,,Blumenreich" Blumenhalle & Gartenpark Solch eine Einladung wollen wir uns nicht entgehen lassen: ,,Sie mögen Blumen und Pflanzen? Dann sind Sie im Wiesmoorer ,Blumenreich’ genau richtig! Im fünf Hektar großen Gartenpark können Sie sich ausführliche Anregungen für die Gestaltung des eigenen Gartens holen. Neben dem Japanischen Garten, dem Rosengarten, Mediterranem Garten und vielen Themengärten mehr, kann man sich auch in einem Thai-Chi-Aktivbereich sportlich betätigen. Oder man genießt die zahlreichen Möglichkeiten zur Erholung. Auf einem angelegten Rundgang können Sie natürlich in der Blumenhalle wieder zwischen zahlreichen Blumen und Pflanzen wandeln, jedoch erhalten Sie nun zusätzlich die Möglichkeiten sich per Hörstationen über die Nutzung und Pflege dieser aufklären zu lassen. Für das leibliche Wohl der Gäste sorgt das Blumenhallen Café-Restaurant.“

Als wir ankommen, ist es Mittag. Kurz vor zwölf. Fast 30 Grad im Schatten. Wir gönnen uns eine Pause in der Dahlienstraße 26, im oben erwähnten Blumenhallen Café-Restaurant, in der Touristik GmbH. Die besteht nun nicht aus einem Büro mit vielen Prospekten und netten Damen hinter dem eichenen Tresen, sondern aus einer einladenden Gaststätte mit einer großen Terrasse und vielen Plätzen im Schatten. Dort – genau dort – gehen wir vor Anker. Mit Blick auf das Minigolfgelände im hellsten Sonnenschein und vor uns auf dem Tisch eisgekühltes Mineralwasser mit einem Fischteller ,,Blumenreich’“ samt Brathering, Matjes und gebeiztem Lachs, mit Bratkartoffeln und kleinem Salat (für Ingrid) und einem Schweineschnitzel mit Bratkartoffeln und Salat (für mich). Damit lassen wir’s gut sein, verzichten bei diesen schweißtreibenden Temperaturen auf die Blumenhalle und machen uns auf den Weg nach Aurich.

Aurich

Im Volksmund heißt es: ,,In Aurich ist es schaurig, in Leer noch viel mehr, doch will Gott dich strafen, schickt er dich nach Wilhelmshaven!" Ob das so stimmt oder vielleicht einem Ostfriesen im Suff über die Lippen gekommen ist, das wollen wir nachprüfen. Also auf nach Aurich. Die zweitgrößte Stadt Ostfrieslands soll um 1200 mit dem Bau der Lambertikirche zu Ehren des Heiligen Lambert, den um 703 getöteten Bischof von Maastricht, durch Graf Moritz von Oldenburg gegründet worden sein. 1276 wird Aurich erstmals im Brokmerbrief, einer friesischen Rechtsaufzeichnung, erwähnt. Im Laufe der Zeit entwickelte sich ein rasch aufblühender Vieh- und Pferdemarkt, der Aurich zum unbestrittenen Zentrum Ostfrieslands werden ließ und weit über Aurichs Grenzen - bis in den Mittelmeerraum - berühmt machte.

Die Machtkämpfe der ostfriesischen Häuptlinge - wie die Regenten bis Mitte des 15. Jahrhunderts genannt wurden - bescherten Aurich ein permanentes Auf und Ab: Wechselnde Herren, Aufbau und wieder Zerstörung der von ihnen errichteten Bauwerke, Burgen und Befestigungsanlagen. Nachdem sich die Cirksenas als ostfriesische Herrscher durchsetzten, verlegten sie ihren Hauptwohnsitz von Emden nach Aurich und ließen u. a. eine neue, stattliche Wasserburg errichten. Heute steht an dieser Stelle das Schmuckstück Aurichs, das Schloss. Georg V. ließ es 1852 im englischen Stil bauen.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts mündet Aurich in die ,,Sächsische Fehde". Feuer zerstört die Stadt. Der Wiederaufbau Mitte des 16. Jahrhunderts zeigt schon gezielte städtebauliche Planung. Aus dieser Zeit stammt der Grundriss des Marktplatzes – einer der größten in Norddeutschland - und die Anlage der heute noch erkennbaren Straßen und Gräben. Stiftsmühle, Lambertikirche und Burgtor müssen wir gesehen haben, steht in einschlägiger Literatur.

Unter den rasch sich ablösenden späteren Herren Ostfrieslands - im 18./19. Jahrhundert waren das immerhin Preußen, die Niederlande, Frankreich, das Königreich Hannover und wieder Preußen - entstanden viele der heute noch sehenswerten Bauten, die größtenteils durch das wachsende Volumen an Verwaltungsaufgaben entstanden und in ihren oft prachtvollen Fassaden, Giebeln und Stuckdetails die wirtschaftliche Bedeutung der Funktion als Hauptstadt und seit 1866 zusätzlich als Garnisonsstadt widerspiegelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der damit verbundenen Auflösung von Preußen wurden die Länder neu geordnet und Ostfriesland kam zum neu gegründeten Land Niedersachsen. Aurich erhielt den Status ,,Hauptstadt des niedersächsischen Regierungsbezirks Aurich".

In Aurich erwartet uns ein pieksauberer weiträumiger Stellplatz in Nachbarschaft der abgestellten Pkw. Der Preis pro Nacht je Wohnmobil liegt bei 9 Euro. Ich buche für zwei Tage. Bei der Hitze gehen wir heute nicht mehr in die Stadt. Das muss bis morgen warten. Gegen Vorlage der Quittung können wir zum ,,Duschtarif" von 1 Euro die sanitären Einrichtungen im ,,De Baalje" nutzen. Toilette ist umsonst. Wasser und Entsorgen gibt’s für 1 Euro. Strom kostet 1 Euro pro kWh. Das ist teuer, aber leider nicht zu vermeiden. Zwischendurch bezieht sich der Himmel. Es sieht nach Gewitter aus. Wäre schön, denn Regen kühlt ab. Doch daraus wird nichts. Gegen Abend zeigt der Himmel sein schönstes Blau. Auf den zwanzig Plätzen stehen inzwischen fünf Mobile. Viel weniger, als ich am Morgen beim Abfahren in Steden gedacht habe. Wir sehen einer warmen Sommernacht entgegen. Dann – mitten in der Nacht beginnt es zu blitzen, zu donnern, zu regnen. Ach was sage ich. Regen? Das ist kein Regen mehr. Das ist die Sintflut. Zum Glück liegen wir warm und trocken im Troll. Nicht lange, dann ist alles vorbei. Es ist wieder trocken – und abgekühlt.

Der folgende Tag bringt mehr als die im Ersten angekündigten 32 Grad – 20 am Vormittag und 20 am Nachmittag. Ohne Flax: Es ist zwar nicht richtig heiß, aber schwül warm. Drückende Gewitterluft ohne Gewitter. Das kommt später. Mir läuft bei der Stadtbesichtigung wieder einmal der Schweiß. Unter- und Oberhemd kleben am Körper. In der Fußgängerzone jede Menge Sehleute. In den Geschäften jede Menge Kundschaft.

Wir besuchen als erstes die Drogerie Maaß, die muss man gesehen haben. Wer an eine Drogerie denkt, der wird eine Art Supermarkt vor Augen haben, in dem es in der viele Waren aus dem Drogeriebereich zu kaufen gibt. Bei der ,,Drogerie Maaß" in der Fußgängerzone, Osterstraße 26, sollte man das gleich wieder vergessen. Diese Drogerie ist kaum mit einer anderen in Deutschland vergleichbar. Sie stammt aus dem Jahre 1855 und hat vieles aus dieser ,,guten alten Zeit" bewahrt. Hier können wir nicht nur gucken, sondern auch einkaufen, habe ich im Internet gelesen. Inzwischen ist sie in der vierten Generation in Familienbesitz.

In diesem traditionsreichen Geschäft finden Besucher zahlreiche besondere oder fast in Vergessenheit geratene Artikel: parfümfreie Rasierseife in einer Metalldose, unbehandelte Gewürze, hochwertiges Holzspielzeug und alles rund um den Tee. Fotos mit Auricher Motiven von der Jahrhundertwende bis in die 50-er Jahre, Messingwärmflaschen oder eine alte Haarschneidemaschine. Öffnungszeiten: dienstags bis freitags, 9 Uhr bis 18 Uhr, samstags 9 Uhr bis 15 Uhr. Uns begrüßt eine freundliche Inhaberin hinter dem Tresen. Und auf meine Frage, ob ich Fotos machen darf, kommt: ,,Aber selbstverständlich, wenn Sie auch etwas kaufen.“ Ich lasse also meine Canon arbeiten und meine Ingrid kauft: ,,Meine traditionelle ostfriesische Küche“ mit Rezepten, Fotos, Geschichten und Döntjes, dazu ein hölzernes ,,Hilfsmittel“, um Rullekes – also Neujahrskuchen – herzustellen.

Dann geht’s „Zur Ewigen Lampe“, Aurichs ältester Kneipe in der Hafenstraße 1. Nicht weit vom Marktplatz entfernt finde ich sie. Von den 50 Sitzplätzen sind am späten Freitagmorgen nur die im Schankraum besetzt. Und obwohl es die älteste Raucherkneipe der Stadt ist, ist die Luft hier nicht zum Schneiden dick. Ich kann’s gut aushalten. Könnte es auch noch länger, wenn meine Ingrid nicht draußen mit Calle auf mich warten würde. Daher kann ich zu meinem Bedauern auch keinen typischen Ostfriesentrunk im Traditionslokal probieren. Die Bohntjesopp wird immer dann angesetzt, sobald sich Nachwuchs ankündigt. Neun Monate lang liegen Rosinen und Kandiszucker in Hochprozentigem. Am Tag der Geburt wird das freudige Ereignis im großen Kreis begossen. Meistens bleibt es nicht bei einem Glas. Probiert werden kann aber auch ohne freudiges Ereignis. Einfach nur so. Weil heute Freitag, morgen Sonnabend und übermorgen Sonntag ist.

Für mich reicht die Zeit heute noch nicht einmal für ein Bier. Neben den Stammgästen gehen hier Urlauber so wie ich ein und aus. Hier lernen sie – das steht in der Eigenwerbung - auch Auricher Urgesteine kennen und erfahren den neuesten Auricher Klatsch und Tratsch. Öffnungszeiten: Mo. - Sa.: 10.30 - 14 Uhr und ab 18 Uhr So.: 10.30 - 14 Uhr. Eins nehme ich mir fest vor: Komme ich wieder einmal nach Aurich, nehme ich mir mehr Zeit. Dann will auch ich in der Kneipe „Zur Ewigen Lampe“ Auricher Urgesteine kennenlernen, will dem Auricher Klatsch und Tratsch lauschen. Nur mit dem Rauchen wird’s nichts mehr werden. Das habe ich bereits vor Jahren schweren Herzens aufgegeben.