Wir besuchen das Schloss, heute Sitz von Land- und Amtsgericht und deshalb nur von außen zu besichtigen. Kommen gegen Mittag wieder beim Troll an und entgehen damit einem sehr, sehr heftigen Schauer mit Blitz und Donner. Bevor sich der Himmel beruhigt, schickt er am Nachmittag noch einmal seine nasse Fracht zur Erde. Dann ziehen hellgraue Wolken über uns hin. Ab und zu bricht sich die Sonne Bahn. Dann – aber nur dann – schnellt das Thermometer schlagartig in die Höhe. Sobald die gelbe Scheibe am Himmel wieder unsichtbar wird, kühlt sich’s ebenso schlagartig ab.

Am Nachmittag wagen wir noch einen Ausflug zum Hafen. Die rund 500 Meter fordern mir bei der feuchtigkeitsgesättigten Luft alles ab. Und der Hafen war wohl früher einmal ein Hafen, der wesentlich größer und von wirtschaftlicher Bedeutung für die Stadt war. Heute dümpeln dort ein paar Sportboote, warten ein paar Schuten aufs Entladen, legt die MS ,,Stadt Aurich“ an, um Touristen nach Emden oder Ihlow zu schippern. Dazu gibt’s eine Paddel- und Pedalstation. Doch das war’s dann auch. Eine Viertelstunde später sind wir wieder beim Troll und beschließen, noch einen Tag Aurich anzuhängen. Es gibt noch viel zu sehen.

Trocken aber wolkenverhangen sehe ich den Himmel am Sonnabendmorgen. Mit einer Wohlfühltemperatur. Nicht heiß, aber auch nicht kalt. Genau richtig zum zweiten Erkunden der heimlichen Hauptstadt Ostfrieslands. Vorsichtshalber nehmen wir unsere Schirme mit – und können sie kurze Zeit später gut gebrauchen. Auf kurzem Weg geht’s am Schloss vorbei in Richtung Fußgängerzone. Die ersten Tropfen fallen. Erst vereinzelt, dann geht der Nieselregen in einen richtigen Schauer über. Wir drücken uns unter die Markisen der Läden, weichen dem Nass von oben mit einer Kaffeepause unter schützendem Schirm aus. Erreichen schließlich den Marktplatz mit Kugelbrunnen und Kunst im öffentlichen Raum. Mein für heute geplantes Foto der ,,guten Stube“ samt Markthalle kann ich wieder vergessen. Es ist wie gestern Markttag. ,,Markt ist immer dienstags, freitags und sonnabends“, hat Ingrid von einer Eingeborenen erfahren. Ein Bummel durch die Gassen zwischen den Gemüseständen, den Händlern mit Fleisch- und Wurstwaren, den Tischen mit Nützlichem und Unnötigem für den Haushalt ist für uns unmöglich, weil mit Hund verboten.

Mal regnet es mehr, mal weniger. Kein Wetter für uns, um das alte Hafenwärterhaus (das ,,Pingelhus“) mitten in der Stadt zu besuchen. Früher reichte der Auricher Hafen bis dorthin. Ankommende Schiffe wurden mit einer Glocke (Pingel) begrüßt. Kein Wetter für die Besichtigung des schmucken Neu-Renaissance-Gebäudes der Ostfriesischen Landschaft und der sehenswerten Ruhestätte, des Mausoleums der früheren Grafen und Gräfinnen Ostfrieslands. Und auch kein Wetter, um die Stiftsmühle mit dem Mühlenmuseum zu besuchen. Wir machen uns auf den Rückweg zum Troll. Und haben trotz des leichten Regens Glück. Nach kurzer Zeit unter dem schützenden Dach beginnt es zu gießen. Der Himmel hat seine Schleusen geöffnet. Offensichtlich alle. Die Teerdecke der Zufahrt zu den Stellplätzen scheint sich in einen See zu verwandeln.

Erst Stunden später reduziert sich die ,,feuchte Luft“ auf feines Nieseln, legt sogar ab und zu eine Verschnaufpause ein. Wenig später beginnt es wieder zu schütten wie aus Kübeln. Ein kräftiger Wind treibt den Regen vor sich her und peitscht die Äste der Bäume. Uns aber bleibt für heute ein Nachmittag und Abend im Troll, der Fernseher – mit aktuellen Berichten und Einschätzungen wichtiger und unwichtiger Politiker zu Großbritanniens Brexit - und uns bleibt (last but not least) unser Tee, eine echte Ostfriesenmischung und keine ,,ostfriesische Mischung“. Morgen starten wir erneut durch. Nach Suurhusen soll’s gehen. Dort steht der schiefste Kirchturm der Erde. Viel schiefer als der schiefe Turm von Pisa. Bestätigt im Guiness-Buch der Rekorde. Münkeboe mit dem Museum wollen wir zuerst anlaufen. Übernachtet wird dann am Großen Meer.

Am Morgen lacht die Sonne in den Troll. Der Wind hat sich auf eine frische Brise reduziert. Es ist trocken. Eigentlich wie ein Tag Ende September/Anfang Oktober. Wir lassen uns Zeit bis zum Aufbruch. Haben alle Zeit der Welt, weil die nächste Station nur wenige Kilometer entfernt ist. Lassen’s langsam angehen mit Frühstück, Besuch der sanitären Einrichtung im ,,De Baalje“, mit dem Entsorgen von Grauwasser und Toilettenkassette. Dann wird gestartet. Die gelbe Scheibe am Himmel lacht uns noch immer ins Gesicht.

Kurze Zeit später sind wir in Münkeboe. Das Dörpmuseum besteht aus einem vollständig restaurierten Galerieholländer mit einer Töpferei, einer Schuster-, Klumpenmacher-, Mühlenbau-, Maler-, Böttcher-, Schneider- und Instrumentenwerkstatt. Der zweistöckige Galerieholländer wurde 1854 erbaut und durch den „Verein zur Erhaltung der Windmühle in Münkeboe“ restauriert. Im Rahmen des Dörpmuseums Münkeboe dient die Mühle heute als funktionsfähiges Beispiel eines Industriedenkmals. Zudem gibt es auf dem Dörpmuseumsplatz einiges zu entdecken. Neben einer alten Schmiede, einer Stellmacherei, einem Gattersägewerk, einer Bäckerei, einer einklassigen Dorfschule finden wir auch einen urtümlichen Tante-Emma-Laden. Erfahren alles rund um das Thema Torf. Wir werfen einen Blick in die Gulfhofanlage und das Kolonistenhaus. Zum Abschluss wollten wir eigentlich in den Dorfkrug mit einer eigenen Schnapsdestille einkehren. Das verkneifen wir uns allerdings. Bier macht müde und ein Hochprozentiges beeinträchtigt das Fahrverhalten mit dem Troll enorm.

Danach geht’s weiter nach Hinte-Suurhusen. Ein Ort mit Weltrekord. Dort steht der schiefste Turm auf unserem Planeten. Es ist der Turm der alten Kirche Suurhusen. Sie wurde in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts erbaut. Das Gebäude hatte zunächst keinen Turm. Der wurde 1450 an die Kirche angebaut. Dazu musste das Kirchenschiff in der Länge um ca. ein Viertel gekürzt werden, da sonst auf der Warf kein Platz vorhanden war. Suurhusen war in diesen Zeiten noch stark hochwassergefährdet. So erinnern eine Flutmarke am Turm und eine Inschrift an der Kanzel an die Allerheiligenflut im Jahre 1570.

Der Kirchturm hat mit 5,9 Grad eine größere Neigung als der schiefe Turm von Pisa (4,0 Grad). Durch unsichere Bodenverhältnisse ist der Turm versackt. Mit einem Überhang von 2,43 Metern schiefer als der berühmte Turm von Pisa. Seit dem 8. 11. 2007, 11 Uhr, ist der Kirchturm offiziell der schiefste Turm der Welt. Dies wurde mit Übergabe einer entsprechenden Urkunde durch Vertreter der Redaktion des Guiness-Buches der Rekorde, bestätigt.

Nach so viel Schiefem und dem ersten Regenschauer an diesem Tag lenke ich den Troll Richtung Großes Meer. 2012 wurde für 240.000 Euro ein Wohnmobilhafen mit 30 Stellplätzen, Stromversorgung und Ver- und Entsorgungsstationen errichtet. Stellplatz 9 Euro (Schranke mit Parkautomat), verlorenes Ticket 50 Euro, Strom 2 kWh/1 Euro, Wasser 0,50 Euro/100 l, Kassettenspülung, Entsorgen je 0,50 Euro. Wer die Preisliste 2015 mit der aktuellen aus 2016 vergleicht, wird sehen, dass die Stellplatzgebühr um satte 50 Prozent erhöht wurde. Je angefangene Stunde von 0,50 auf 0,75 Euro, der Tageshöchstsatz von 6 auf 9 Euro, ein verlorenes Ticket von 20 auf 50 Euro angestiegen ist (sind 150 Prozent). Ich wollte, meine Rente würde auch so ansteigen.