Ob’s mein Daumendrücken war oder die Großwetterlage. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall gibt’s am Morgen einen grauen Himmel. Von Horizont zu Horizont. Der Wind hat aufgefrischt. Vorbei mit Sommer-morgen. Jetzt wird’s herbstlich oder norddeutsch frühlingshaft. Ich lasse es gezwungenermaßen ruhig angehen. Die Luft macht mir mal wieder zu schaffen. Dabei soll der Salzgehalt eigentlich die beste Medizin sein. Doch davon ist derzeit nichts zu spüren. Gemütlich wird aufgestanden, gemütlich wird gefrühstückt, gemütlich geht’s ans Aufräumen und ebenso gemütlich wird der Strom abgeklemmt. Dann drehe ich den Zündschlüssel und starte durch. Es sind ja nur wenige Kilometer von Horumersiel nach Hooksiel. Da der Himmel bedeckt bleibt, sich hin und wieder leichter Nieselregen breit macht, entscheide ich mich für den innerstädtischen Stellplatz am Hallenwellenbad. Hier gibt’s auch Strom sowie eine Ver- und Entsorgungsstation Aquastar mit Cleanstar-Kassetten und Bodeneinlass. Zehn Euro plus Kurtaxe werden hier pro Nacht und Mobil fällig. Direkt daneben liegt das Meerwasserhallenwellenbad, in dem sich auch die Sanitäranlagen befinden. Das Schwimmbad steht den Nutzern des Stellplatzes täglich 90 Minuten kostenlos zur Verfügung. Das Zentrum mit dem ,,Alten Hafen“, das Freizeitgelände und das ,,Hooksmeer“ mit diversen Wander- und Radwanderwegen sowie Wassersportangeboten sind in wenigen Gehminuten erreichbar, so behauptet die Eigenwerbung.

Wir machen uns kurz nach dem Eintreffen auf dem gemütlichen Platz auf Schusters Rappen. Für 500 Meter zum Zentrum, so die Angaben in einschlägigen Wohnmobilführern und im Internet, kann ich mir das Abladen unserer E-Bikes schenken. Doch aus den angekündigten 500 Metern werden (nicht genau gemessen) gut zweieinhalb Kilometer bis in die Fußgängerzone (gefühlt sogar fünf Kilometer) und an den historischen Hafen mit seinen angeblich ebenso historischen Schiffen. Aus der großen Fußgängerzone mit den zahlreichen Geschäften zum ausgiebigen Shoppen werden allerdings nur wenige hundert Meter mit einem gut überschaubarem Angebot. Textilisten, Souvenirlädchen und Gaststätten geben sich ein Stelldichein. Und der Hafen hat ebenfalls mehr versprochen als gehalten wurde.

Historisch ist er ja, aber von Traditionschiffen kann nun wirklich keine Rede sein. Da liegt ein Kutter, wie er in vielen Häfen an der Küste zu finden ist, ein Motorboot und eine kleine Yacht. Auf der gegenüberliegenden Seite ein kleines Fischerboot, eher ein Bötchen. Vorm Sieltor dümpelt ein winziger Kahn, an dessen offenliegender Maschine sich zwei Männer zu schaffen machen. Das war’s, wenn man von der eindrucksvollen Fassade der ehemaligen Packhäuser absieht, die inzwischen zu Gaststätten und Wohnhäusern wurden. Eins aber hat Hooksiel, was andere nicht haben. Ein Weihnachtslädchen, das auch im Sommer ein reichhaltiges Angebot zum ,,Fest der Feste“ feilhält. Samt Weihnachtsmann vor der Tür und den mehr oder weniger großen Geschenke-päckchen.

Aber immerhin, wir haben Glück gehabt. Petrus lässt seine Himmelsschleusen geschlossen. Auch auf dem Rückweg zum Troll. Erst am Nachmittag gibt’s dann den angekündigten Regen. Nicht als einzelne Schauer, sondern als einen Schauer, der uns im schützenden Troll natürlich egal ist. Bei einer Tasse Ostfriesentee kann man es drinnen gut aushalten, wenn’s draußen anfängt feucht zu werden. Mehrmals steuern Wohnmobile den Platz an, drehen eine Runde und verschwinden wieder. Am Ende bleiben uns drei Nachbarn, die hier übernachten wollen. Ich habe auch nur für eine Nacht den Obolus an der Badekasse abgedrückt. Morgen, am Sonnabend, wollen wir versuchen im Wohnmobilhafen an der Ostdüne einen Platz zu ergattern. Über zwei Kilometer vor der Stadt aber mit Sicht aufs Wasser und Watt, vorbeiziehende Schiffe und Möwen am Himmel. So jedenfalls verspricht es der „Gastgeber fürs Wangerland“ auf vielen bunt bedruckten Seiten. Bis zur Nordsee sollen es nur wenige Schritte sein. Warten wir’s ab.

Was uns heute bleibt, ist ein verregneter Abend mit Temperaturen, bei denen sich auch ein Wetterfrosch die Decke über den Kopf ziehen würde. Wie gut, dass unser Troll eine funktionierende Heizung hat. Und uns bleibt - wie an jedem Abend - die ,,echte Ostfriesenmischung“, der Tee. Mit einem Kluntje und einem Löffelchen Sahne lässt es sich aushalten, auch wenn das Wetter inzwischen typisch ostfriesisch geworden ist.
Über Nacht hat der Regen nachgelassen. Die Quecksilbersäule hat wieder eine angenehme Höhe erreicht. Wir frühstücken in aller Ruhe, entsorgen, und dann geht’s los. Zum Wohnmobilplatz ,,An der Ostdüne“. Mit Strand, Kinderspielplätzen, Bademöglichkeit in der Nordsee, Hundefreilauffläche und Hundedusche. Doch „Straat över’t Diek“ kennt mein Navi nicht. Gebe ich also meine zweite Adresse „Bäderstraße“ ein. Danach wird gestartet. Doch schon nach etlichen hundert Metern kommen mir Zweifel. Die Dame im Navi will nach links. Dort aber geht’s offensichtlich aus Hooksiel heraus und ins freie Feld. Ein morgendlicher Spaziergänger hilft uns weiter. „Sie müssen rechts abbiegen und dann immer geradeaus. Am Ende links und dann sind Sie da.“ Biege ich also rechts ab, fahre bis ans Ende der Straße. Dann muss ich mich entscheiden: links oder rechts. Nach der Anweisung geht’s nach links. Und siehe da, der Campingplatz liegt vor uns, und davor wiederum weist ein Schild zum Wohnmobilstellplatz auf der rechten Seite. Also nach rechts durch eine Schranke. Wenige Meter weiter stehen wir dann vor dem Anmeldehäuschen. Nach einschlägiger Literatur sollten’s zwei Kilometer sein. Mein Tacho hat aber (unbestechlich, wie er einmal ist) gute vier Kilometer aufgezeichnet.
Wir stehen in der dritten Reihe auf Schotter, auf großzügiger Parzelle, mit Stromanschluss und unverbaubarem Blick auf die See. Wenn man mal von den Rückseiten der vor uns stehenden Hymer-, Chausson-, Bürstner-, Pössl-, LMC- und Carthago-Mobile absieht.

Ich parke den Troll ein und das E-Kabel aus. Meine Angetraute hilft dabei, weil es mir auch heute wieder einmal verdammt schwer fällt. Dann stehen wir mit der Schnauze Richtung Nordsee. Die ist natürlich wieder einmal nicht da. Ich muss mit dem in der Sonne glänzenden Watt vorliebnehmen. Der Wind hat inzwischen wieder aufgefrischt und ist zu einer angenehmen Brise geworden. Vom Land Richtung Meer. Für uns von achtern, also von hinten. Was er nun leider nicht liefert, ist die klare, reine, salzhaltige Seeluft, die meiner kaputten Lunge gut tun würde. Statt dessen gibt’s Geruch nach Gülle, die die Landwirte auf ihre Wiesen und Äcker aufgebracht haben. Wir drei verbringen den restlichen Tag vor und im Troll. Lassen uns durchpusten, von der Sonne bescheinen und beschließen, noch einen Tag an- bzw. abzuhängen. Ohne großartigen und mit vielen Pausen durchsetzten Spaziergang. Was wir uns aber gönnen, ist die kleine „Wanderung“ auf die nahegelegene Düne an der See mit dem benachbarten Campingplatz.
Morgen, Sonntag, soll’s dann von 16 bis 19 Uhr ein Event mit und von ,,Stellplätze zum Wohlfühlen“ geben. ,,Mein Platz auf Achse“, eine Mischung aus Technik-, Produkt- und Präsentationsveranstaltung. Gepaart mit einer Beratungs- und Verkaufsschau. Mit einer gemütlichen und geselligen Platzparty bei Bier und Grillspezialitäten. Mit Comedy und Entertainment. Laut Vorankündigung eine bunte Mischung für Reisemobil- und Caravanfreunde. Und weil die Veranstalter sich laut Ankündigung auf unseren Besuch freuen, wollen wir sie natürlich nicht enttäuschen. Morgen will ich mal sehen, wie groß die Freude wirklich ist.

Ich quäle mich also mit dem Sauerstoffkonzentrator die steile Treppe hoch zum Empfang. Gebe meine Daten auf (erstmal für eine Nacht) und lege meinen Schwerbehindertenausweis vor (wegen Ersparnis der Kurtaxe). „Sie haben bloß 80 Prozent“, erklärt mir die Dame hinterm Tresen, ,,dann gibt’s keinen Erlass.“ „Das kann nicht sein“, kommt’s von mir. ,,Bisher ist mir die Kurtaxe immer erlassen worden. Alle haben die 80 Prozent anerkannt. Für hundert Prozent müsste ich mir jetzt noch ein Bein abnehmen lassen. Wollen Sie das?“ Der Betreiber des Platzes steht neben der Dame, die mir für unseren Kampfdackel von fünf Kilo Startgewicht 3,10 Euro Tagesgebühr berechnet und grinst. „Erlass der Kurtaxe ist ok“, gibt er Anweisung. Nun klappt’s. 2,90 Euro gespart, 17,50 Euro gezahlt. Und die dreiEurozehn für Calle sind an der Nordseeküste fast überall üblich. Da kann ich eigentlich noch froh sein. In Zingst an der Ostsee müsste ich für den Lütten, der immer an Ingrids Rockzipfeln hängt, vier Euro hinblättern zuzüglich der ortsüblichen Kurtaxe. Da kommen dann leicht sieben Euro für einen winzigen Vierbeiner zusammen. Pro Übernachtung.