Die neue Wohnmobilsaison beginnt
Die erste Tour des Jahres führt uns (wieder einmal) nach Ostfriesland
Einen milden Winter haben wir. Zumindest bis Ende Dezember. Den mildesten Winter seit Beginn der Aufzeichnungen, sagen die Wetterfrösche. Das muss ich einfach mal so glauben. Sicher ist, dass unser Schneeschieber bis zum Jahresende nicht zum Einsatz kommt. Und in den ersten Tagen des neuen Jahres ein einziges Mal. Doch Mitte Januar geht’s los. Die kalte Jahreszeit hat uns im Griff. Mit Blitzeis und Schnee. Da tanzen vor unserem Wohnzimmerfenster die Flocken. Liegt die weiße Fracht mehr als einen guten Dezimeter hoch auf dem Hof und im Garten. Das Thermometer fällt in den zweistelligen Minus-Bereich. Die Meisen, Spatzen, Rotkehlchen, Drosseln und daheimgebliebenen Stare fallen wie eine Heerschar wildgewordener Hunnen über unser Futterhäuschen her. Auch die Maulwürfe - die mir im vergangenen Sommer einiges Kopfzerbrechen bereiteten – schaufeln sich nicht mehr zur Oberfläche von Rasen und abgeräumten Gemüsebeeten. Nach zwei Wochen ist der Schnee wieder verschwunden. Die Temperatur wieder über dem Nullpunkt und das Wetter norddeutsch. Regen kommt von oben. Mehr als genug.

Möglichst früh will ich heuer auf Achse sein. Doch das Wetter spielt bis in den April nicht mit. Nasskalt ist es. Regen mit Schnee durchsetzt (unten Foto vom 25. April aus unserem Garten). Zwischen ein bis vier Grad „warm“. Mit Tagen, an denen Friesennerz und dicke Jacke die richtigen Kleidungsstücke sind. Erst im Mai macht der Frühling seinem Namen Ehre. Wir wollen wieder einmal die norddeutsche Küste besuchen. „Als bleibenden Eindruck nimmt man aus Ostfriesland das Gefühl der Weite und den Anblick von Windmühlen und zahllosem Weidevieh mit“, steht im Baedeker. Das hilft mir nicht weiter. Na gut, meine Ausgabe ist von 2002. Inzwischen schreiben wir 2016. Stählerne Windkraftanlagen haben die Dominanz der historischen Windmühlen längst abgelöst. Geblieben sind die Schafe, die ,,Deichbeamten“. Sie halten den Bewuchs kurz, treten die Grasnarbe und damit den Deich fest, liefern während ihres Lebens warme Wolle (die auf dem Markt heute nicht mehr viel Kohle in die Kassen der Schäfer bringt) und nach ihrem gewaltsamen Ableben einen vorzüglichen Braten.

Neu ist die Schlagzeile in der Tageszeitung ,,Abgabenflut an der Küste – Kommunen wollen am Urlauberboom vermehrt mitverdienen“. Fremdenverkehrsabgaben werden erhöht. Die Gemeinde Wangerland stellt die Kosten für Rettungsschwimmer, Reinigung und Sanitärgebäude in Rechnung. In Hooksiel und Horumersiel müssen künftig für einen Strandbesuch drei Euro abgedrückt werden. ,,Ein allgemeines Recht zum Strandspaziergang gibt es nicht“, befand das Oberverwaltungsgericht. Und auch die Gewerbetreibenden, Hoteliers, Strandkorbaufsteller, Stellplatzvermieter werden zur Kasse gebeten. Das treibt auch unsere Kosten in die Höhe. Aber hält es mich nicht davon ab, die erste Tour des neuen Jahres wieder Richtung Ostfriesland zu planen. Wikipedia, die Internetwerbung der Küstenorte, der Stellplatzführer, Promobil, Ostfrieslands Marktführer in Sachen Tee, Bünting in Leer, und die Ostfriesland-Tourismus GmbH helfen mir dabei.

Inzwischen ist es Mai geworden. Am „Tag der Arbeit“ ringt sich das Tagesgestirn endlich dazu durch, auch bei uns Frühling werden zu lassen. Die Temperaturen steigen allmählich in die Wohlfühlzone. Am 8. Tag des Wonnemonats verzichten wir zum ersten Mal am Abend auf die wohlige Wärme unseres Kachelofens. Die Quecksilbersäule zeigt tagsüber 25 bis 27 Grad. Und die ziemlich frische Abendbrise
aus Osten ist auf Hemdsärmeltemperatur angestiegen. So geht’s bis Pfingsten. Nach den Feiertagen und damit belegten Stellplätzen soll der Troll die Sporen erhalten. Nun kann’s losgehen. Aus dem Plattdeutschland ins Ostfriesische.

Die Anfänge Ostfrieslands liegen im 8. Jahr- hundert Obwohl ganz im Nordwesten der Republik gelegen, heißt es doch ,,Ostfriesland“, denn ,,Westfriesland“ gehört schon zu den Niederlanden. Ostfriesland besteht aus der kreisfreien Stadt Emden sowie den Landkreisen
Aurich, Leer und Wittmund. Sie bilden etwa das Gebiet des ehemaligen Fürstentums Ostfriesland, das ab 1744 als Regierungsbezirk Aurich innerhalb Preußens und später Niedersachsens fortbestand. Die Region lebt vor allem vom Tourismus. Als das Europäische Tourismus-Institut 2002 eine Umfrage startet und 1451 Deutsche fragt, wo Ostfriesland denn eigentlich auf der Landkarte liegt, da wussten weniger als die Hälfte gerade mal die ungefähre Gegend. Die übrigen zeigten auf völlig andere Landstriche irgendwo zwischen Amsterdam in den Niederlanden und Kopenhagen in Dänemark. Jeder fünfte Befragte hatte gar von Ostfriesland überhaupt noch nichts gehört. Viele Deutsche haben Probleme mit der Lage Ostfrieslands, da sie es dem Namen nach irgendwo im Osten vermuten, es aber stattdessen im äußersten Westen der Republik liegt. Das ist den Ostfriesen natürlich egal, denn Ostfriesland gab es schon, als an Deutschland noch lange nicht zu denkenwar. Ostfriesland war immer schon ein Teil Frieslands. Und dessen Geschichte beginnt irgendwann im 8. Jahrhundert, also kurz nach der Völkerwanderung. Friesland reichte damals entlang der Nordseeküste, beginnend an der Rheinmündung bis hin ins heutige Dänemark.

Friesland insgesamt ist trotz oder gerade wegen der Jahrhunderte langen Geschichte sehr lebendig. Es gibt sogar eine gesamtfriesische Interessenvertretung, den „Interfriesischen Rat“. Und hier finden wir auch alle friesischen Gebiete wieder: Die Sektion „West“ umfasst die Provinz „Fryslân“ in den Niederlanden. Die Sektion „Ost“ umfasst Ostfriesland, den Landkreis Friesland, die Stadt Wilhelmshaven, das Saterland, Gebiete des ehemaligen Rüstringens (das heutige Butjadingen, dasStadland, große Teile des heutigen Jadebusens und einige Gebiete des Jeverlandes und der Friesischen Wehde) sowie das Land Wursten (eine Landschaft zwischen Bremerhaven und Cuxhaven). Die Sektion „Nord“ umfasst Nordfriesland sowie die Insel Helgoland. Neben den Dänen, Sorben, Sinti und Roma ,,Eala frya Fresena - seid gegrüßt, freie Friesen!“ So lautete der Gruß der stolzen Friesen im Mittelalter. Und die Friesen waren wirklich frei! Es war ihnen gelungen, Begehrlichkeiten auswärtiger Grafen immer wieder abzuwehren. Ab 1100 etwa konnten die Friesen sich
„friesch und fry“ nennen. Die Selbsthilfe gegen die Normanneneinfälle und die Verteidigung gegen die Gefahr der Unfreiheit gab den Friesen ein starkes Selbstbewusstsein, das sich auch beim Deichbau bewährte. Nur mit Hilfe aller war es möglich, den Seedeich zu errichten und – was genauso wichtig war – ihn zu erhalten. Ein einziger nachlässiger Landbesitzer hinter dem Deich konnte Hunderte von Menschen in Elend und Tod stürzen, wenn er das Deichstück, für das er verantwortlich war, nicht hegte und pflegte oder die Siele, die das Land entwässerten, nicht in Ordnung hielt. Sind Sie neugierig geworden auf die ,,Friesische Freiheit“? Mehr darüber erfahren Sie in der Broschüre ,,Eala frya Fresena. Die Friesische Freiheit im Mittelalter“, hrsg. von der Ostfriesland-Stiftung der Ostfriesischen Landschaft 2003. Sie können sie im Shop der Ostfriesischen Landschaft bestellen: www.ostfriesischelandschaft.de.
Unsere Ostfrieslandreise im vergangenen Jahr ging von Neuharlingersiel Richtung Westen. Über Dornumersiel und Dornum erreichten wir Greetsiel auf der Krummhörn. Nun laufen wir als erste Station Carolinensiel an. Dann geht’s weiter Richtung Osten. Richtung Wesermündung über Schillig, Horumersiel und Hooksiel und nach Wilhelmshaven. Und wenn die Zeit und das Wetter es zulassen nach Tossens, Fedderwardersiel im Butjadingerland und weiter nach Brake ein Stückchen weseraufwärts.gehören die Friesen zu den staatlich anerkannten Minderheiten innerhalb Deutschlands.

Eerstmaal een Koppke Tee
Das Nationalgetränk Ostfrieslands ist der Tee. In zarter Teetasse, mit  Kanne und dem Stövchen. Wie bei Ostfriesens gibt’s auch bei uns bis zu sechs Teepausen am Tag mit drei Tassen Tee pro ,,Sitzung“. Erst gibt’s Kandiszucker in die Tasse, dann den Tee und zum Schluss mit dem Rohmlepel ein wenig Sahne. Keinesfalls umrühren oder schütteln. Sind die Wölkchen da, heißt es abwarten und Tee trinken. Es geht in drei Etappen an den Genuss: Erst die Sahne, dann den herben Tee und zum Schluss den süßen Zucker. Lecker. Nach der dritten Tasse ist Pause bis zur nächsten ,,Sitzung“. Dann wird der Löffel in die Tasse gelegt. Man dankt damit für den Tee. Ostfrieslands ältestes Teehaus ist übrigens Bünting in Leer. 1806 gegründet, mit vielen Teesorten und einem Teemuseum.

Im 17. Jahrhundert kam der erste Tee durch die Niederländer und die Briten nach Ostfriesland. 100 Jahre später hatte er seinen Siegeszug in alle Gesellschaftsschichten vollbracht. Die  Ostfriesen-mischung wird aus mindestens 20 verschiedenen Schwarzteesorten - vor allem aus Assam, aber auch aus Ceylon und Darjeeling - hergestellt. Dabei darf sich nur in Ostfriesland gemischter Tee ,,Echter Ostfriesentee“ nennen. Alle anderen werden als ,,Ostfriesen-Mischung“ bezeichnet.
Schon gewusst: Der Tee ist in Ostfriesland weiblich. Seine Zubereitung liegt allein in den Händen der ostfriesischen Hausfrau. Und das Recht zur Zubereitung wird seit Jahrhunderten von der Großmutter und Mutter an die Tochter weitergegeben. Pro Person gibt’s einen Teelöffel Tee in die Kanne. Der Aufguss soll die Blätter gerade bedecken. Erst nach dem Ziehen wird nachgegossen – so viel, wie Tassen ausgeschenkt werden. Beim Einschenken ist die strenge Reihenfolge zu beachten.

Die Ostfriesische Rose
Bereits in den Anfängen der ostfriesischen Teegeschichte erwiesen sich Gefäße aus Porzellan als besonders geeignet zur Teezubereitung und als Trinkgefäß. Die Nachfrage stieg, die Ostfriesen mussten Porzellan importieren, weil die eigene Herstellung den Bedarf nicht decken konnte. Großen Zuspruch fand die Produktion aus der Wallendorfer Porzellan-Manufaktur, einer der ältesten Firmen Thüringens. Die Kannen und Stövchen, Zucker-, Sahnebehälter und Teedosen des Dresmer Teegood (Dresdener Teegeschirr) gab’s in zwei typischen Dekors: einer blauen Bemalung (Blau Dresmer) und der roten Rose (Rood Dresmer). Sie wurde später als die ,,Ostfriesische Rose“ bekannt. Dünnwandig und gerippt müssen die Tassen sein, die heute von verschiedenen Herstellern auf den Markt gebracht werden. In einer anderen Version über die Herkunft heißt es: Bei diesem Dekor handelt es sich um eine abstrakt gemalte Rose. Das Ostfriesendekor oder auch Ostfriesische Rose genannt, soll erstmals in den Hochkarpaten aufgetaucht sein. Zum Ende des 18. Jahrhunderts verbreiteten vermutlich Händler das Dekor in Ostfriesland. Die Ostfriesen müssen dieses Dekor offensichtlich sehr gemocht haben, denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat sich die Bezeichnung Ostfriesische Rose oder Ostfriesenrose durchgesetzt. Füllmenge 0,2 l.

Carolinensiel In Carolinensiel gibt’s eine Besonderheit, die an der Nordsee einmalig ist: drei hinter-einander liegende Häfen. Der älteste von 1729/30 mitten im Ort, ist heute Museumshafen. Um 1850 machten hier jährlich rund 1500 Schiffe fest. Aus dem ehemaligen Fischerhafen Friedrichsschleuse von 1765 wurde der heutige Yachthafen. Zwischen 1953 und 1956 entstand der dritte Hafen Harlesiel. Fischkutter und Fähren liegen heute dort an der Pier. ,,Das Nordseebad Carolinensiel/Harlesiel, ist eines der schönsten Nordseebäder an der ostfriesischen Küste“, behauptet die Eigenwerbung im Internet. ,,Wattwandern, Schwimmen oder zum Sonnenbaden ist angesagt.“ Na gut. Im Mai jedoch können wir uns davon einiges abschminken. Nix mit Wassersport, nix mit Baden und Sonnenbaden, nix mit Picknick im Freien. Es ist einfach noch zu kalt. Uns bleibt jedoch das Watt bei Ebbe und der Blick über die endlose Nordsee bei Flut. Uns bleibt außerdem der Museumsweg mit seinen 18 Stationen und weiteren 19 Thementafeln. Er führt vom Museumshafen entlang der Harle bis zum Strand in Harlesiel.