit einem Kran hoch hinauf gehievt und dort nach und nach montiert. Am 28. Oktober 2013 hatte der Orkan ,,Christian“ das denkmalgeschützte Bauwerk schwer beschädigt. Der Wiederaufbau begann zwar bereits kurz danach, doch die Arbeiten zogen sich hin - auch weil der Verein zum Erhalt der Greetsieler Zwillingsmühlen zum großen Teil auf Spenden angewiesen war. Im Dezember 2014 erst wurde die Galerie aufgestülpt, Anfang Mai 2015 folgte dann die neue Kappe.

Am frühen Nachmittag laufen wir in den Womohafen an der Mühlenstraße ein. Erst gibt’s die traditionelle Tasse Tee und dann geht’s ins Dorf. Schaufenster angucken. Kutter angucken. Touristen angucken. Reihenfolge egal. Es ist ja nicht weit bis ins Zentrum, nicht weit bis an den Hafen. Weit ist es nur, wenn wir zum Otto-Turm wollen. Zum Pilsumer Leuchtturm mit den roten und gelben Ringen. Doch bei dem inzwischen wieder aufgekommenem Wind lassen wir das. Geht ja ohnehin kaum. Ich habe nur mein Rad mit. ,,Drei auf einem Rad“, könnte dann die Überschrift lauten. Und angesehen haben wir ihn vor einigen Monaten. Im Sommer vor zwei Jahren. Damals hatten wir zwei Fahrräder mit.

Schon lange bin ich hinter einem echten Ostfriesenteegedeck her. Den Tassen und Tellern, der Kanne und dem Stövchen, dem Kandispöttchen und der Zuckerdose mit der ostfriesischen Rose. Geriffelt muss das Porzellan sein, dann ist es das echte. Und ich finde es. Ein ganzes Service. Erst als ich den Preis höre, klappt mein Geldkätzchen mit lautem Klapps zu: 119 Euro. Die Tässchen sind viel zu klein für unsere Teeportionen, tröste ich mich. Nichts wie raus aus dem Laden, bevor ich es mir anders überlege. Und weil wir an der Küste sind und uns bisher noch nichts ,,Küstiges“ gegönnt haben, investiere ich einige Euro in zwei bis an den oberen Rand gefüllte Töpfe mit Krabben. Frisch und rot und überaus lecker anzusehen. Mit Brötchen werden sie zu einem wahren Leckerbissen nach dem Eintreffen beim Troll . . . und auch fürs Frühstück am nächsten Morgen reicht es noch.

Der vierte Tag Wieder lacht die Sonne beim Aufwachen in den Troll. Doch ob’s ein guter Tag wird, muss sich erst noch zeigen. Das Erste hat gestern Abend für den Vormittag trockenes Wetter angekündigt. Für den Nachmittag dicke Wolken und ebenso dicke Regentropfen. Dazu viel Wind. Also machen wir uns am Vormittag auf die Socken. Gehen davon aus, dass nun alle Geschäfte geöffnet haben. Denkste. Wir bummeln um zehn durch den Ort. Einige wenige Ladenbesitzer haben geöffnet. Die Mehrzahl aber sperrt erst um elf oder um 14 Uhr die Türen auf (und macht um 16 Uhr wieder zu). So begucken wir auch am zweiten Tag in Greetsiel die Schaufenster. Gehen gemächlichen Schrittes bis zum Ende der Kutterarmada im Hafen und kehren dann um. Vergessen dabei, der Bäckerei einen Besuch abzustatten. Eigentlich wollten wir deren Umsatz mit dem Kauf von vier bis sechs Brötchen ankurbeln. Im Troll wartet nämlich noch eine Restmenge von Krabben auf den Verzehr.

Inzwischen ist aus der leichten Brise wieder ein kräftiger Wind geworden. Immer noch von Südwest, trocken zwar doch kalt und unangenehm. Zum Kragen hochschlagen. Wir sind froh, uns vor der nun wirklich herbstlichen Witterung im Troll verkriechen zu können. Dort ist es warm und gemütlich. Nachdem in der Mittagszeit auch unsere letzten Krabben den Weg alles Essbaren gegangen sind, kehrt Ruhe ein. Mittagsruhe. Die Zwölf-Uhr-Nachrichten auf N24 berichten von über 20 Grad im Süden der Republik. Von frühlingshaften, ja sommerlichen Temperaturen und einem November, wie er noch nie vorgekommen ist. Bei uns klettert der Wetterfrosch auf seiner Leiter immer tiefer. Und draußen beginnt es wieder zu stürmen. Noch eine Nacht in Greetsiel, dann geht es wieder nach Hause.