Da es bereits nach Mittag ist, habe ich Hoffnung, ein Plätzchen zu ergattern. Die arbeitende Menschheit muss sich meiner Einschätzung nach langsam aus dem Wochenende in Richtung Zuhause bewegen. Morgen früh wartet auf Chefs, Angestellte und Arbeiter ja wieder Schaffen fürs Bruttosozialprodukt. Als wir ankommen staune ich. Kaum die Hälfte von den 30 Plätzen ist belegt. Wir suchen uns aus den verbliebenen 15 einen aus. Stehen in den ersten Stunden ,,ganz allein“. Dann stellt sich ein zehn Meter langer Concorde neben uns. Keine drei Meter entfernt. Auf der einen Seite blicken wir nun auf eine große, weiße Wand. Auf der anderen auf grüne Büsche und Bäume, die die Straße nebenan in kleinen Portionen durchblicken lassen. Die Motorengeräusche von vorbeiflitzenden Autos halten sie allerdings nicht ab.

Da die Sonne immer wieder hinter den Wolken hervorkommt, machen wir zu Fuß einen ,,Ausflug“ ans Meer. Es liegt in Sichtweite des Wohnmobilhafens. Kaum angekommen verdunkelt sich der Himmel. Eine Regenwand zieht auf und schüttet ihre nasse Fracht zur Erde. Wir drei – Ingrid, Calle und ich – finden Schutz unter dem überhängendem Dach eines Pavillons. Als es wieder trocken wird, flüchten wir schnellen Schrittes in Richtung Troll und erreichen unser rollendes Ferienhaus gerade noch vor dem Einsetzen des nächsten Gewitterschauers. So vergeht der Nachmittag und Abend mit abwechselnd blauem Himmel und heftigen Schauern, deren Prasseln sich beim Auftreffen aufs GfK-Dach wie Maschinengewehrfeuer anhört. Nur gut, dass es zumindest im Fernsehen noch ein Trostpflaster für diesen vom Regen gezeichneten Tag gibt. Nein, es ist nicht die Fußball-Europameisterschaft, sondern die sonntägliche Lindenstraße.

Wallhecken

In Ostfriesland heißen Wallhecken kurz „Wall“: Wer sie zwischen Leer, Aurich, Wittmund, Friesland und dem Ammerland entdecken möchte, kann dies am Besten zu Fuß oder mit dem Rad machen. Es warten rund 8.000 Kilometer Wallhecken auf die Entdeckung – ein Erlebnis zu jeder Jahreszeit. Ostfriesland hat das dichteste Netz an Wallhecken in Niedersachsen.

Seit Jahrhunderten wurden diese Hecken auf einem von Hand aufgeworfenen Erdwall angelegt. Am Fuß waren die Wälle zwei bis drei Meter breit und etwa 1,5 Meter hoch. Ursprünglich bestanden sie aus einer dichten Strauchhecke, die das Wild und das auf den Gemeinschaftsweiden frei laufende Vieh von den Dorfackerflächen fern hielt. Außerdem schützten sie vor Wind, markierten Grenzen und lieferten Holz. Die ideale Wallhecke besteht aus einzelnen Großbäumen, so genannten ,,Überhältern" im Abstand von etwa 20 Metern, dazwischen ist möglichst artenreiche Busch- und Strauchvegetation mit Kräutern und Gräsern in der Unterschicht.

Neben der geschichtlichen Bedeutung erfüllen Wallhecken heute wichtige ökologische Funktionen. Sie bieten einen vielseitigen Lebensraum. Bäume, Sträucher, Totholz, Kräuter und Wildblumen bilden die Grundlage für viele Tier- und Pflanzengesellschaften. Kleine Säugetiere und Vögel suchen hier Schutz, Nahrung und Orientierung. Und nicht nur in Ostfriesland stehen diese Wallhecken unter besonderem Schutz. Pflege ist erlaubt, abhacken nicht.

Ostfriesische Namen

Ostfriesische Namen kommen in Deutschland in Mode. Und im Friesischen gibt es seit jeher viele ausgefallene, aber dennoch traditionelle Namen. Während das übrige Deutschland bis Ende des 20. Jahrhunderts strikt an ,,gewöhnlichen" Namen wie Alexander, Gerhard, Otto oder Heinz etc. festhielt, folgten die Friesen schon seit Jahrhunderten der Idee, ihren Kindern außergewöhnliche Namen zu geben. Lange Zeit war es Brauch, die ersten vier Kinder nach den Großeltern zu benennen. Auf diese Weise wurde das Namensgut über Generationen hinweg in der Familie erhalten. Anfang des 20. Jahrhunderts lockerte sich diese Tradition. Heute werden die Namen der Großeltern gelegentlich noch als Zweitname an die Kinder weitergegeben. Die Grundregel dieser Namensweitergabe lautet: Innerhalb einer Familie darf kein Vorname verloren gehen. Das bedeutet, dass alle in der Familie vorhandenen Vornamen an die nächste Generation weitergegeben wurden. Der älteste Sohn erhielt den Vornamen des Großvaters väterlicherseits. Der nächstgeborene Sohn den Vornamen des Großvaters mütterlicherseits. Die älteste Tochter trug den Vornamen der Großmutter väterlicherseits etc.

Vorher hatten nur Familien mit Besitzstand oder erblichen Ämtern Familiennamen. Sie durften den Familiennamen damals selbst wählen. Die meisten entschieden sich für patronymische Namen, also nach dem Namen des Vaters. Janssen von Jan, Gerdes von Gerd, Tammena von Tamme usw. Der Nachname Janssen ist in Ostfriesland übrigens so weit verbreitet, weil Johann und Jan Kurzformen von Johannes sind. Die weiteren Kinder erhielten ihre Vornamen nach den Eltern selbst, Geschwistern der Eltern oder anderen nahe stehenden Verwandten. Die verschiedenen Schreibweisen von Janssen (hs oder sh oder ß) sind auf Lese- oder Hörfehler zurückzuführen. Was einmal falsch in der Geburtsurkunde stand, musste so stehen bleiben. Urkunde ist Urkunde.

Die Ostfriesen ließen gerne Buchstaben weg, so wurde aus Eckehard schlicht . Mehmet ist die ostfriesische Form von Meinhard und Ikea wurden Mädchen schon genannt, lange bevor das gleichnamige schwedische Möbelhaus gegründet wurde. Ikea kommt von Ike.

Ostfriesisches Brauchtum

Rullerkes (Neujahrskuchen) Die Eierkuchen heißen so, weil sie im Waffeleisen (Eierkucheneisen) ausgebacken werden. In Ostfriesland werden sie auch ,,Neejahrskoken" oder ,,Rullerkes" genannt. Das traditionelle Gebäck wird meist das erste Mal am ersten Tag des Neuen Jahres angeboten, wenn die Nachbarn und Freunde einander einen Neujahrsbesuch abstatten. Es heißt dann auch: ,,Glückelk Neejohr - sünd de Koken all klor?" - so heißt es auf Plattdeutsch und bedeutet soviel wie ,,Frohes Neues Jahr - sind die Kuchen schon fertig?"

Schöfeln (Schlittschuh laufen) Sobald die Wasserläufe gefroren sind, hält es die wenigsten Ostfriesen im Haus. Die Schlittschuhe werden hervorgeholt und ab geht’s aufs Eis. Zu früheren Zeiten war es die einfachste und schnellste Möglichkeit, Freunde und Bekannte aus den Nachbardörfern zu besuchen. Im Mittelalter wurden die Schlittschuhe aus Fußknochen von Rindern gefertigt, die mit Lederriemen an den Schuhen festgebunden wurden. Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Breinermoorer (Breinermöörkes) in der Gemeinde Westoverledingen erfunden und produziert. Diese aus Metall hergestellten Schlittschuhe konnten unter jeden Schuhtyp und jede Schuhgröße geschnürt werden.

Eiertrüllen/Eiersmieten (Eierrollen/Eierwerfen)

Hier handelt es sich um einen Brauch, der zu Ostern in Ostfriesland (und wahrscheinlich auch darüber hinaus) bekannt ist. Hart gekochte Eier werden beim Eiertrüllen von kleinen Hügeln gerollt. Ziel bei diesem Wettkampf ist es, das Ei so weit wie möglich rollen zu lassen, ohne das es zerbricht. In Aurich wird dieser Brauch oft an den ,,Eierbergen" im Wallinghausener Wald vollzogen. Das Eiersmieten ist eine Abwandlung dieses Brauchtums. Dabei werden die Eier auf einer Wiese oder am Deich möglichst weit geworfen. Auch hier ist der Gewinner derjenige, dessen Ei am Weitesten geworfen wurde, ohne kaputt zu gehen. Abgewandelt ist auch der Brauch des Eierkickens. Die Hühnerprodukte werden dabei gegeneinandergestoßen. Wessen Ei zerbricht, hat verloren.

Tanz in den Mai Der Tanz in den Mai sowie das Aufstellen eines Maibaums ist wohl in ganz Deutschland Tradition. Der aus einem Birkenstamm bestehende Maibaum, wird einige Tage vor dem eigentlichen Aufstellen von freiwilligen Helfern mit Tannengrün, Birkensträuchern und buntem Papier zu einem stattlichen Maibaum verziert. Am 30. April wird er dann z. B. von der Dorfjugend an einem zentralen Ort aufgestellt. Traditionell in Handarbeit mit langen Seilen, die am Stamm befestigt werden. Nachdem der Maibaum fixiert wurde (er bleibt im Idealfall bis zum letzten Maitag stehen) wird mit Getränken, Grillwurst und Musik gefeiert. Fast jedes Dorf, jeder Ortsteil, jede Stadt und oft auch Sportvereine oder Nachbarschaften stellen an diesem Termin ihren Maibaum auf. Der Maibaum muss ab dem Moment des Aufstellens bis zum Sonnenaufgang am 1. Mai bewacht werden, indem mindestens eine Person der aufstellenden Gemeinschaft den Baum mit einer Hand berührt. Jede Maibaumgesellschaft hat das Recht, Raubzüge zu den Nachbar-Maibäumen zu machen. Schaffen es die ,,Räuber“, einem unbewachten Maibaum drei Spatenstiche zu verpassen, geht er in ihren Besitz über. Sie dürfen den Baum mitnehmen und ihn auf dem eigenen Maibaumplatz aufstellen. Die beklaute Mannschaft hingegen hat das Recht, den gestohlenen Maibaum auszulösen. Die Auslösesumme beschränkt sich meist auf ein Fass oder eine Kiste Bier.

Bruudpad (Brautpfadlegen) Diese Tradition ist überwiegend im Landkreis Aurich Zuhause. Kinder sammeln einige Tage vor Himmelfahrt Moos und Feldb fad (Bruutpadd). Auf weißem Sand als Untergrund, werden mit gelben und blauen Wiesenblumen die verschiedensten Motive gelegt und mit Moos umrahmt. Traditionelle Motive sind Kirchen, Glocken, Wappen, Windmühlen, Schiffe und vor allem die Motive für Glaube - Hoffnung - Liebe ( Kreuz, Anker, Herz). In einigen Gemeinden können diese kleinen Kunstwerke einer Jury vorgelegt werden, die dann die schönsten Brautpfade prämiert.

Der Ursprung liegt in einer Sage, wonach der Bräutigam einer Cirksena-Tochter (ostfr. Häuptlingsgeschlecht) von seinem Nebenbuhler auf dem Weg zur Hochzeit erschlagen wurde. Vor lauter Gram verstarb die Braut an der Bahre ihres Bräutigams. Beide wurden daraufhin gemeinsam zu Grabe getragen. Der Weg zur Grabstätte wurde nach der Erzählung mit Tausenden von Blumen bestreut.

Martinisingen Am frühen Abend des 10. Novembers ziehen die Kinder von Haus zu Haus und singen den Bewohnern ein Martinilied. Der meist kostümierte und mit Laternen ausgestattete Nachwuchs lässt sich für seine Gesangsdarbietung mit Süßigkeiten belohnen. In vielen ländlichen Gebieten gehen auch Jugendliche und Erwachsene in ihrer Nachbarschaft Martinilaufen. Statt Süßigkeiten gibt es dann meist einen Schnaps. Das Martinisingen oder auch Martinilaufen und ist ein alter protestantischer Brauch, an dem der Geburtstag Martin Luthers gefeiert wird.