Der Abend klingt gemütlich aus. Bei einer – nein – bei etlichen Tassen Tee. Mein Doc würde sich freuen, könnte er mich sehen. „Sie müssen trinken, trinken, trinken, damit sich der Schleim in Ihrer Lunge leichter lösen kann.“
Mein „Chef“ und ich beschließen, noch einen Tag anzuhängen. Wenn
das Wetter so bleibt, werden wir morgen Carolinensiel erkunden. Vielleicht mit dem Fahrrad, vielleicht aber auch zu Fuß. Zwei Kilometer hin und zwei wieder zurück. Wenn ich mir Zeit lasse, müsste ich das schaffen. Die Sonne begrüßt uns an diesem Mittwochmorgen mit einem blauen, wolkenlosen Himmel. Mit Temperaturen weit über dem Gefrierpunkt.
Wir lassen uns Zeit, klettern gegen acht aus der Koje. Ich habe geschlafen wie seit Monaten nicht mehr. Kein Gang zur Toilette, kein Aufwachen in später oder auch früher Stunde. Ganz im Gegensatz zu meiner Angetrauten. „Du hast geschnarcht. Zum Gotterbarmen. Ich konnte kaum einschlafen.“ Ob das nun so stimmt, kann ich nicht nachprüfen. Weil ich mein angebliches Schnarchen nun wirklich nicht gehört habe. Muss ich nun mal so glauben.
Nach gemütlichem Frühstück geht’s los. Richtung Carolinensiel. Zu Fuß. Das schont die Räder, und ich brauche Bewegung. Nach einer Stunde mit vielen Unterwegspausen sind wir im Zentrum des alten Fischerortes angelangt. Immer an der Harle entlang. Auf herrlichem Spazierweg. Mit ziemlich frischer Brise von vorn. Das erschwert mir das Luftholen. Doch es gibt viele Bänke zum Pausieren. Wir besuchen die Einkaufsmeile. Bummeln am Hafen entlang. So viele Traditionsschiffe eng beieinanderliegend sind mir bisher nur in den Niederlanden unter die Augen gekommen. Machen Stippvisite beim Denkmal der Caroline. Es ist eigentlich ein bisschen klein geraten, denke ich. Hätte angesichts des Touristenzulaufs auch einen halben Meter größer ausfallen dürfen. Muss ein knauseriger Gemeinderat gewesen sein, der das bronzene Ebenbild errichten ließ. Schließlich verdankt der Ort ihr seine Entstehung und damit seine Einkünfte. Schließlich tanzt zumindest in den  Sommermonaten hier der Bär. Lebten die Einwohner früher vom Fisch- und Krabbenfang, werden heute die Touristen „gemolken“. Sie lassen die Kassen klingeln. Garantieren mit ihren Ausgaben in der warmen Jahreszeit das Überleben in den kalten und nassen Wintermonaten.

Mittagspause gibt’s heute nicht auf einer Bank im Grünen (was bei dem echt sommerlichen Wetter möglich gewesen wäre) sondern auf der Terrasse eines Lokals mit Blick auf den Hafen vor uns. Während mein Holzfällersteak in XL-Ausführung nach angemessener Zeit vor mir auf dem Tisch steht, hat meine Ingrid Pech. Statt des gewünschten Seelachs mit Tomate und Lauch samt Käse überbacken,
bekommt sie auch ein Holzfällersteak serviert. Das geht natürlich wieder zurück. Der Kellner entschuldigt sich in aller Form und bringt nach geraumer Zeit das gewünschte richtige Gericht. Ebenfalls in XL-Ausführung. Und, o Wunder, wegen seines Fehlers berechnet er beim Kassieren die Flasche Wasser nicht, die meine Angetraute bestellte. Das nenne ich Kundenfreundlichkeit wie sie im Buche steht und mir bisher in keiner Gaststätte begegnet ist.
Danach geht’s heimwärts, zurück zum Stellplatz. Dort widmen wir uns am Nachmittag – wie könnte es anders sein – dem Tee. Zu der echten Ostfriesenmischung gesellt sich ein Stück Rhabarberbisée. Für jeden natürlich eins. Und draußen scheint immer noch das Tagesgestirn und beschert uns einen echten Sommertag. Was mich allerdings immer noch stört, sind die Inselhopper, die kleinen Flieger, die
alle halbe Stunde vom nahen Flughafen Feriengäste (und was es sonst noch so gibt) vom Festland auf die in Sichtweite liegenden Eilande Spiekeroog und Wangerooge bringen.
In der Gästezeitung, die zweimal im Jahr erscheint, lese ich, dass am 20. Juli am Strand von Harlesiel zum achten Male die ,,Miss-Carolinchen-Wahl“ stattfindet. Gesucht werden nun fröhliche, kreative Mädchen zwischen sechs und zwölf Jahren. Nach einer ,,Wissensrunde“ können dann auf dem Laufsteg originelle Klamotten und tolle Frisuren präsentiert werden. Nach der Wahl dürfen die Siegerinnen ein Jahr lang das Nordseebad Carolinensiel- Harlesiel bei verschiedenen Veranstaltungen im Ort und auf Messen repräsentieren. Außerdem warten auf die kleinen Teilnehmerinnen tolle Preise. Zu schade, dass unser Enkelkind ein bisschen zu weit weg wohnt und wohl kaum für eine solche Misswahl zu begeistern wäre. Chancen hätte die plietsche Deern auf jeden Fall, bin ich mir sicher.

Carolinensiel Mit der ersten Badesaison auf Wangerooge 1804 begann auch für Carolinensiel die Geschichte des Nordseetourismus. Der Ort wurde zur Durchgangsstation für die Badegäste der Inseln. Die Fährschiffe nach Wangerooge und Spiekeroog legten zunächst von der Friedrichsschleuse ab. Die Großherzogliche Oldenburgische Eisenbahn eröffnete 1888 die Bahnlinie von Jever nach Carolinensiel (1988 Stilllegung). 1890 wurde sie zum Fähranleger in Harlesiel verlängert. Der Zugfahrplan richtete sich nach den Gezeiten. Der Versuch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Carolinensiel selbst als Seebad zu etablieren, scheiterten an der Konkurrenz der Inseln.
Die Entwicklung zum Nordseebad begann 1953 mit dem Bau des neuen Deichs, des Schöpfwerks und des Hafens in Harlesiel. Durch die Aufschüttung von 20.000 Kubikmeter Sand schuf man einen eigenen Badestrand. In der Folgezeit kamen Strandhalle, Campingplatz und Meerwasserfreibad hinzu. Bis 1989 unterhielt die Deutsche Bundesbahn einen Bahnhof in Harlesiel an der Bahnstrecke Jever–Harle. Der Flugplatz Harle nahm 1973 seinen Betrieb auf. Die Konzentration von Bahnstation, Fähranleger und Flugplatz im Umkreis von 500 Metern war einmalig. 1980 wurde das Haus des Gastes  Harlesiel staatlich anerkannt. 1984 öffnete das Deutsche Sielhafenmuseum seine Türen, und von 1986 bis 1990 wurden der Museumshafen und die Friedrichsschleuse wiederhergestellt.

Sehenswertes
Caroline Die Caroline wurde 2005 zur 275-Jahr-Feier von Carolinensiel zur Erinnerung an den Begriff „Cliner Wind“ im Museumshafen errichtet. „Cliner Wind“ steht für Lebensfreude, Weltoffenheit, Tatkraft und Wagemut.
Galerieholländer Die Windmühle auf einem Deich wurde als Galerieholländer erstmals in einem Erbpachtvertrag von 1773 erwähnt. Sie erhielt im Juni 1993 neue Flügel; ein Mahlwerk ist jedoch nicht mehr vorhanden. Die Mühle  war auch eine Landmarke für die Schiffe. Die Räume werden heute als Ferienwohnungen genutzt. Auf dem Gelände gibt es einen Ausstellungsraum zur Geschichte.

Erlebnismuseum Seit 2008 gibt es in Carolinensiel das wissenschaftliche Erlebnismuseum Phänomania. Es befindet sich im historischen Bahnhof und bietet etwa 80 verschiedene Experimente zum Selber-Ausprobieren. Der Bahnhof wurde 1909 erbaut und ist bis 1987 genutzt worden. Er gehört zu den wenigen unter Denkmalschutz stehenden Bahnhöfen in Ostfriesland.
Deichkirche Die Deichkirche stammt aus dem Jahr 1776. Sie ist die nördlichste Kirche des Harlingerlandes und die einzige an der Küste, die auf einem Deich erbaut wurde. 1793 errichtete man den Glockenturm getrennt vom Kirchenbau. Der Turm ist wegen häufiger Stürme niedrig gebaut und trägt auf seiner Spitze einen Schwan, das Symbol der Lutheraner. Den Innenraum dominiert eine barocke Altarkanzel. Die Orgel von Hinrich Just Müller aus Wittmund wurde 1782 mit der Empore eingebaut. Bemerkenswert sind die drei Schiffsmodelle, die als Votivgaben gestiftet wurden: links des Altars die Brigg Venus von 1776, rechts davon die Fregatte Alje Mehrings aus dem Jahr 1921 und an der Nordseite die Dreimastbark Marie Emilie von 1985.

Monika van Lengen hat die Geschichte der Kirche auf der Homepage von Carolinensiel so beschrieben: Fürst Georg Albrecht zu Aurich hatte 1730 den kleinen Ort auf dem der Nordsee abgetrotzten Land errichten lassen und ihn nach seiner zweiten Frau ,Carolinen Syhl’ benannt. Obwohl das Dorf schnell zu einem bedeutenden Handelshafen wurde, habe der Landesherr in Aurich aus Geldmangel den Bau einer Kirche verboten. Nachdem Ostfriesland 1744 preußisch wurde, richteten die Carolinensieler ihre Bitten nach Potsdam an den Preußenkönig Friedrich II. Doch auch der wollte kein Geld geben. Erst als sein Kriegsminister von Hagen 1770 während einer Reise zum Kriegshafen Emden den Ort besuchte, überzeugten ihn die Ostfriesen von der Notwendigkeit einer Kirche. Von Hagen legte beim König ein Wort ein, und bald erhielten die Carolinensieler 1500 Dukaten für ihr Gotteshaus. Die fehlende Restsumme kam durch eine ostfrieslandweite Sammlung zusammen, so dass 1776 die bis heute einzige Deichkirche der Erde gebaut und eingeweiht wurde. 1793 kam ein Glockenturm dazu.

Deutsches Sielhafenmuseum Das Deutsche Sielhafenmuseum liegt mit seinen vier historischen Ausstellungshäusern (Groot Hus, Kapitänshaus, Alte Pastorei und dem alten Seenotrettungsschuppen)  Museumshafen. Das ,,Groot Hus“ ist der im Jahr 1840 fertiggestellte Kornspeicher am Alten Hafen. Er zeigt auf seinen Speicherböden eine Ausstellung über Land und See, die Geschichte der Siele und Häfen, des Deichbaus sowie der Fischerei und der Segelschifffahrt.

Vom Leben an Land erzählt das ,,Kapitänshaus“, in dem die gute Stube einer Kapitänsfamilie gezeigt wird. Zur Ausstellung gehören auch die Hafenapotheke, ein ehemaliger Kaufmannsladen und eine Seemannskneipe. Im ,,Marie-Ulfers-Zimmer“ können Trauungen vorgenommen werden. Die ,,Alte Pastorei“ beherbergt eine Dauerausstellung über das maritime Handwerk zu den Handwerksberufen Schiffszimmerer, Schmied, Seiler und Segelmacher. Daneben gibt es eine Sammlung originalgetreuer Modelle historischer Segelschiffe und die Gemäldegalerie ,,Mensch und Meer“. Die vier Gebäude des Museums stehen unter Denkmalschutz.