Puppvisit (Kinderbesuch) Erblickt ein neuer Erdenbürger das Licht der Welt, so laden die Ostfriesen ihre Nachbarn, Freunde, Bekannte und Verwandte ein, um das Baby betrachten zu können. Sie kommen zur ,,Puppvisit". Ist der Besuch eingetroffen, so schenken die Eltern des oder der Kleinen einen Umtrunk zum Anstoßen aufs Babyglück aus. Natürlich steht hier ein ostfriesisches Nationalgetränk, ,,Brannwien mit Rosinen", ,,Bohntjesopp" oder auch ,,Kinnertöön" an erster Stelle. Traditionell erhalten die neuen Eltern auch einen Bogen oder eine Girlande, die mit vielen Babystramplern, Söckchen und anderen Babyutensilien verziert den Garten oder den Hauseingang schmücken.

Bogen machen Zu größeren Ereignissen im Leben eines Ostfriesen wird von Nachbarn oder Freunden ein Bogen geschmückt und dem zu Ehrenden an die Haustür gehängt. So gibt es einen Bogenschmuck z. B. zum Einzug in ein neues Haus, zur Kindsgeburt, zur Hochzeit (hölzerne Hochzeit, Silberhochzeit, goldene Hochzeit) oder auch zu runden Geburtstagen und Jubiläen. Die meisten Bögen bestehen aus einem Holzrahmen, der mit Tannengrün, Papierblumen und einem Hinweis auf das zu feiernde Ereignis behängt ist. Der Bogen wird von der Bogengemeinschaft am Türrahmen befestigt und der/die Jubilare werden mit einem Lied aus dem Haus gebeten. Dann wird an die Beteiligten ein Schnaps ausgeschenkt. Im Anschluss werden alle Gäste ins Haus oder in den Garten zur Feier eingeladen.

25. und 30. Geburtstag Unverheiratete Männer und Frauen bekommen zu ihrem 25. Geburtstag eine Girlande, die entweder mit Schachteln (Frauen) oder mit Socken (Männer) verziert ist. Diese Girlande wird gut sichtbar an der Haustür oder im Garten befestigt. Sind Singels bis zu ihrem 30. Geburtstag noch nicht verheiratet, kommt die Steigerung Die Männer und Frauen werden verkleidet (hier sind der Fantasie bzw. der Gemeinheit des ausrichtenden Freundeskreises keine Grenzen gesetzt) und anschließend an einen öffentlichen Platz geführt (Rathaus, Kirche, Marktplatz). Die Männer müssen nun die mit Kronenkorken beworfene Treppe des entsprechenden Gebäudes bzw. den Platz sauber fegen. Und zwar so lange, bis sich eine Jungfrau aus der Zuschauerreihe bereit erklärt, das Geburtstagskind frei zu küssen. Die Frauen müssen als Strafe für ihr Singeldasein Klinken eines öffentlichen Gebäudes putzen, bis sie von einem jungen Mann frei geküsst werden. In der Regel wird dieses Spektakel mit reichlich Bier und Schnaps gefeiert.

Der nächste Morgen ist trocken, windig, mit grauem Himmel, Wolkenlöchern, durch die die Sonne scheint. Für uns geht’s weiter durch Ostfriesland. Rysum auf der Krummhörn oder Marienhafe, das ist die Frage. Weil’s in Rysum nichts Außergewöhnliches außer dem Rundwarfendorf gibt, gebe ich Marienhafe im Navi ein. Dort ist nicht nur der Störtebekerturm, ein Denkmal des Seeräubers, sondern auch Störtebekers Teestube. Der Höhepunkt sei die ostfriesische Teezeremonie, steht im Flyer, den ich in der Touristinfo am Großen Meer entdeckt habe. Dazu gibt’s selbstgebackenen Kuchen, der den Genuss von Tee perfekt abrundet, behauptet die Inhaberin Elfriede Rocker in ihrer Werbung. Einziges Problem dabei, die Teestube ist heute geschlossen und erst morgen, Dienstag, ab 13 Uhr geöffnet. Macht nix, denke ich, dann düsen wir erst zum Störtebekerturm, gucken uns sein Ebenbild in Bronze an (von Karl-Ludwig Böke, Leer, 1992 eingeweiht), erkunden den Standort der Teestube und ,,schlagen dann morgen zu“. Ich starte also gegen halbzehn durch. Es sind nur zwölf Kilometer. Wir kommen durch die Hauptstraße ins Zentrum und dann auf den Marktplatz. Ich habe Glück und kann dort im Schatten von Störtebeker und seinem Turm parken. Mit Parkscheibe für zwei Stunden.

Danach drehen wir eine Runde auf Schusters Rappen. Erst um den Likedeeler (Seeräuber), dann durch die Hauptstraße und den Turm, der sich (wohl der Standfestigkeit wegen) an eine Kirche anlehnt. Und finden dahinter die Teestube, die sich den Namen des Freibeuters aufs Panier geschrieben hat. Die Geschichte erzählt, dass der Pirat Ende des 14. Jahrhunderts im Hafen von Marienhafe Zuflucht suchte. Damals, auf der Flucht vor der Hanse, Dänemark und dem deutschen Ritterorden. Zu der Zeit lag die Stadt noch nicht im Binnenland. Nach einer schweren Sturmflut soll Marienhafe direkt an der Nordsee gelegen haben. Die Vitalienbrüder Klaus Störtebeker, Gödeke Michel, Wigbold und Wichmann verlegten damals ihre Überfälle auf die Schiffe der Hanse von der Ostsee und dem Skagerak an die Nordsee. Hier lebten die Friesen, die mit der Hanse auf Kriegsfuß standen, sich aber auch untereinander bekämpften. Daher wurden die Piraten mit offenen Armen empfangen. Jeder Friesenstamm hatte so seine eigenen Mitstreiter bei den Stammesfehden. In der damaligen ,,Hafenstadt" Marienhafe ließ sich ein Großteil der Piraten nieder. Zur Zeit des Häuptlings Widzel tom Brook war Marienhafe im Brookmerland (Bruchland, Feuchtland) einer der wichtigsten Orte der Friesen.

Im ersten Stockwerk des Kirchturms befindet sich die Störtebeker-Kammer. Klaus Störtebeker soll während seiner Aufenthalte in Marienhafe um 1400 darin gewohnt haben. Heute beherbergt sie das Turmmuseum mit einer Dokumentation zur Baugeschichte. 1996 lebte dieses Ereignis erneut auf. Störtebeker und seine Kumpanen kamen im Rahmen des Störtebeker-Freilichtspiels nach 600 Jahren wieder nach Marienhafe zurück. Der Erfolg war so beeindruckend, dass die Organisatoren alle drei Jahre die Störtebeker Freilichtspiele inszenieren. Rund 150 Laienspieler treten dann an, um die Zeit der Hanse und der Freibeuter in Marienhafe wieder auferstehen zu lassen.

Die Tür zur Teestube von Elfriede Rockers Störtebeker steht offen, als ich den Eingang ,,auf die Platte banne“. ,,Kommen Sie ruhig herein, kommt uns eine Angestellte entgegen. Dem kommen wir gern nach. Das geht hier auch mit Hund. ,,Wir wollen morgen wiederkommen. Zur Teezeremonie samt Teestunde. Heute haben Sie ja leider geschlossen.“ ,,Ach was. Eine Teestunde mit Zeremonie kann ich Ihnen auch heute bieten.“ Das nenne ich Kundenfreundlichkeit, Superservice und Gastlichkeit, wie sie im Buche steht. Davon könnte sich manch ein Angestellter im Discounter oder Fachgeschäft eine große Scheibe abschneiden. Wie oft habe ich mich geärgert, wenn ich einem Verkäufer Fragen stellte und der dann deutlich zu erkennen gab, dass er dies als Belästigung empfand .

Wir drei – Ingrid, Calle und ich – nehmen also Platz an einem Tisch mit roter Samtdecke und mit rotem Samt gepolsterten Stühlen. Bewundern die Einrichtung, die einem Museum gleichkommt. Einem Museum, in dem wir uns schon beim Betreten des Gastraumes wohlfühlen. Bekommen wenige Minuten später in einer kleinen Teezeremonie das ostfriesische ,,Lebensmittel“ serviert. Zusammen mit einer überaus leckeren Ostfriesentorte. Wer allerdings auf sein Gewicht und die eingefahrenen Kalorien achtet, sollte lieber die Finger von solchem Gebäck lassen.

Die zierlichen Tassen, die Teller, das Stövchen, die Kanne, das Sahnekännchen und der Zuckertopf stammen von der Firma Blume aus Friedeburg. Die haben wir vor wenigen Tagen besucht. Schnell, viel zu schnell, geht diese Teestunde vorbei. Wir verabschieden uns. Ich steuere den Platz für die Nacht an. Im Naherholungsgebiet Tjücher Moortun. Einen Kilometer vom Ortszentrum entfernt. Von den fünf Stellflächen ist keine belegt, fünf Euro soll die Nacht kosten. Strom gibt’s für einen Euro pro 24 Stunden. Vor uns liegt der See zur einen und weite Wiesenflächen zur anderen Seite. Es sieht nicht so aus, dass wir heute noch Gesellschaft bekommen würden. Wir sind ganz allein auf weiter Flur. Mitten im Grünen. In Gesellschaft von Teichhühnern, Nonnengänsen, Kühen und Pferden. Nur ab und zu kommt ein Wanderer oder ein Jogger auf dem nahen Rundweg um das Gewässer vorbei. Um ungebetenen Besuch in der Nacht zu vermeiden, will ich heute Abend meine ,,Einbruchmeldeanlage“ scharf stellen. Dann läuft tatsächlich noch ein zweites Mobil aus GE diesen ,,Hafen“ mitten im Grünen an. Einige Zeit später noch ein drittes aus den Niederlanden. Und weil wir uns ja mitten in Ostfriesland befinden, stellt sich am frühen Nachmittag der Regen ein.

Ostfriesische Nationalgerichte

"Updrögt Bohnen" (getrocknete Bohnen) sind ein ostfriesisches Nationalgericht. Kenner der friesischen Küche reihen es auch heute noch in die Kette der schönsten Delikatessen ein! Die geernteten Bohnen werden entfädelt und zum Trocknen auf einen Faden gezogen. Sie werden für mehrere Wochen unter Remisen oder auf den Dachboden gehängt. Später können sie in Leinenbeuteln bis zum Kochen aufbewahrt werden.

Die Bohnen werden gründlich gewaschen und mit einer Haushaltsschere in zwei Zentimeter lange Stücke geschnitten. Dann weicht man sie eine Nacht lang ein. Am folgenden Tag werden sie in frischem Wasser etwa 20 Minuten gekocht. Nun gibt man sie auf einen Durchschlag und spült sie noch mal ab. Der Speck wird mit dem Wasser und den Bohnen aufgesetzt und muss zwei Stunden langsam kochen. In der letzten halben Stunde werden die Kartoffeln und die Pinkelwürstchen mitgekocht. Wenn alles gar ist, wird das Gericht durchgestampft (oder auch nicht) und mit etwas Salz und Pfeffer abgeschmeckt. Zu diesem Gericht stellt man Essig auf den Tisch! Zutaten: 500 Gramm Bohnen, 750 Gramm durchwachsener Speck, 4 Pinkelwürstchen, 1/2 - 3/4 Liter Wasser, 500 Gramm Kartoffeln, Salz und etwas Pfeffer.

Mehlpütt - ist vereinfacht gesagt - die ostfriesische Variante der bayerischen Dampfnudel.

Mehlpütt ist plattdeutsch, daher wird es Mehlpüüt ausgesprochen. Im Hochdeutschen bedeutet es Mehlbeutel. In Ostfriesland isst man ihn warm zum Mittag, am liebsten mit ebenfalls warmem Birnenkompott oder Vanillesauce. Der Mehlbeutel besteht aus einem einfachen Hefeteig, der im Tuch hängend über Wasserdampf gegart wird. Und was kommt dabei heraus? Eine Backware ohne Kruste. Der Mehlpütt reiht sich damit ein in die Linie anderer Exemplare „mit ohne“ – wie der Germknödel aus Österreich, wie das Tramezzino aus Italien und, neu dabei, wie das Seniorenbrot aus Fulda. Zutaten Mehlpütt: 30 g Hefe , 1 TL Zucker , ½ L Milch, lauwarm , 800 g Mehl , 3 Eier, 1 EL Schmalz (Ersatz Butter), Salz. Für die Beilage: Vanillesoße und angedickte, warme Birnen.

Zubereitung: Hefe, Zucker und 4 EL lauwarme Milch miteinander verrühren und 10 Minuten stehen lassen. Restliche Milch, Mehl, Eier, etwas Butter, etwas Salz miteinander verrühren. Hefemilch hinzu geben und gut durchrühren. Teig an warmen Ort zugedeckt gehen lassen, bis er sein Volumen verdoppelt hat. In einem hohen Topf ca. eine Handbreit Wasser zum Kochen bringen. Teig gut durchkneten und zum Kloß formen, in ein Küchentuch legen und dieses unter den Deckel hängen. Das Handtuch wird an den Griffen des Topfes befestigt. Der Mehlpütt darf aber nicht in das Wasser reichen, sondern sollte ein paar Zentimeter darüber hängen. Der kochende Wasserdampf strömt nun an dem Hefekloß vorbei und bringt den Teig zum Garen. Die Garzeit beträgt etwa 45 Minuten. Dann heiß servieren.

Insett Bohnen - Als klassisch-ostfriesisch gilt das Gericht "Insett Bohnen", das aus "Schnippelbohnen" besteht. Dazu isst man Bauchspeck und Kartoffeln. Schnippelbohnen sind Stangenbohnen, die mit einer speziellen Maschine in feine Streifen geschnitten wurden. Früher wurden Schnippelbohnen in Holzfässern durch Salz und Milchsäuregärung haltbar gemacht.

Schnippelbohnen-Eintopf: 1 kg Schnippelbohnen, 750 g Kartoffeln, 4 Kasseler Koteletts, 200 g geräucherter Bauchspeck, 1/4 l Wasser, etwas Pfeffer. Die gesalzenen Schnippelbohnen (Schneidebohnen) gründlich waschen, eventuell wässern und anschließend in einem Topf mit Wasser abgießen und Schnippelbohnen mit 1/4 l Wasser, dem Speck 1 Std. langsam garen. Dann geschälte und gewürfelte Kartoffeln und Pfeffer dazugeben. Alles nochmals 20 Min. bei mittlerer Hitze garen lassen. Das Fleisch herausnehmen. Kartoffeln und Schnippelbohnen durchstampfen. In alten ostfriesischen Küchen bezeichnet man das Gericht auch als ,,Bohnenstampsel".

Grüne Erbsen und dicke Bohnen gab es nur im Sommer als Gemüse, da man vor 1900 das Einkochen noch nicht kannte. Die grüne Bohnen wurden, wenn man sie nicht frisch verwendete, fürs ganze Jahr in Holz- oder Tonnenfässern – fein geschnitten und mit 1 Pfund Salz auf 10 Pfund Bohnen gemischt – solange gestampft, bis sich eine Flüssigkeit zeigte, dann mit einem Leinentuch, einem Brett und Steinen beschwert, bedeckt. Nachdem diese Bohnen einen Gärungsprozess durchgemacht hatten, waren sie kochfertig.